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Was macht den Bauern zum Massenmörder?

Genozid in Kambodscha Was macht den Bauern zum Massenmörder?

Im August wird der Jungwissenschaftler in Kambodscha Menschen interviewen, die sich vor 40 Jahren am Massenmord der Roten Khmer beteiligt haben. Er wird sich in Massenmörder hineinversetzen, um sie zu verstehen.

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Einige von Hunderten Totenköpfen in der Gedenk- „Stupa,  einer Art Tempel am Choeung Ek Killing Fields Memorial Museum in der Hauptstadt von Kambodscha Phnom Penh.Foto: Timothy Williams

Quelle: Timothy Williams

Marburg. „Hätte ich mitgemacht - hätte ich mich an der Verfolgung und dem Massenmord an den Juden beteiligt?“ Timothy Williams ist sich sicher, dass sich nicht nur Sadisten und Psychopathen an Völkermorden beteiligen. „Gruppenzwang und andere soziale Dynamiken haben Menschen wie Sie und mich zu Tätern gemacht“, sagt der 26-jährige.

Williams ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Marburger Zentrum für Konfliktforschung. In seiner Doktorarbeit erforscht er, wieso Menschen sich an den Gräueltaten des Holocaust, an den Völkermorden in Kambodscha 1975 bis 1979, in Ruanda 1994 oder Bosnien Herzegowina 1995 beteiligt haben. Es sind Konflikte, die sich nur schwer vergleichen lassen. Doch Williams geht es nicht um die politischen, historischen oder ideologischen Hintergründe der Völkermorde.

Im ersten Teil seiner Doktorarbeit hat er ein System entwickelt, das sich trotz der vielfachen Unterschiede zwischen den Konflikten, auf alle Täter anwenden lässt. Es unterteilt sie nach ihrer Motivation zum Verbrechen grob gesagt in drei Gruppen. Die größte davon besteht aus Menschen die sich schlicht von ihrem sozialen Umfeld mitreißen lassen. Sie wollen dazugehören und verinnerlichen die gemeinsamen Feindbilder genauso wie die Ziele und Praktiken.

Sechs Monate Feldforschung in Kambodscha

Die zweite Gruppe der Täter zieht ihre Motivation aus Eigenschaften ihrer Opfer. Im Holocaust waren das zum Beispiel die brennenden Antisemiten.

Die dritte Gruppe ist intrinsisch motiviert. Das heißt, dass diese Täter zum Beispiel Spaß daran haben Menschen zu quälen und umzubringen, oder im „Abenteuer Krieg“ ihre Berufung gefunden haben. Das ist, laut Williams, eine kleine Gruppe - die allerdings enormen Schaden anrichtet.

Im August bricht der Jungforscher auf nach Kambodscha, um „im Feld“ zu überprüfen, was er in zwei Jahren an seinem Schreibtisch entwickelt hat. Er will ehemalige Kader der Roten Khmer interviewen, die vor 40 Jahren fast zwei Millionen Menschen umgebracht haben.

Angst vor Greuel-Geschichten

„Ich mache mir keine Sorgen um meine Sicherheit, aber wenn meine Interviewpartner ehrlich antworten, werde ich Einblicke in schreckliche Geschichten bekommen - davor, muss ich sagen, habe ich schon Angst“, sagt Williams. Wenn seine These stimmt, können die Täter ganz einfache Gründe gehabt haben, mitzumachen. In Kambodscha war es keine Armee, in der die Täter ihren Offizieren gehorchten. Es waren Freundeskreise, in denen die Menschen versuchten, mit besonderer Härte und skrupellosem Einsatz für die gemeinsame Sache, Anerkennung zu bekommen.

Wie es genau in diesen Gruppen zuging, wird Williams bald herausfinden. „Wenn ich die Täter und ihre Motive wirklich verstehen will, muss ich ihre Brille aufziehen - die begreifen sich in der Regel gar nicht als Täter, sondern als Opfer des politischen Systems.“

Williams persönliche Motivation: Trotz der abschreckenden historischen Vorbilder gibt es immer wieder Völkermorde - deshalb sei es besonders wichtig, die Motive der Täter zu verstehen. Die Roten Khmer wollten in den Siebziger Jahren mit aller Gewalt aus Kambodscha einen kommunistischen Agrarstaat machen. „Das sind Bauern und einfache Leute, keine Eliten“, sagt der Doktorand. Entsprechend wird der gebürtige Brite mit Englisch, Französisch oder Deutsch in den Gesprächen nicht weit kommen.

Online-Fundraisingfür den Übersetzer

„Ich spreche kein Khmer - dafür brauche ich einen Übersetzer“, sagt Williams. Um dessen Honorar, die Reise- und Verpflegungskosten über sechs Monate zu finanzieren, sammelt Williams auf der Crowdfunding-Plattform sciencestarter.de Forschungsgeld. 52 Unterstützer haben insgesamt 2425 der benötigten 6000 Euro beigetragen.

Wer erfahren will, warum genau der einfache Bauer zum Massenmörder wird, kann das Projekt unterstützen und online im Auge behalten: Infos zum Forschungsstand und Unterstützungsmöglichkeiten auf sciencestarter.de/voelkermord

von Thomas Strothjohann

Die Roten Khmer

Die Roten Khmer waren eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, die 1975 in Kambodscha an die Macht kam. Ihr Name leitet sich von der mehrheitlichen Ethnie Kambodschas, den Khmer ab. Die Roten Khmer wollten die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen. Dieser Prozess umfasste auch die fast vollständige Vertreibung der Bevölkerung aus der Hauptstadt Phnom Penh und mündete in einem Massenmord an der kambodschanischen Bevölkerung. Bis zum Ende ihrer Herrschaft 1978 fielen ihnen Schätzungen zufolge 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner zum Opfer. Nach ihrer Vertreibung durch vietnamesische Invasionstruppen wurden die Roten Khmer erneut zu einer Untergrundbewegung und dabei zeitweise auch von westlichen Ländern unterstützt, bis sie sich 1998 endgültig auflösten. Die wirksame juristische Aufarbeitung der Verbrechen dauert bis heute an. Quelle: Wikipedia

Timothy Williams

Timothy Williams (26) – geboren in England, aufgewachsen im hessischen Bensheim; in London den Master, in Berlin die Promotion. Am Marburger Zentrum für Konfliktforschung, an dem er seit April 2013 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, sagt Williams (Foto: Welschenbach), habe er seine wissenschaftliche Heimat gefunden. Obwohl sein Doktorvater an der Freien Universität in Berlin lehrt, zieht es den Wahlmarburger deshalb nicht in die Hauptstadt.

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