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Waschmaschine mit Abschiedsbrief

Elektroschrott-Entsorgung Waschmaschine mit Abschiedsbrief

Man könnte man meinen, die Devise der heutigen Elektro- und Elektronikgeräte lautet: „Schnell leben – jung sterben“. Fernseher und Co. werden schnell durch neue Geräte ersetzt. Doch was tun mit den „Elektroleichen“?

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Viele Altgeräte enthalten wertvolle Rohstoffe wie Kupfer. Diese können recycelt werden.

Quelle: Julia Scipio

Marburg. Auf dem Recyclinghof von Integral im Marburger Stadtteil Cappel stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme, Haushaltsgeräte oder ausgediente Unterhaltungselektronik – bereit zum Abtransport zu deren fachgerechter Entsorgung. Was uns noch beim Einkauf wegen neuer Features und einem schicken Design begeisterte, fristet sein Dasein nun in Gitterkästen und Containern – vom Neupreis keine Spur mehr.

„Ohne Wert sind die Altgeräte keineswegs, sie enthalten noch viele wertvolle Rohstoffe“, erklärt Dr. Susanne Schober, Leiterin des Betriebs. Die Rohstoffe seien recycelbar. Daher nehmen Mitarbeiter von Integral die Geräte vor deren Abtransport auseinander und entfernen die wertvollen Komponenten. „Gerade Kupfer ist in vielen Altgeräten vorhanden. Beispielsweise in Kabeln, das sieht man nur nicht sofort“, erläutert Schober.

Kinder durchforsten illegale Deponien

Doch auch illegale Transportunternehmen wissen, dass Altgeräte durchaus noch von Wert sind. Die illegalen Unternehmen kaufen augenscheinlichen Elektroschrott auf und transportieren ihn in Länder der Dritten Welt. Das kommt Herstellern gelegen, da die fachgerechte Entsorgung eines Computerbildschirms bis zu vier Euro kostet, während Exporteure sogar bis zu 1,50 Euro dafür bieten.

Die Menschen in den ärmsten Regionen der Welt unternehmen einen letzten Versuch, die alten Geräte noch einmal zu verkaufen. Was wirklich nicht mehr funktioniert, landet anschließend auf illegalen Deponien, wo Kinder in mühsamer und extrem gefährlicher Arbeit versuchen, Rohstoff-Reste aus Altgeräten herauszulösen.

Nicht selten verletzen sie sich dabei schwer an den scharfen Kanten, und auch die Vergiftungsgefahr der Kinder steigt beträchtlich. Altgeräte bergen nämlich nicht nur Schätze, sondern auch Gefahren wie beispielsweise Schwermetalle. Bereits schwermetallhaltiger Staub ist hochgradig giftig.

Deutsche Recyclinghöfe sind dazu verpflichtet, solchen als Sondermüll zu entsorgen, berichtet Dr. Susanne Schober. Im Vergleich dazu: Die gesundheitsschädlichen Elektro-Überbleibsel werden in den armen Ländern ungefiltert unter freiem Himmel verbrannt und schädigen dort Mensch und Umwelt massiv.

Neues Gesetz soll unkontrollierten Export verhindern

Die umweltgerechte Entsorgung von Elektro- und Elektronikgeräten steht nun – neben der Wiederverwertung der Rohstoffe und der Verhinderung des illegalen Exportes – im Fokus der Novelle des „Elektro-G“. Die Neuerung des Elektrogesetzes durch den Bundestag kümmert sich detailliert um die Verfahrensweise mit Elektroschrott und wurde auf Drängen von Bundesministerin Barbara Hendricks beschlossen.

„Alles, was über den Handel rausgeht, soll darüber auch wieder reinkommen“, so Hendricks. Daher sind neben den Herstellern nun auch die großen Vertreiber von Elektro- und Elektronikgeräten in der Pflicht, Altgeräte zurückzunehmen und für deren fachgerechte Verwertung zu sorgen. Der geliebte Laptop, der ausgediente Toaster, Lockenstab und Co. können also mit Eintreten des Gesetzes auch bei einem großen Vertreiber wie Mediamarkt kostenlos abgegeben werden.

Die Elektro-Branche im Landkreis Marburg-Biedenkopf sieht den Gesetzesentwurf wenig kritisch. Harald Kühn, Geschäftsführer von Medialand im Kaufpark Wehrda sagt: „Wir nehmen die Altgeräte bereits freiwillig zurück. Da wird sich für uns nicht großartig etwas ändern, weder an gesteigertem personellen noch an finanziellem Aufwand.“ Denn Medialand habe eine Kooperation mit dem Recyclinghof Relectro.

Auch Holger Neubauer, Geschäftsführer des Mediamarktes in Marburg, gibt sich gelassen. Sein Geschäft bietet diesen Service für seine Kunden bereits seit Längerem an und gibt die rückläufigen Geräte an Integral weiter. Von dort aus machen sich die alten Geräte auf ihre letzte Reise. Sie werden in verschiedene Container einsortiert, von Logistikunternehmen abgeholt und zu einer fachgerechten Entsorgungsstelle transportiert.

Gut ausgebautes Sammelnetz

„Einmal fanden wir sogar einen Abschiedsbrief in einer alten Waschmaschine, in dem sich die Besitzerin verabschiedete“, erinnert sich Schober und lacht. Den „letzten schweren Gang“ von Waschmaschine und Co. koordinieren die Hersteller über eine gemeinsame Organisationsstelle und tragen weiterhin auch die Kosten für die Altgeräte-Entsorgung. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf wird die Entsorgung von Elektroschrott über den Verband Abfallwirtschaft Lahn/Fulda organisiert.

Das Sammelnetz für Elektroschrott ist gut ausgebaut und bietet viele Anlaufstellen. So können Privatpersonen, so oft sie wollen, Elektroabfall anmelden. Dieser muss zum vereinbarten Termin nur vor die Türe gestellt werden und wird kostenlos abgeholt – beispielsweise durch Integral. 2035 Tonnen Elektroschrott sammelt laut Schober alleine Integral pro Jahr.

Aus diesem Grund rechnen die großen Vertreiber nicht mit einer Flut an Altgeräten, sobald das neue Elektroschrottgesetz in kraft tritt. Weitreichende Veränderungen für die Region sieht auch Schober nicht – da der Service in der Region ja bereits angeboten werde.

Ob das neue Gesetz allerdings auch die fachgerechte Entsorgung gewährleisten kann, sieht sie kritisch. Was fehlt, seien flächendeckende Kontrollmechanismen der „Schrott-Transporter“. „Das Altgerät bei Lieferung eines neuen gleich mitnehmen zu lassen, ist zwar angenehm, allerdings kann nicht jeder Transporter kontrolliert werden“, sagt sie. So bestünde auch weiterhin die Möglichkeit, dass trotz der Gesetzesneuerung Elektromüll durch die schwarzen Schafe der Branche illegal in Dritte-Welt-Länder exportiert werde.

Wer als Verbraucher Verantwortung übernehmen möchte, so Schober, solle seine Altgeräte zu öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern bringen. Dadurch könne sichergestellt werden, dass der ausgediente Laptop Deutschland nicht verlässt und auf illegalen Mülldeponien in Dritte-Welt-Ländern Schaden anrichtet.

von Julia Scipio

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