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Warnung vor Kollaps in Griechenland

Uni-Ringvorlesung Warnung vor Kollaps in Griechenland

Der Traumatherapeut Dr. Georg Pieper beschäftigt sich am kommenden Montag in der "Konflikte"-Ringvorlesung in der Uni mit den psychischen Folgen der ökonomischen Krise in Griechenland für die Bevölkerung.

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Der Diplom-Psychologe Dr. Georg Pieper ist Deutschlands führenderTrauma-Therapeut. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die ökonomische Krise in Griechenland hat in den vergangenen Monaten immer einmal wieder die internationale Aufmerksamkeit erhalten. Doch mittlerweile ist sie fast gänzlich aus den Schlagzeilen verschwunden. Der bundesweit renommierte Trauma-Therapeut Dr. Georg Pieper aus Friebertshausen bei Marburg schlägt allerdings Alarm: „In Griechenland ist alles noch schlimmer geworden. Die Bevölkerung steht kurz vor dem Kollaps. Die Situation ist so dramatisch, dass viele am Hungertuch nagen. Nach mehreren Besuchen in Griechenland berichtet er darüber, dass sich dort teilweise sogar Szenen abspielen, wie man sie bisher nur aus der sogenannten „Dritten Welt“ kannte. Um die schlimmsten Auswüchse der ökonomischen Krise in Griechenland ein wenig abzumildern, gebe es vorwiegend Privatorganisationen, die noch halbwegs effektive Hilfe zu bieten hätten.

Bei der Behandlung von Hinterbliebenen der Toten des Grubenunglücks in Borken oder des ICE-Unglücks von Eschede hat Pieper jahrzehntelang Erfahrungen mit Menschen in Krisensituationen gesammelt.

Angesichts einer Lage, in der selbst Menschen mit bisher ausreichendem Einkommen um ihre Existenz bangen, diagnostiziert Pieper nun eine Art kollektives Trauma, dass die griechische Gesellschaft erfasst habe. „Eigentlich ist der Begriff Trauma reserviert für die psychischen Auswirkungen von Naturkatastrophen oder anderen großen Unglücken“, weiß Pieper. Doch das könnte sich jetzt aus seiner Sicht ändern. Es habe angesichts der Staatskrise in Griechenland eine Verdoppelung der Selbstmordrate gegeben und die Zahl der psychischen Erkrankungen mit Angst- und Paniksyndromen habe drastisch zugenommen.

Auch eine Zunahme der Gewalt in den Familien gebe es leider zu beobachten, erklärt Pieper. Vor allem Männer neigten jetzt zu gewalttätigen Lösungen, um die in der ökonomischen Krise erlebte Hilflosigkeit zu kompensieren. Für viele Griechen zähle nur noch die Frage des Überlebens. Angesichts der verzweifelten Lage seien allerdings auch viele Psychologen in Griechenland schon depressiv geworden und bedürften solidarischer Unterstützung aus dem Ausland. Pieper bildete unentgeltlich Ärzte, Psychologen und Psychiater in Sachen Traumatherapie weiter.

Klar ist aus seiner Sicht, dass die Hilfsanstrengungen von Politikern aus dem Ausland von den Griechen kaum als sinnvoll wahrgenommen werde. „Was sie stattdessen brauchen, ist Hoffnung und neues Vertrauen in die eigenen Kräfte“, meint Pieper.

n In seinem Buch „Überleben oder Scheitern“ (Knaus-Verlag) geht Pieper sowohl auf die Krisen ganzer Gesellschaften als auch auf Strategien für die private Traumabewältigung ein.Sein Vortrag über die psychologischen Auswirkungen der Krise auf die griechische Bevölkerung hat ein etwas anderes Format, als die sonst üblichen Vorträge der Ringvorlesung „Konflikte in Gegenwart und Zukunft“: Präsentiert wird am Montag, 13. Mai, ab 18.30 Uhr im Uni-Hörsaalgebäude (Raum +1/0010) eine „Live-Therapiesitzung“ von Dr. Georg Piepers mit einer amerikanischen Griechin als „Patientin“ - der Anthropologin und Ökonomin Dr. Lois Woestman (Marburg) die selbst als Wissenschaftlerin die griechische Krise untersucht hat und von ihr persönlich betroffen ist. Anhand der „Therapiesitzung“ werden verschiedene Aspekte der ökonomischen Krise auf die Psyche der Menschen beleuchtet. „Auch das Publikum ist eingeladen, sich direkt mit Fragen und Hinweisen in den „therapeutischen Prozess“ einzuschalten.

von Manfred Hitzeroth

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