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Was hat der Kürbis mit Luthers Reformation zu tun?

Halloween, Reformation, Allerheiligen Was hat der Kürbis mit Luthers Reformation zu tun?

Für die einen ist der 31. Oktober der Jahrestag des Reformation. Für die anderen ist es die längste Geisterstunde der Welt: Die OP hat sich auf die Suche nach Parallelen gemacht.

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Eins haben Reformation und Halloween gemeinsam: Protestanten und ausgewanderte Iren, die Halloween erfunden haben, haben sich von der katholischen Kirche emanzipiert.

Quelle: Montage: Sven Geske, Foto: Privat

Marburg. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November ist es wieder so weit: Kürbisse schneiden Fratzen, schaurig kostümierte Kinder und Jugendliche gehen von Haustür zu Haustür und verlangen „Süßes, sonst gibt’s Saures!“.

Der Ursprung von Halloween liegt nicht, wie oft vermutet, in den USA, sondern in Irland. Dort wurde traditionell in der Nacht zum 1. November, am „Allerseelenabend“, „All Hallow’s Eve“ gefeiert. Über den Ursprung dieses Festes scheiden sich die Geister. Die einen behaupten, dass es auf das keltische Neujahrsfest „Samhain“ zurückzuführen sei, bei dem sich nach keltischem Glauben die Toten unter die Lebenden mischen. Die anderen - so wie Siegfried Becker, Professor vom Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft der Uni Marburg - behaupten, dass „All Hallow‘s Eve“ vordergründig mit dem Allerheiligenfest verbunden ist, an dem in der katholischen Kirche aller Heiliggesprochenen gedacht wird .

Eine weitere Verbindung sieht er im Allerseelentag, der zusätzlich am 2. November eingeführt wurde, um der armen Seelen zu gedenken, die dem katholischen Glauben nach im Fegefeuer für ihre Sünden Qualen zu erleiden haben.

Ausgewanderte Iren entwickeln Halloween-Kult

Allerheiligen und Allerseelen stehen theologisch in enger Verbindung mit der Lehre vom Fegefeuer als Ort der Läuterung der Verstorbenen und der Hilfe von den Lebenden durch Gebet, Fasten und Almosen. „Diese Schreckensbilder setzte die katholische Kirche ganz bewusst ein, um die Menschen zu disziplinieren“, erklärt Becker. Vor diesem Hintergrund konnten sie gar nicht anders, als den Armen, die am Abend vor den heiligen Gedenktagen Kleinigkeiten zu essen erbettelten, Almosen zu geben.

Diese Bräuche wurden nun von den Iren, die im 19. Jahrhundert aufgrund der Hungersnot in ihrem Land in immer größeren Zahlen nach Amerika auswanderten, exzessiv weitergeführt. „In den USA gab es keine Kirche, die ihnen vorschreiben konnte, wie sie das Fest zu feiern hatten. Die Iren konnten ihr Hallow’s Eve also ganz neu interpretieren“, erklärt Becker.

Die Iren entwickelten das Spiel mit der Angst weiter - die Verkleidung wurde zum zentralen Bestandteil des Kults. Mit dem Bedrohlichen, dem Fegefeuer, wurde nun spielerisch umgangen. Dies macht sich auch in der Geschichte von Jack O‘Lantern bemerkbar.

Jack und seine Laternen-Rübe

„Jack O“ war ein Lügner und ein Trinker, der zu Lebzeiten nur Böses tat. Als er starb, kam er weder in den Himmel noch in die Hölle, weil er den Teufel zu Lebzeiten hinterlistig betrogen hatte. Damit er nicht im Dunkel zwischen Himmel und Hölle umherirren musste, gab der Teufel ihm ein brennendes Stück Kohle, das Jack O in eine ausge­höhlte Rübe steckte. So entstand die Legende, dass ein glühendes Stück Kohle in einer Rübe den Teufel abhält. Diese „Laterne“ wird seither nach ihrem Erfinder „Jack O‘Lantern“ benannt. So entstand die Tradition, Laternen aus Rüben zu schnitzen. Daraus hat sich nach und nach der Brauch entwickelt, Kürbisköpfe auszuhöhlen und sie in unheimliche Fratzen zu verwandeln.

Halloween wurde bald von den anderen Amerikanern übernommen und entwickelte sich zu einem wichtigen Volksfest in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Von dort schwappte es in den 1990er Jahren nach Europa zurück.

Rückt dadurch der Reformationstag in den Hintergrund? Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele, Kirchenhistoriker an der Uni Marburg, sieht das gelassen. Er glaube nicht an eine existenzbedrohende Entwicklung durch Halloween. „Ich finde, beides kann seinen Platz nebeneinander haben.“

Am 31. Oktober 1517 nagelte der Theologieprofessor und Augustinermönch Martin Luther 95 Thesen an die Tür der Wittenbergischen Schlosskirche. In diesen Thesen trat er offiziell gegen die Missbräuche der katholischen Kirche beim Ablass und den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen auf.

„Wir sind es gewohnt, diesen Thesenanschlag als einen sehr heroischen Akt zu sehen“, sagt Schäufele, „Dabei war es eigentlich ein ganz nüchterner Akt. Die hölzerne Kirchentür der Schlosskirche war damals so etwas wie ‚das schwarze Brett‘ der Uni“, erklärt er. Als Professor war es damals nicht unüblich, sein Thesenpapier an diesem offiziellen Ort zu einem aktuellen Stadtgespräch zu machen. Luthers Thesen hatten aber mehr als eine akademischer Diskussion zur Folge.

Luther beendete gruselige Tradition

Ablass zu gewähren war ein jahrhundertealter Brauch, der auf das Bußwesen der mittelalterlichen Kirche zurückgeht. Diese legte Menschen, die ihre Sünde bereut und gebeichtet hatten, zur Genugtuung bestimmte Pflichten auf, die teilweise sehr hart sein konnten: Es wurden etwa jahrelanges Fasten bei Wasser und Brot, Exil oder langwierige Wallfahrten gefordert. Diese Strafen konnten durch Geldbuße abgelöst werden.

Luther regte in seinem Thesenpapier nun die theologische Untersuchung dieser Praxis an. Dass Martin Luther sich gerade den 31. Oktober für den Anschlag seiner Thesen aussuchte, hält Schäufele übrigens nicht für einen Zufall. In der Wittenberger Schlosskirche befand sich damals die Reliquiensammlung Friedrich des Weisen. Der katholische Feiertag Allerheiligen war einer der seltenen Tage, an denen diese Reliquien öffentlich zugänglich waren. Sünder konnten bei deren bloßem Anblick angeblich einen Strafnachlass von mehreren tausend Jahren Fegefeuer erwirken. „Weil es ganz klar um den Ablass geht, ist dieser Tag sehr bewusst von Luther gewählt worden“ - da ist sich Schäufele sicher.

Lange bevor der Reformationstag 1667 als Feiertag ausgerufen wird, feierte Martin Luther ihn schon selbst. Jeden 31. Oktober soll er nach dem Essen sein Glas erhoben und gesagt haben: „An diesem Tag hat mein Krieg mit dem Papsttum begonnen“. Ein Spruch auf die Freiheit.

Es ist dieser Aspekt der Freiheit, der Halloween und der Reformationstag miteinander verbindet. Während die Iren versuchten, sich auf spielerische Weise von dem Druck der Kirche zu lösen, lösten sich die Protestanten mit der Reformation vom Papsttum. Das Höllenfeuer war nicht mehr so bedrohlich, weil man, ohne große Summen zu zahlen, Vergebung seiner Sünden erwirken konnte. „Aus einem zornigen, strafenden Gott wurde nun ein liebender und vergebender Gott“, so Becker.

„Man kann jemand anders sein“
Laut der YouGov-Umfrage, die letztes Jahr im Auftrag der dpa durchgeführt wurde, feiert inzwischen jeder fünfte Deutsche Halloween. In der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen ist es sogar jeder Dritte. Dazu gehört auch Julia Müller aus Marburg. Die 26-jährige Studentin aus dem Masterstudiengang North American Studies feierte Halloween zum ersten Mal in ihrem Austauschjahr in den USA und ist seitdem nicht mehr zu stoppen.

Mehrere Halloween-Motto-Parties hat sie seither organisiert, mal für 500 Leute an der Uni, mal für 30 Leute in den eigenen vier Wänden. Solche Grusel-Events zu organisieren, Spinnweben aufzuhängen, Augapfelbowle vorzubereiten, Theaterblut in der Wohnung zu verschmieren und alles mit Kerzen zu dekorieren, mache ihr „einfach Spaß“. Der besondere Reiz des Festes ist für sie aber nicht nur der Gruselfaktor. „Halloween ist mehr als eine Motto-Party. Man darf sich verwandeln und kann mal jemand ganz anderes sein.“ Auch ihren Gästen scheint es gefallen.

von Ruth Korte

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