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Wann ist ein Mann ein Mann?

Geschlechtsangleichung Wann ist ein Mann ein Mann?

Früher schielten sie ihm auf den Busen, heute schielen sie ihm auf den Schritt. Starren, um der Frage zu entgehen, die sie doch so gern stellen würden: Ist da unten etwas? Michael* lebte 29 Jahre lang als Frau. Jetzt ist er ein Mann.

Marburg. Drei Namen drängen sich dicht an dicht auf das kleine Briefkastenschild. Keine Seltenheit in einer Studentenstadt wie Marburg. Sicher eine WG - wird sich der Briefträger denken. Oder eine Patchworkfamilie - wissen die Nachbarn. Mutter, Vater, Kind - Durchschnittsbürger eben. Wäre da nicht ein kleiner Unterschied. Einer, der aus „Durchschnitt“ „Besonders“ macht. Denn Vater Michael lebt erst seit einigen Jahren auch körperlich als Mann. Zuvor hieß er Nadine. War biologisch gesehen eine Frau. 29 lange Jahre. Kräftezehrende, verlorene, manchmal auch verlogene Jahre. Gefangen im Körper einer Frau - ein Lebensgeheimnis. Eine Lebenslüge.

Heute kann Michael offen über diese Zeit reden. Immer an seiner Seite: Ehefrau Sarah. Sie hat ihren Michael kurz nach seinem Entschluss, die Geschlechtsangleichung vornehmen zu lassen, im Internet kennengelernt. Damals stellte er sich ihr bereits als „Michael“ vor. Ein Michael, der mehr Flaum als Bartwuchs vorzuweisen hatte. Der zwar in einer tiefen, nicht aber in einer männlichen Stimme sprach. Ein Michael, der von „typisch männlichen“ Alterungserscheinungen wie Geheimratsecken noch weit entfernt war und dessen typisches „Männerbäuchlein“ noch nicht zu sehen war. Die Hormontherapie stand erst am Anfang, die erste OP noch in weiter Ferne - Michael war gerade erst in seiner zweiten Pubertät.

Die Geschlechtsangleichung - ein langwieriger Prozess. Sarah verliebte sich in den Menschen Michaek. Ein Mann, der sich jeden Morgen seinen Busen abband und trotzdem so offen, so selbstbewusst in die Zukunft blickte. Der seiner Tochter so ehrlich wie möglich beizubringen versuchte, dass die Mama bald ein Papa, Nadine bald Michael sein würde. Eine aufregende, eine schwere Zeit für das Dreiergespann. „Lisa hatte anfangs Angst, dass die Verwandlung sehr plötzlich voranschreiten würde. Sie war zwei Wochen bei ihrem leiblichen Vater zu Besuch und hatte Panik, dass ihre Mama nicht mehr da sein würde, wenn sie wiederkommt“, erinnert sich Michael.

Lisa, heute 14, sitzt bei dem Gespräch mit am Tisch. Dreht an ihren Locken. Fast schon gelangweilt. Was damals so besonders war, ist für sie heute zum Alltag geworden. Sie geht mit ihrer Familiengeschichte nicht hausieren, versteckt sie aber auch nicht. Die Wahrheit - das haben alle drei im Laufe der Jahre gelernt, ist leichter auszusprechen als ein Gerüst aus Lügen und Verschleierungen.

Auch wenn die Wahrheit manchmal mit einem Faustschlag im Gesicht endet. So wie damals, vor sechs Jahren. Michael besuchte mit Freunden eine Karaoke-Bar. Die Gesichtszüge noch weiblich, die Stimme noch hoch, griff er zum Mikro, sang. Kaum raus aus dem Rampenlicht, traf ihn die Faust. Mitten ins Gesicht „Du willst aussehen wie ein Mann, dann kämpf wie einer“, lautete die Ansage des Schlägers. Michael drehte sich um. Ging. Ohne mit den Fäusten zu kämpfen. Denn kämpfen - das musste er zu diesem Zeitpunkt jeden Tag. Gegen Vorurteile. Neugierige Blicke. Getuschel. Und nun auch noch gegen einen Macho? Nein. Das war ihm zu unmännlich.

Trotz dieser Erlebnisse: das Leben als Mann - es hat Michael glücklicher, irgendwie selbstbewusster gemacht. „Unsere Beziehung hat sich verändert. Er ist ein zufriedenerer Mensch geworden und lacht mehr“, erklärt Lisa. „Ich war vorher depressiv. Melancholisch. Das Outing war für mich wie eine Befreiung“, fügt der 37-Jährige hinzu.

2006 begann er mit der Hormontherapie, 2007 folgten geschlechtsangleichende Operationen. Die Angleichung ist bis heute noch nicht abgeschlossen, erklärt Michael. Äußerlich, ja. Behördlich - schon lange. Innerlich - wohl nie. „Ich glaube, wenn ich von Anfang an im richtigen Körper geboren wäre, wäre ich ein schlechterer Mann. Ich nehme viel Rücksicht auf Damen“, scherzt der 37-Jährige. „Wäre ich von Anfang an im richtigen Körper geboren, gäbe es aber auch Lisa nicht.“

Lisa grinst. Ihr Papa weiß eben, was seine „Damen“ hören wollen. Ihr Papa, den sie doch immer nur Michael nennt. Ihr Papa, der noch seinen alten Führerschein in seinem Geldbeutel mit sich trägt, um wirklich beweisen zu können, dass Lisa seine leibliche Tochter ist. Ihr Papa, den sie schon durch so viele Phasen seines Lebens hat gehen sehen, und der endlich angekommen zu sein scheint.

Lisa selbst weiß, dass sie vielen Gleichaltrigen etwas voraus hat. Sie wächst mit einem toleranten Menschenbild auf. „Es gibt so viele Schubladen, die Mann und Frau einteilen. Aber man verliebt sich doch in einen Menschen, nicht in ein Geschlecht. Es geht nicht darum, was man ist, sondern wie man ist“, erklärt Michael. Und Lisa nickt. Recht hat er, ihr Papa.

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Transsexualität bedeutet, dass eine Person körperlich eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht angehört, sich jedoch als Angehörige/r des anderen Geschlechts empfindet und danach strebt, als solche/r anerkannt zu werden, oder den eigenen Körper dem anderen Geschlecht durch hormonelle und operative Behandlung anzugleichen.
  • Psychologische Betreuung (mindestens 1,5 Jahre) gehört zu dem Prozess der Geschlechtsangleichung dazu. 
  • Bei der Personenstandsänderung werden Name und Geschlecht in offiziellen Dokumenten (Geburtsurkunde/Ausweis) geändert.

*Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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