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„Warum wirfst du diesen Stein?“

Auswanderer „Warum wirfst du diesen Stein?“

Eine fiese Erkältung ist es, die Sofian Philip Naceur die Energie für sentimentale Abschiede raubt. Der 30-jährige Marburger wandert nach Kairo aus, um als freier Journalist zu arbeiten.

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Freunde und Familie haben Sofian Philip Naceur gut zugeredet und ihn bei seinen Plänen unterstützt. Noch ein schnelles Foto am Bahnhof – dann bricht der 30-Jährige in sein neues Leben auf. Foto: Marie Lisa Schulz

Zum Abschied gibt es ein paar Grippemittelchen auf die Zunge und einen festen Händedruck. Keine Tränen, keine weißen Taschentücher. Kurz und schmerzlos. In zwei Taschen hat Sofian Philip Naceur sein bisheriges Leben gepackt. 20 Kilo. Mehr darf er nicht mitnehmen. Der 30-jährige Politikwissenschaftler aus Marburg wandert nach Kairo aus. Wird dort als freier Journalist über Umbruch, Umdenken und Unmut in Ägypten berichten. Im vergangenen Jahr war er hautnah mit dabei, als die Proteste losgingen. Sprach mit Demonstranten und Journalisten. Atmete Tränengas und den Geruch von Aufbruch ein.

Die Ausnahmezustandwurde zur Normalität

Seit Januar ist er wieder in Marburg. Verkaufte seine Möbel, erledigte Behördengänge, plante sein neues Leben. Furchtlos. Voller Vorfreude. Stille Zweifel waren da. Zugelassen hat er sie jedoch nicht. Sein Aufbruch in ein neues Leben wird funktionieren. Es muss funktionieren. Bis zu seiner Abschiedsfeier ließ er Wehmut und Zukunftsangst nicht zu. Und dann waren sie da: die Freunde, die zum Umarmen kamen und die ersten, leisen Bedenken. Naceur war schon immer einer, der gelernt hat „Tschüß“ zu sagen. Auslandpraktika, zahlreiche Reisen um die ganze Welt, aufgewachsen in Bremen. Studiert in Marburg. Er kennt Neuanfänge. Er weiß, dass sie Kraft kosten. Weiß aber auch, dass sie gut gehen können. Er kennt Abschiede. Nur hatte er bisher immer ein Rückflugticket im Gepäck.

Diesmal zuckt er nur mit der Schulter, wenn ihn Freunde nach einem Wiedersehen fragen. Vielleicht, wenn der deutsche Tabak leer ist, den er sich noch schnell am Bahnhof gekauft hat. Eine Wohnung hat er noch nicht. Arbeitgeber schon. Der 30-Jährige wird für mehrere Zeitungen, unter anderem für die „Junge Welt“ und verschiedene Onlineportale schreiben. Wird Reportagen aus Kairo und Umgebung liefern. Mit den Menschen sprechen, mit den Menschen leben. Die Stimmung im Land aufsaugen.

„Es ist eine sehr spannende Zeit, in der so viel passiert. Die Menschen sitzen in Cafés und Bars und reden über die Revolution. Sie machen den Mund auf. Frei heraus. Ohne darauf zu achten, wer zuhört. Die Menschen sind einfach mutiger geworden. Egal, ob es um die Muslimbrüder oder den Innenminister geht“, weiß Sofian Philip Naceur.

Bei seinem letzten Aufenthalt in Kairo wohnte der 30-Jährige nur fünf Minuten vom Tahir-Platz entfernt. „Ich war also zwangsläufig immer mittendrin. Wenn der Wind drehte, wurde das Tränengas in meine Wohnungen geweht“, sagt Naceur. „Immer wenn ich wusste, dass da gerade wieder eine Demo ist, bin ich hingelaufen.“ Mittendrin stand er. Häufig an seiner Seite: ein Freund, der ihm dolmetschte. „Ich konnte ja noch nicht mal die Transparente lesen“, erklärt er achselzuckend. Konnte die jungen Männer und Frauen nicht nach ihren persönlichen Beweggründen fragen. Sich nicht die Geschichten erzählen lassen, die jeden einzelnen von ihnen auf die Straße trieben. „Die Demonstrationen, der Ausnahmezustand - so etwas kann Alltag werden. Die Proteste sind ja über Wochen nicht abgeschwollen“, erklärt der freie Journalist. „Ich habe mich nie in die vorderste Reihe gestellt. Mit gesundem Menschenverstand merkt man recht schnell, wenn man den Rückzug antreten muss“, ist sich der 30-Jährige sicher.

"Ohne Brot kann man nicht demonstrieren gehen"

Schon damals war es ihm wichtig, seine Informationen nicht nur von offizieller Seite zu bekommen. Er wollte mit den Menschen sprechen. Verstehen. Ihnen eine Stimme geben. Auch wenn dafür erst einmal die Sprachhürde genommen werden musste. Er wollte immer und immer wieder nur diese eine Frage stellen: „Wieso wirfst du diesen Stein?“ Und er bekam Antworten. Schockierende. Ehrgeizige. Manchmal politisch völlig unambitionierte Antworten. Jetzt, bei seiner Rückkehr, will er sich freier bewegen. Einen Sprachkurs an der Uni hat er bereits gebucht. Ägypten - ein Land im Umbruch. Und mitten drin ein Marburger. „Bei vielen ist einfach eine Enttäuschung gegenüber Mursi zu spüren.“ Die Angst, dass die Muslimbruderschaft dabei sein könnte, eine Diktatur aufzubauen, sei groß, so Naceur. „Es ist, als wurde ein altes Regime gegen ein neues ersetzt“, erklärt der Journalist. In den vergangenen Monaten sind die Unruhen leiser geworden. Niemals aber verstummt. Die Schlagzeilen sind weniger geworden. Die Journalisten haben die Hauptstadt verlassen, die Touristen kehren nach und nach zurück. Naceur findet deutliche Worte: „Das Land braucht wieder ein bisschen mehr Stabilität.“ Auch wirtschaftlich. „Ohne Brot kann man nicht demonstrieren gehen“, erklärt Naceur.

Aber ohne Geld, kann sich auch niemand Brot leisten: „Gerade formieren sich so etwas wie Gewerkschaften. Die Menschen organisieren sich und trauen sich, für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen. Der Mindestlohn ist ein Witz“, sagt er nachdenklich.

Und irgendwie scheint das klein bisschen Zweifel, das sich in ihm gehegt hat, gerade verflogen zu sein. Ja, er wird viel zu berichten haben in Ägypten. Jeden einzelnen Tag. Ohne sich noch einmal umzudrehen, steigt er in den Zug, der ihn nach Frankfurt bringen wird. Tschüß Deutschland. Hallo neues Leben.

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