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Was bleibt ist die Verbitterung

Klage auf Entschädigung Was bleibt ist die Verbitterung

Seit neun Jahren kämpft Elke Bellmann um Unterstützung durch das Opferentschädigungsgesetz. Nun will sie ihren Kampf um Gerechtigkeit niederlegen, um die eigene Würde zu wahren.

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Ihre Kinder und deren Familien sowie ihr Glaube geben Elke Bellmann Halt. Jetzt will sie einen Neustart wagen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Wohnzimmer ist penibel aufgeräumt. Die Bücher im Regal nach Größe sortiert. Eine bestechende Ordnung. Eine, die Elke Bellmann nach außen zu wahren scheint. Ordnung, die ihr hilft, den Tag zu strukturieren. Nicht unterzugehen im inneren Chaos. So aufgeräumt, fast schon zwanghaft das Leben der 54-Jährigen auf den ersten Blick erscheint, so heillos durcheinander sieht es in ihrem Innern aus. Heike Bellmann kämpft seit Jahren darum, ihre Würde zurückzugewinnen. Sie ist deswegen vor Gericht gezogen. Hat ihre Lebensgeschichte öffentlich gemacht. Sie wieder und wieder Psychologen und Gutachtern erzählt. Eine Lebensgeschichte, die von extremer körperlicher und sexueller Gewalt geprägt ist. Aber auch von Wegsehen. Von Ignoranz. Von dem Gefühl, immer wieder allein gelassen zu werden - allen voran von den Behörden. Sie ist nicht mehr arbeitsfähig. Streckenweise war sie nicht mehr lebensfähig. Gelähmt vor Angst, Scham und Enttäuschung. Enttäuscht vor allem von der Justiz.

2005 Klage eingereicht

Seit mehr als neun Jahren kämpft Elke Bellmann darum, durch das Opferentschädigungsgesetz unterstützt zu werden. Auf Anraten von Psychologen und Vertretern des Weißen Rings hat die 54-Jährige im Jahr 2005 Klage eingereicht. Damals noch beim Land Niedersachsen. Kurz zuvor war sie Opfer eines Überfalls geworden. Ein Unbekannter schlug sie nieder, rannte mit ihrer Handtasche davon. Gesehen haben es viele. Zugeschaut haben alle. Eingegriffen hat niemand. Der Schaden: gering. Äußerlich. Doch innerlich riss diese Tat tiefe Wunden auf. Da war es wieder, das Gefühl, machtlos zu sein. Ein Opfer zu bleiben. Ein Leben lang.

Das, was sie jahrelang verdrängt hatte, war auf einen Schlag wieder da. Die Gewalt und der Missbrauch durch mehrere Familienmitglieder in der Kindheit. Der Überfall in den 80ern in einer Autowerkstatt. Dort wurde sie vergewaltigt, verprügelt, verspottet. Der Täter konnte ermittelt und verurteilt werden. Elke Bellmann hatte die Ereignisse aus ihrem Leben gestrichen. Ihnen keinen Raum, keine Macht gegeben. „Ich habe immer wieder versucht die Bahn meines Lebens zu begradigen.“ Sie stürzte sich in Arbeit, in die Erziehung ihrer Kinder. In das ganz normale Leben eben.

Arbeitsunfähig nach Taschenraub

Aber nach dem Taschenraub in der Innenstadt Hannovers war alles wieder da. Arbeiten? Daran war nicht mehr zu denken. Panikattacken. Angststörungen. Schlaflose Nächte. „Manchmal fühle ich mich nicht existent. Die Tatsache, dass ich nicht mehr arbeiten konnte, hat mich an die Grenze des Erlebbaren gebracht“, erklärt sie. Ein Trauma - ausgelöst durch einen vergleichsweise harmlosen Zwischenfall. Verwurzelt irgendwo in der Vergangenheit.

Und genau da hakt das Gericht ein. Bei der Frage, welche der brutalen Taten Elke Bellmann psychisch so zusetzten, dass sie auf finanzielle Unterstützung seitens des Staates angewiesen ist. Etwa die Übergriffe in der Kindheit, die nie angezeigt - mehr noch - bei einer Befragung der Familienmitglieder durch das Sozialgericht Marburg einfach totgeschwiegen wurden? Oder etwa doch der sexuelle Übergriff in der Autowerkstatt? Durch die Verurteilung des Täters stünde Elke Bellmann rein theoretisch Unterstützung durch das Opferentschädigungsgesetz zu.

Seit neun Jahren zieht sich der Prozess mittlerweile hin. Drei Richterinnen haben sich schon mit dem Fall befasst. Einmal ist Elke Bellmann mittlerweile umgezogen. Von Hannover, der Stadt, in der ihr Leben nach dem Handtaschenraub zu zerbrechen drohte, nach Marburg. „Meine Mitmenschen haben die Verzweiflung gespürt, die mich an die Wand zu nageln scheint und nicht nach links oder rechts blicken lässt“, erklärt die 54-Jährige. Der Umzug - eine Flucht.

Schreiben als Ventil für Wut und Enttäuschung

Hier in Marburg hat sie wieder Boden unter die Füße bekommen. Ihr Glaube und die Mitglieder ihrer Gemeinde geben ihr Halt. Hier hat sie wieder zu schreiben angefangen. „Das ist ein Ventil“ sagt sie. Ein Ventil für all die Wut und Enttäuschung. Denn nach neun Jahren Kampf vor dem Gericht hat sie einen Entschluss gefasst: „Die Taten allein waren schlimm. Das, wie im Nachgang seitens der Behörden mit mir umgegangen wurde, das ist viel schlimmer. Ich kann das Geschehene nicht ad acta legen. Ich fühle mich nicht existent.“

Egal, wie das Gericht über ihren Fall entscheiden wird: Elke Bellmann wird das Urteil hinnehmen. Sie ist müde. Entmutigt. Manchmal auch ein bisschen verbittert. „Ich werde nicht weitermachen. Aber ich will die zweite öffentliche Anhörung. Die Menschen, die meinen Fall bearbeiten, werden nicht davonkommen, ohne zu hören, was ich zu sagen haben. Ich möchte sie nur einmal fragen, wo meine Würde geblieben ist.“

Mehr als 260 Fälle vor Sozialgericht anhängig

Wann diese öffentliche Verhandlung angesetzt wird, kann auch der Vorsitzende des Marburger Sozialgerichtes, Dr. Hans Heuser, nicht sagen. Dadurch, dass die Familienmitglieder als Zeugen ihre Aussage verweigerten, habe es seit der letzten öffentlichen Verhandlung keinen neuen Erkenntnisgewinn gegeben. „Das, was Gegenstand des Verfahrens ist, liegt ja schon lange zurück. Wenn es schon eine mündliche Verhandlung gegeben hat, muss es nicht zu einer zweiten kommen“, so Heuser weiter. Dem Sozialgericht seien zudem derzeit mehr als 260 Fälle anhängig. Der Terminplan sei straff.

Elke Bellmann hat sich entschieden. Sie wird all ihre Kraft sammeln, um bei der öffentlichen Verhandlung den Opfern von Gewaltverbrechen eine Stimme zu geben. „Ich lebe noch“, sagt sie nachdenklich. Und genau darauf will sie sich in Zukunft wieder konzentrieren. Auf das Leben - nicht das Überleben.

von Marie Lisa Schulz

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