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Was geschah nach dem letzten Bild?

Kamera aus der Lahn Was geschah nach dem letzten Bild?

Was würden Sie tun, wenn Sie eine Digitalkamera finden würden? Würden Sie die Fotos angucken? Bei Joachim Fritsch hat die Neugierde gesiegt. Er hat sich die gefundenen Fotos angeschaut und wurde Zeuge einer weiten Reise.

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Lahn nimmt, Lahn gibt zurück - „Wenn zu Beginn des Jahres die Lahn überschwappt, sieht es am Weidenhäuser Ufer immer wüst aus“, erzählt Joachim Fritsch. Nicht, dass ihn das stören würde. Im Gegenteil: „Da wird immer etwas Interessantes angespült.“ Am 19. Februar 2012 fanden Fritsch und seine Frau Andrea Freisberg auf ihrer Foto Safari nicht nur verrostete Dosen, sondern auch eine Schreibmaschine der Marke Triumph und eine Digitalkamera. Vor allem die Digicam weckte die Neugierde des EDV-Organisators. Fritsch nahm die Kamera mit nach Hause und fand sich wenig später in einem Krimi wieder: Wo hat die Reise dieser Kamera begonnen und wie kam sie zu diesem Ende?

Quelle: Andrea Freisberg

Marburg. Ein Röhrenfernseher thront über der Szenerie, doch im Fokus des ersten Fotos steht Gepäck. Die Koffer sind gepackt, Namensschilder baumeln von den Griffen. Die Reise kann beginnen.

Joachim Fritsch sitzt in seiner Marburger Wohnung am Computer und schaut sich Fotos an. Doch es sind nicht seine Fotos. Fritsch weiß nicht, wer sie gemacht hat oder wo sie entstanden sind. Er hat sie gefunden.

Jedes Kind kennt das abenteuerliche Gefühl, eine Flaschenpost zu finden. Eine Botschaft von Fremden, vielleicht sogar aus einem anderen Land. So ähnlich fühlte sich Fritsch, als er am 19. Februar 2012 eine Digitalkamera am Lahnufer fand. Nach tagelangem Schmuddelwetter, war die Lahn über die Ufer geschwappt und das Hochwasser ließ einen Fundus einst versenkter Gegenstände zurück. Darunter eine Schreibmaschine der Marke Triumph, ein Kassettenrecorder und die Digitalkamera. Vor allem die Digicam weckte die Neugierde des EDV-Organisators Fritsch: „Ich wollte wissen, ob die Karte den Tauchgang überlebt hat.“ Er nahm die Kamera mit, löste die Speicherkarte heraus und wurde nicht enttäuscht: Die Fotos hatten tatsächlich überlebt.

Joachim Fritsch staunte nicht schlecht, als er das erste Foto sah: Es wurde 18-einhalb Monate zuvor in einem latent chaotischen Schlafzimmer aufgenommen. Die lackierten Tropenholz-Möbel in dem Zimmer, der ausgeblichene Perserteppich, der Satelliten-Receiver am Fernseher und das Porträtfoto auf dem Sideboard – das Bild ist sicher nicht in Deutschland aufgenommen worden. Aber wo? Fritsch klickt weiter.

1. Indiz: Merit-Zigaretten

Auf dem zweiten Foto posiert ein arabisch aussehender junger Mann mit einem Stoffkoffer im Schrankformat. Er scheint sich auf eine lange Reise zu freuen. Doch bevor es losgeht, trifft er noch einmal seine Freunde: Joachim Fritsch nimmt über die Fotos an einer nächtlichen Ausfahrt teil. Der junge Araber fährt im Toyota-Kleinwagen zu Freunden. Sie sitzen auf Plastikstühlen am Straßenrand, auf dem Tisch liegt eine Packung Zigaretten. Sie ist das erste Indiz dafür, wo diese Geschichte beginnt. Ganz nah herangezoomt, lässt sich der Markenname „ Merit“ auf der Packung entziffern. Eine Google-Recherche ergibt, dass die Sorte vor allem in der Schweiz und in Ägypten verkauft wird. Letzteres passt zu den Bildern – besonders gut zu einer Leuchtreklame, auf der das hoch-arabische Wort für „Zwillinge“ steht.

Siebeneinhalb Stunden später fotografieren sich zwei müde, aber gut gelaunte junge Männer auf einem Flughafen. Hinter ihnen auf dem Rollfeld ist eine kleine Grasinsel mit drei Palmen zu sehen. Die charakteristische Flughafen-Flora lässt sich auch auf anderen Fotos des Kairoer Flughafens identifizieren, die im Netz zu finden sind. Kurz vor dem Abflug bestätigt sich also Joachim Fritschs Vermutung: Die Reise der Kamera begann am 2. August 2010 in Kairo.

Doch was haben die Männer vor? Werden sie in Marburg studieren? Bisher gab es keinen Hinweis auf ihre Profession. Nur eins lässt sich anhand der Fotos sagen: Fotografen sind sie wohl nicht.

Zwischenlandung in Paris

Nach etwa sieben fotolosen Stunden erscheinen die beiden Reisenden am Pariser Bahnhof Gare du Nord vor ihrer Kamera. Die Motivauswahl in Paris ist eher erratisch: Einige schiefe Frontansichten des Bahnhofs, zwei Porträts und ein Blick in die angrenzende Rue de Dunkerque.

In einem Airbus der Air France fliegen sie wenige Stunden später weiter. Es ist schon dunkel, als sie in der Regionalbahn von Frankfurt nach Marburg fahren. Auf einmal sind sie zu dritt. Ob sie von einem Freund abgeholt wurden, oder jemanden auf dem Flug kennengelernt haben ist unklar. Die Reise war offenbar anstrengend. Einer gähnt in die Kamera, die anderen dösen im leeren Zug.

Die Reisenden haben nicht dokumentiert, wie sie es zur späten Stunde vom Bahnhof auf den Richtsberg geschafft haben, aber am nächsten Morgen erwachen die drei Männer in einem einfachen Hochhaus-Apartment. Der Panoramablick über das bewaldete Umland scheint ihnen zu gefallen. Auch die Heizung unter der Fensterbank ist dem Fotografen ein paar Megabyte seiner Speicherkarte wert. Obwohl die Ägypter nur wenig fotografieren, geben ihre Fotos einen guten Einblick in ihr erstes Marburg-Erlebnis. Ihre Fotos zeigen Enten auf der Lahn, eine tote Maus, ein unter der Weidenhäuser Brücke aufgehängtes Bündel mit Schwimmwesten und die E-Kirche.

Zunächst wirkt alles ganz harmlos. Sie scheinen sich ein bisschen zu langweilen, doch dann kommt der Showdown. Nach mehr als 2000 Kilometern, die sie unbeschadet im Flugzeug, im Auto, zu Fuß und mit der Bahn zurückgelegt haben, lassen sie sich zu einer Bootstour auf der Lahn hinreißen. Mit einer Plastiktüte voll Proviant und einem vierten Gefährten posieren sie für ein Gruppenfoto. In ihren Gesichtern ist kein Zeichen von Angst oder Fatalismus, sie scheinen sich der Gefahr ihres Freizeitprogramms nicht bewusst zu sein.

Es ist das letzte Foto, das wir von den jungen Ägyptern haben. Von hier an ist alles Spekulation. Was passierte an diesem Tag Anfang August des Jahres 2010 auf der Lahn?

400 Meter lahnabwärts

Joachim Fritsch hat die Kamera aus Ägypten mehr als eineinhalb Jahre später gegenüber dem Altenheim im Uferschlamm der Lahn gefunden. Zwischen Bootssteg und der Fundstelle hat die Kamera rund 400 Meter zurückgelegt – ein Katzensprung im Vergleich zu dem Weg, den sie vorher zurücklegte. Aber bei einem Elektrogerät mit so geringem Auftrieb drängt sich die Frage, auf, wie sie über das Wehr hinaus so weit gekommen ist.

Sind die Ägypter bei dem Versuch gekentert, über das Wehr zu fahren, oder hat die Strömung die Kamera Zentimeter für Zentimeter lahnabwärts gespült?

Wir hoffen, dass diese Geschichte dazu beiträgt das physikalische Rätsel zu lösen. Die Fotos von der Kamera liegen der Redaktion vor. Und wir würden uns freuen, sie den Besitzern übermitteln zu können.

Wenn Sie einen oder mehrere Männer von dem Foto kennen, sagen Sie uns bitte Bescheid. Dann geben wir die Fotos zurück.

von Thomas Strothjohann

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