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Was muss passieren, damit die Welt ein wenig sicherer wird?

Weltfriedenstag Was muss passieren, damit die Welt ein wenig sicherer wird?

Ausgerechnet am 1. September diskutiert der Bundestag über eine Entscheidung, die als „Kurswechsel“ in der deutschen Außenpolitik angesehen wird: Waffenlieferungen in den Irak.

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Quelle: Boris Roessler

Marburg. Seit Beginn der 1950er Jahre wird der 1. September als „Tag des Friedens“ bzw. als „Weltfriedenstag“ bezeichnet, an dem die Öffentlichkeit in Versammlungen und Kundgebungen zum Eintreten für den Weltfrieden aufgerufen wurde. Er erinnert an den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Angriff der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939. Das ursprüngliche pazifistische Motto „Nie wieder Krieg“ ist angesichts der Realität heute überholt.

Geht es nach dem Willen der Bevölkerung, sollte sich Deutschland mit Waffenlieferungen eher zurückhalten. In einer repräsentativen N24-Emnid-Umfrage sprechen sich 14 Prozent der Befragten für Waffenlieferungen aus, 5 Prozent wollen Truppen der Bundeswehr in den Anti-Terror-Kampf schicken. Weitere 9 Prozent der Deutschen wollen beides, also deutsche Waffen und Soldaten gegen den IS. Die deutliche Mehrheit von 70 Prozent aber fordert, Deutschland solle sich „militärisch aus dem Konflikt heraushalten“. Möglicherweise spielt dabei auch die Angst vor Vergeltungsanschlägen von IS-Sympathisanten in Deutschland eine Rolle. Denn 64 Prozent der Deutschen haben schon jetzt Angst vor Attentaten von IS-Terroristen in Deutschland. Nur 35 Prozent der Befragten fürchten keine IS-Anschläge in Deutschland.

Nicht nur im Irak ist der IS eine Bedrohung, sondern auch in Syrien. Aber die Deutschen wollen auch dort kein verstärktes militärisches Eingreifen des Westens. Nur 40 Prozent der Deutschen fänden es gut, wenn die USA den syrischen Machthaber Assad militärisch im Kampf gegen die IS-Milizen unterstützen würden. 46 Prozent der Befragten lehnen amerikanische Militärhilfe für den syrischen Diktator ab.

Die OP hat im Vorfeld der Abstimmung im Deutschen Bundestag die beiden heimischen Bundestagsabgeordneten, Vertreter beider christlicher Kirchen und den Friedensforscher Johannes M. Becker gefragt: „Was muss passieren, damit die Welt ein klein wenig sicherer wird?“

Die Antworten lesen Sie auf dieser Seite – und sie repräsentieren die ganze Bandbreite an Stimmung, die in Deutschland zu dieser schweren Frage zu spüren ist.

Stefan Heck

Wohlstand sichert Frieden

„Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg leben wir heute in friedlicher, sogar freundschaftlicher europäischer Nachbarschaft. Der Erfolg der Europäischen Union als Friedens- und Wohlstandsgemeinschaft weist den Schlüssel zum Erfolg in vielen Konfliktregionen der Welt: Friede durch Wohlstand. Wohlstand durch wirtschaftliche Freiheit und Handel. 

Soll die Welt auch nur ein klein wenig sicherer werden, brauchen wir doch einen langen Atem. Es ist wichtig, aber es genügt nicht, im akuten Konfliktfall eine Krise zu meistern. Wir müssen mit langfristigen Partnerschaften mehr Wohlstand in die Welt tragen. Die Regierungen vor Ort müssen aber auch die richtigen Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Entwicklung setzen. Jeder kleine Traum, den sich die Menschen erfüllen können – eine Wohnung, ein eigenes Auto oder ein kleiner Laden –, ist eine Niederlage für Extremisten und Terroristen.“

  • Dr. Stefan Heck ist CDU-Bundestagsabgeordneter

Sören Bartol

Konflikt-Ursachen bekämpfen

Mehr Sicherheit gibt es letztlich nur, wenn wir die Ursachen für Konflikte wie Armut und die ungleiche Verteilung von Reichtum und Lebenschancen bekämpfen und wenn wir eine gerechtere Weltordnung mit starken internationalen Institutionen aufbauen.

Die Frage nach Sicherheit und Frieden hat angesichts der Nachrichten, die uns jeden Tag aus Syrien, aus dem Nordirak und von der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästinensern erreichen wieder eine ganz unmittelbare Bedeutung bekommen. Mit der Ukraine-Krise steht nicht weniger als die europäische Friedensordnung auf dem Spiel. In dieser Situation ist es gut, dass wir mit Frank-Walter Steinmeier einen Außenminister haben, der eine kluge Außenpolitik mit den Mitteln der Diplomatie und klaren Prinzipien verfolgt.

Die Entscheidung für militärische Ausrüstungshilfe für den Nordirak, die wir Montag im Bundestag zu treffen haben, ist sehr schwierig. Es gibt dabei kein schwarz und weiß. Aber angesichts der Bedrohung durch die Terrortruppen „Islamischer Staat“ und der Situation der Flüchtlinge halte ich sie für richtig, wenn wir gleichzeitig unsere humanitären und politischen Anstrengungen im Irak intensivieren.

  • Sören Bartol ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion

Franz Langstein

Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit

„Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist; er lässt sich auch nicht bloß durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er entspringt ferner nicht dem Machtgebot eines Starken; er heißt vielmehr mit Recht und eigentlich ein ‚Werk der Gerechtigkeit’“. 

Dieser Satz des Zweiten Vatikanischen Konzils beinhaltet wesentliche Gedanken in Bezug auf unsere Frage: „Was muss geschehen, damit die Welt ein klein wenig sicherer wird?“ 

Frieden ist ein „Werk der Gerechtigkeit“; das heißt auch, dass Frieden eine Frucht der Gerechtigkeit ist. Wo es gerechte Verhältnisse gibt, haben die Menschen kaum einen Anlass, gegen andere kriegerisch aufzubegehren. Oder andersherum: Wo immer Menschen gegeneinander aufbegehren, liegen die Ursachen oft in einer himmelsschreienden Ungerechtigkeit. Frieden ist also nicht erst zu schaffen, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen ist“, also wenn Krieg herrscht, sondern Frieden ist immer wieder herzustellen, indem für Gerechtigkeit zu sorgen ist. Friedensarbeit ist also auch in Zeiten ohne Krieg zu leisten. 

  • Franz Langstein ist Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Evangelist

Helmut Wöllenstein

Waffen dürfen nur das vorletzte Wort haben

Wir müssen ändern, was die Welt unsicher macht: Ihre Spaltung in globale Gewinner und Verlierer überwinden. Mehr Respekt vor anderen Kulturen, neues Einfühlungsvermögen in andere Religionen entwickeln. Vor allem eine gerechte Weltwirtschaft. Vielleicht muss der Bundestag heute entscheiden, dass man Waffen liefert, um möglichst unter internationaler Kontrolle gegen den IS vorzugehen, das Gemetzel zu stoppen, Frauen und Kinder zu retten. Doch Waffen dürfen nur das vorletzte Wort haben. Das letzte Wort muss die Diplomatie sprechen. Und dieses letzte Wort muss dem vorletzten jetzt schon ins Wort fallen: 

Was ist das Ziel der Kämpfe? Was geschieht anschließend mit den Waffen? Wie werden wir helfen? Wer wird unser Partner sein? Kann der Profit aus der Waffenproduktion in den Aufbau umgelenkt werden? Geht es um Menschenrechte oder um Öl? Denn jede Unglaubwürdigkeit des Westens wird 7 neue IS-Kämpfer aufstehen lassen, wo jetzt einer fällt.

  • Helmut Wöllenstein ist Propst des Sprengels Waldeck-Marburg

Johannes M. Becker

Waffenexporte verbieten!

1. Das Grundgesetz und die Charta der UNO mit ihren eindeutigen Friedensgeboten müssen unbedingt befolgt werden. Krieg und Waffengewalt müssen geächtet werden.

2. Das internationale Gewaltmonopol muss bei der – allerdings zu reformierenden - UNO liegen. Diese muss hierzu die nötigen Mittel bekommen. 

3. Kriegführende Staaten müssen für alle Nachkriegs-Wiederaufbaukosten verantwortlich gemacht werden.

4. Waffenexporte sind grundsätzlich zu verbieten. Ein Anreizsystem zur Abrüstung (bspw. Ackerinstrumente/Minensuchgeräte gegen Waffen) ist aufzubauen. Die Privatisierung von Polizei und Militär ist abzulehnen.

5. Die Abschottung der Märkte der starken Ökonomien durch Subventionen gegenüber den Produkten der Entwicklungsländer muss rasch abgebaut werden.

6. Das Prinzip der Nachhaltigkeit muss das gesamte Leben bestimmen. 

7. Armut und Unbildung sind umfassend und überall zu bekämpfen: Die Mittel dazu sind vorhanden, sofern gerechte Steuern auf alle Einkommen und Vermögen erhoben werden. (Die Haushalte fast aller Länder wären darüberhinaus in Kürze saniert.)

  • Privatdozent Dr. Johannes M. Becker ist lehrt und forscht am Zentrum für Konfliktforschung
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