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Warum ich (k)ein Kopftuch trage

Kopftuchdebatte Warum ich (k)ein Kopftuch trage

Zwei Frauen, zwei Standpunkte: Die Musliminnen Asmah El-Shabassy und Emel Zeynelabidin sprechen im OP-Gespräch über das Für und Wider des Kopftuchs.

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Entschieden mit und ohne Kopftuch: Asmah El-Shabassy (links) und Emel Zeynelabidin leben ihre Überzeugung.

Quelle: Ruth Korte und Thorsten Richter, Fotomontage: Ricarda Schick

Marburg. Manchmal vergisst Asmah El-Shabassy (40), dass sie ein Kopftuch trägt. Es gibt nur wenige Momente, in denen sie daran erinnert wird, dass sie ihren Körper verhüllt, um, wie es ihre Religion vorschreibt, das Interesse anderer Männer nicht auf sich zu lenken. Wie neulich im Schwimmbad. „Dort trage ich grundsätzlich einen Burkini“, einen zweiteiligen Ganzkörperschwimmanzug, sagt die selbstbewusste Muslima. „Eine Frau sagte zu mir: ‚Es wäre mir voll peinlich, so etwas zu tragen‘, und ich konnte ihr nur antworten‚ es wäre mir voll peinlich, so viel Haut zeigen zu müssen, wie Sie.“ Sie lacht, so, als hätte sie einen Witz erzählt.

Doch als Kopftuchtragende in einer Gesellschaft zu leben, in der das Aussehen eine große Rolle spielt, scheint nicht immer lustig zu sein. „Ich erlebe viele Konvertitinnen und andere Musliminnen, die zwar mit dem Kopftuch liebäugeln, sich aber nicht trauen eins zu tragen aufgrund von gesellschaftlichem oder familiärem Druck“, berichtet El-Shabassy, die sich in der muslimischen Gemeinde in der Frauenarbeit engagiert, jetzt etwas ernster. „Das macht mich immer ein bisschen traurig, denn eigentlich leben wir hier doch in einer Gesellschaft, die so offen und frei ist, wie sonst kaum wo auf der Welt.“

Kopftuch löste viele Diskussionen aus

Sie trägt das Kopftuch seit sie zehn Jahre alt ist. „Ich fand die Mädchen, die Kopftücher trugen, total hübsch. Ich wollte so sein wie sie“, erinnert sie sich. Mit 15 stellte sie das Kopftuch in Frage. „Ich hatte einfach keinen Bock mehr darauf“, sagt sie und verdreht die Augen wie ein Teenager. „Mein Vater schlug mir vor: ‚Zieh es doch aus!‘ Erst da habe ich gemerkt, dass ich das Kopftuch eigentlich gar nicht abnehmen will. Es war schon ein Teil von mir“, sagt sie und legt die Hand auf ihre Brust.

Situationen wie die im Schwimmbad hat sie seitdem häufig erlebt. „Ich habe Mathematik und Chemie studiert – zwei sehr männerdominierte Fächer. Da waren Diskussionen vorprogrammiert. Wenn ich mit meinen Kommilitonen über das Kopftuch diskutiert habe, habe ich aber oft erlebt, dass die Männer meinen Gründen durchaus etwas abgewinnen konnten, während die Frauen kritischer waren.“
Inzwischen sei das Kopftuch eine Gewohnheit geworden.

„Eine bewusste Gewohnheit“, betont El-Shabassy. „Es ist nicht so, dass ich vergesse, warum ich es trage. Es ist ein Selbstverständnis für mich und das lege ich nicht einfach ab, so wie man beispielsweise einen Ring ablegt“, sagt sie und streicht ihre rote Tunika glatt, die sie über eine weite Leinenhose trägt.

Fällt ihr der Verzicht nicht manchmal schwer? Sie überlegt und sagt: „Für mich ist es kein Verzicht. Verzichten tue ich, wenn ich etwas machen könnte, es aber bewusst nicht tue. Aber ich wünsche mir gar nicht, mich zu zeigen.“ Sie wünsche sich nur eines: Gott nah zu sein.

Kopftuch ist nur ein kleiner Teil des Verhüllungsgebotes

„Für mich gehört das Kopftuch zum Islam. Durch die Einhaltung des Gebotes erhoffe ich mir, Gott näher zu kommen, genauso wie bewusst Gutes zu tun oder nicht zu lügen.“ Jedoch sei das Kopftuch nur ein kleiner Teil des Verhüllungsgebotes, in dem es darum geht, dass Frauen ihre Reize bedecken. „Am Ende kommt es darauf an, dass Menschen den Islam als Ganzes verstehen, nicht auf das Kopftuch allein.“

Natürlich hoffe auch sie, dass ihre Töchter sich für das Kopftuch entscheiden. „Aber wie sie sich letztendlich entscheiden, liegt bei ihnen. Niemand sollte dazu gezwungen werden, etwas zu tun, was er nicht will.“ Familien, in denen Frauen zum Kopftuchtragen gezwungen werden, kenne sie zwar nicht, vermutet aber, dass es sich um traditionelle Familien handelt, in der Religion mit Zwang gleichgesetzt wird. „Diese Menschen haben nie gelernt wieso, weshalb, warum sie etwas tun.“

Das Kopftuch steht Ihrer Meinung nach nicht im Widerspruch zur weiblichen Emanzipation. „Ich glaube, dass viele kopftuchtragende Frauen emanzipierte Frauen sind. Es gibt viele Frauen in meinem Familien- und Freundeskreis, die – trotz Kopftuch – die dominante Rolle in der Familie spielen. Ich habe das Gefühl, dass kopftuchtragende Frauen sehr viel mehr über ihre Rechte aufgeklärt und selbstbewusster sind als Frauen, die kein Kopftuch tragen.“

Zudem sei es nicht so, dass Frauen, die ein Kopftuch tragen, sich nicht schminken dürfen. „Natürlich machen auch wir uns schön. Aber, das was uns sexy macht, heben wir uns nur für unsere Familien auf. Das ist wie ein behüteter Schatz, daran muss die Gesellschaft nicht teilhaben. Nicht mein Busen, mein Hintern oder mein toller Gang sollen dich reizen, sondern ich als Person, meine Persönlichkeit, mein Charakter. Wenn die körperlichen Reize der Grund für eine Beziehung sind, dann fehlt ihr die Grundlage. Schönheit ist etwas, was gottgegeben ist und was auch wieder genommen werden kann. Die inneren Werte sind die, die zählen.“

„Ich wusste einfach nur, es gehört dazu“

Emel Zeynelabidin (54) ist 12, als sie anfängt, das Kopftuch zu tragen. Unter Druck gefühlt habe sie sich bei der Entscheidung für das Kopftuch nicht. Auch ihre Mutter trägt Kopftuch. „Ich wusste einfach nur, es gehört dazu.“ Glücklich war die junge Gymnasiastin darüber damals trotzdem nicht. „Ich fand mich total hässlich mit dem Kopftuch. In dem Alter fängt man ja gerade damit an, sich schön zu machen und sich auszuprobieren. Doch plötzlich sollte dieses fremde Objekt mein Aussehen bestimmen.“

30 Jahre lang trägt sie Kopftuch, „ohne zu wissen, warum“, wie sie heute sagt. Als 2003 die Klage der deutsch-afghanischen Lehrerin Fereshta Ludin vor dem Bundesverfassungsgericht scheitert, beginnt eine Kopftuchdebatte, die großes mediales Interesse wecken wird.

Zeynelabidin ist zu diesem Zeitpunkt Vorsitzende eines Islamischen Frauenvereins in Berlin. Immer häufiger tritt die Presse in der Kopftuchdebatte auch an sie heran. Sie beginnt, sich sachkundig zu machen und die immer wieder aufgeführten Argumente aus dem Koran zu hinterfragen. Sie erfährt, dass die Verhüllung früher ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen zwei Gruppen von Frauen war.

Ist das Verhüllungsgebot inzwischen veraltet?

„Die gläubigen Frauen sollten sich verhüllen, weil die Männer zur Entstehungszeit des Islam ein Problem damit hatten, bei ihren Belästigungen diese von den Sklavinnen zu unterscheiden. Diese Männer hatten außerdem eine Schwäche für weibliche Reize, mit der sie nicht zurecht kamen.“

Fragen kommen bei ihr auf. „Von wem sollen sich die gläubigen Frauen heute unterscheiden? Bedeutet es, dass Frauen, die nicht verhüllt sind, die Sklavinnen von gestern sind? Das wäre ja schrecklich. Wozu die Verhüllung heute?“, fragt sie sich. „Wir leben in einer völlig anderen Zeit mit völlig anderen Lebensbedingungen. Reize existieren immer noch, aber sie haben einen anderen Stellenwert. Wir haben gelernt, mit ihnen umzugehen“, argumentiert sie und fügt hinzu: „Und, haben Männer nicht auch Reize?“

Im Februar 2005 legt sie das Kopftuch endgültig ab. „Am Anfang hieß es, ich sei vom Teufel besessen“, berichtet sie. „Meine Mutter war bestürzt und fragte mich, ob ich mich nicht schämen würde? Mein damaliger Mann machte sich große Sorgen, dass ich für diese Sünde nach meinem Tod bestraft werde. Meine Tochter hat ein halbes Jahr lang nicht mit mir geredet. Ich hab Sachen gehört bezüglich meiner Person“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Ich würde, weil ich jetzt kein Kopftuch mehr trage, verheiratete Ehemänner verführen.“ Sie wirkt verärgert. „Alles Argumente, das Kopftuchverbot um jeden Preis zu rechtfertigen.“

Zeynelabidin wirkt jetzt sehr nachdenklich. „Ich glaube, das Wichtigste, was ich verloren habe, ist meine Zugehörigkeit. Bis heute werde ich gemieden. Kein Mitglied der islamischen Gemeinde redet mit mir und fragt mich, warum ich mein Kopftuch nicht mehr trage, wie es mir damit geht oder was ich erlebe“, sagt sie.

Viele der Debatten, die Zeynelabidin sich wünscht, hat sie in Fernsehsendungen, Magazinen und Büchern geführt. „Ich bin nicht für das Kopftuchverbot, denn es zwingt Frauen, von einem Moment auf den nächsten von etwas, was sie mit Anstand, Scham, Glaubensstärke aber auch Angst vor Strafe assoziieren, abzusetzen. Das geht gar nicht.“ Sie kritisiert jedoch, dass unter Musliminnen nicht ausreichend über den Kopftuch-Missbrauch gesprochen werde. „Ich finde es unverantwortlich, dass ignoriert wird, dass mit dem Kopftuch häufig Unterdrückung und Missbrauch einhergehen und keine Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Das hat mit Frauen- und Geschwistersolidarität nichts zu tun.“

Kopftuch als Gradmesser für Religiosität

Die Frauen, die sich freiwillig für ein Kopftuch entscheiden, seien häufig erwachsene oder konvertierte Frauen. „Aber ist ein junges Mädchen mit 12 Jahren in der Lage, selbst so eine Entscheidung zu treffen?“ Dies sei nur möglich, wenn mit ihnen über das Für und Wider gesprochen werde.

Doch selbst wenn eine junge Muslima sich für ein Kopftuch entscheide, sei da das Problem, „dass immer noch verbreitet die Vorstellung von Moralität herrscht, dass das Kopftuch ein Gradmesser von Glauben ist, nach dem Motto: Du bist nur dann eine gute und gläubige Frau, wenn du dich verhüllst. Wenn sie dieses Kleidungsstück hingegen ablegen, scheint es so, als würden sie die Religion ablegen. Aber so ist es nicht. Ich bin eine Gläubige. Ich bekenne mich zum islamischen Glaubensbekenntnis. Ich habe eine sehr enge, unerschütterliche Bindung zum Koran. Ich war auch schon mehrmals in Mekka und Medina. Aber ich trage kein Kopftuch. Für mich gibt es keine Rechtfertigung mehr für das Kopftuch.“

von Ruth Korte

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