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Wanderweg in die Vergangenheit

Hugenotten- und Waldenserpfad Wanderweg in die Vergangenheit

Es geht um Vergangenheit und Zukunft, um 30 Kilometer Wanderweg und um jede menge Geld. Die mögliche Erweiterung des Hugenotten- und Waldenserpfades stößt nicht nur auf Zustimmung.

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Henry Block mit seinem Hugenotten-Stammbaum.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Seine Familiengeschichte liegt zusammengerollt auf dem Dachboden. Jahrelang vergessen, verstaubt, vergilbt. Beim Aufräumen hat er sie wieder gefunden. Und mit ihr ein Stück Identität. Er, das ist Heinrich A. Block. 54 Jahre alt und neuerdings Ahnenforscher. Denn als er die unscheinbare Papprolle öffnete, hielt er den Stammbaum seiner Familie in den Händen. Ein Flickwerk aus halbherzigen Ahnenforscherversuchen seiner Vorfahren. Hier mal etwas eingetragen, dort mal etwas hinzugefügt.

Die Papyrus-Rolle lieferte dem 54-jährigen Beltershäuser mehr Fragen als Antworten. Block hat es sich nun zu seiner Aufgabe gemacht, genau diese Antworten zu finden. Seine Vorfahren - Hugenotten. Vertrieben aus Frankreich, neu angefangen in Beltershausen. Der Stammbaum geht zurück bis zu einem gewissen Thomas Gautier. Notar am Hofe des Königs. Er blieb in Frankreich, seinen ältesten Sohn zog es nach Deutschland.

Unzählige Verästelungen sind es, die irgendwann zu dem Beltershäuser Heinrich A. Block führen. Er will die fehlenden Daten ergänzen, will sich der Geschichte seiner Familie stellen. „Ich möchte diese Aufgabe in meinem Leben noch abschließen. Wenn ich es nicht schaffe, hoffe ich, dass meine Kinder weitermachen.“ Die Ahnen-Forschung, sie kostet Zeit. „Für die Sterbedaten muss ich in die umliegenden Ortschaften fahren und in alten Kirchenbüchern gucken“, so der 54-Jährige.

Sein Ehrgeiz, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, ist neu entfacht. Mit diesem Anliegen ist Heinrich A. Block in seinem Heimatdorf Beltershausen nicht allein. Angrenzend an den Frauenberg leben in dieser Region viele Familien, deren Vorfahren Hugenotten oder Waldenser sind. Und genau deswegen soll hier auch eine Verästelung des bereits bestehenden Hugenotten und Waldenserpfades entstehen. Zumindest wenn es nach Andreas Schulz, Bürgermeister im Ebsdorfergrund geht. „Wir wollen den historischen Fluchtweg nachstellen“, so Schulz. Der Weg soll von Gladenbach nach Mornshausen, weiter nach Lohra, Weimar, Ebsdorfergrund, Schröck und schließlich nach Marburg führen. „Entlang des Weges sollen Erlebnisräume geschaffen werden“, erklärt der Bürgermeister weiter. Einer davon in Beltershausen.

Eine Landschaftsarchitektin war schon da, hat sich das Gelände des alten Friedhofes angeschaut und erste Vorschläge für einen Sinnesgarten vorgelegt. Ein Ort zum verweilen. Ein Ort, an dem über die Hugenotten und Waldensergeschichte informiert wird. An dem innegehalten werden kann. „Die Gemeinde will das Projekt“, macht Schulz deutlich. „Das ist eine Aufwertung unserer eigenen Freizeitgesellschaft.“ Und auch die Bürger in Beltershausen stehen den Plänen offen gegenüber. Einzelne Vereine haben sich bereit erklärt, die Pflege des Gartens zu übernehmen. Schulz höchstpersönlich will für die Erweiterung des Weges EU-Fördergelder beantragen.

Gemeinden sollen sichan Projekt beteiligen

130000 Euro soll das Projekt kosten. Immerhin müssen Wege ausgearbeitet und ausgeschildert werden, der Garten angelegt, Infomaterial erstellt werden. Andreas Schulz geht von 50 Prozent Bezuschussung aus. Zumindest dann, wenn alle Gemeinden, durch die der Weg führen soll, mitmachen. Lohra macht nicht mit. „Mir ist der Nutzen für unsere Kommune nicht klar“, sagt Bürgermeister Georg Gaul. Und mit dieser Meinung ist er nicht alleine. In einer Gemeindevertretungssitzung im Dezember wurde gegen das Projekt gestimmt.

„Wir müssen aber zwingend durch Lohra durch. Wenn die Gemeinde nicht bereit ist, droht das Aus für das Gesamtprojekt“, so Schulz weiter. Heute wollen die Verantwortlichen in einer Sitzung noch einmal über das Vorhaben sprechen. Schulz, Vorsitzender des Vereins „Region Marburger Land“ hofft, eine neue finanzielle Lösung zu finden. „Es geht hier darum, das Bewusstsein der eigenen Vergangenheit hochzuhalten. Da wird Tradition gepflegt. Aber es ist auch eine Förderung des sanften Tourismus und eine Unterstützung der lokalen Gastronomie.“

Egal wie die Entscheidung ausfallen wird. Ahnenforscher Heinrich A. Block will Teile des Hugenotten und Waldenserpfades irgendwann selbst abwandern. Ob er dabei an seiner eigenen Haustür vorbeikommt, ist vorerst nebensächlich. „Da läuft man in seiner Geschichte zurück“, so der 54-Jährige. Jetzt schaut er aber erst einmal in die Zukunft. „Ich habe meinen Enkel in den Stammbaum eingetragen.“

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Die Förderung soll ausEU-Leader-Mittel stammen. Leader steht für Liaison entre actions de développement de léconomie rurale. Deutsch: Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft.
  • Die Wegstrecke des Hugenotten und Waldenserpfades in Deutschland beträgt etwa 1000 Kilometer. Der Weg startet im schweizerischen Grenzort Schaffhausen und führt bis nach Bad Karlshafen. Alle Wegabschnitte sind beschildert.
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