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Wander-Fan entdeckt "Judenweg"

Ortsnamens-Forschung Wander-Fan entdeckt "Judenweg"

Der Marburger Klaus-Peter Friedrich hat nahe Schröck Hinweise auf eine historisch bedeutsame Route entdeckt: einen sogenannten Judenweg.

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Der „Judenweg“ bei Schröck verläuft neben dem Christus-Kreuz.

Schröck. Auf Wanderkarten ist der Pfad nahe Schröck eingezeichnet. „Es ist ein sehr breiter Feldweg. Und er wirkt, als ob er einst intensiv genutzt worden ist. Hier könnten etwa Rinder entlang getrieben worden sein“, sagt Friedrich. Der Wanderführer aus Bauerbach stieß bei seinen Nachforschungen auf Hinweise zur Geschichte des Judenwegs: Vermutlich fußt der Name auf dem umtriebigen Viehhandel zwischen Marburgs Osten und Kirchhain - einer ehemaligen jüdischen Hochburg, mehr als zehn Prozent der dortigen Bevölkerung waren einst jüdischer Abstammung.

Der 53-Jährige ist ein Kenner des Judentums. Er hat Werke zur Zeitgeschichte Polens, insbesondere zur Geschichte der Juden in der polnischen Gesellschaft vor und unter der NS-Herrschaft veröffentlicht. „Faszinierend, dass jahrhundertealte Geschichte mit so einem auf den ersten Blick unscheinbaren Weg verbunden ist.“

Laut des landesgeschichtlichen Informationssystems gibt es in 16 hessischen Orten 19 Belege für Juden-wege - einer führt durch Großseelheim. Schröck ist demnach noch nicht in die Liste aufgenommen worden.

Strecken wie der Judenweg werden als Flurnamen bezeichnet. Das sind überlieferte geografische Namen, die sich im örtlichen Sprachgebrauch entwickelt haben. Die Wissenschaftlerin Barbara Rösch forscht zu diesem Thema. Sie sagt: „Es handelt sich um Spuren der Etikettierung jüdischen Lebens durch die christliche Bevölkerung.“ Die Benennung für Wege und Orte sei aufgezeichnet und kartiert worden. Dazu gab die Dichte der jüdischen Bevölkerung in ländlichen Gebieten - vor allem in Süddeutschland - in besonderer Weise Anstoß. „Fast alle Juden, zwischen zehn und 30 Prozent mancher Dörfer, waren auf diesen Pfaden ständig unterwegs, um sich ihren kargen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie.

„Ein Judenweg stellt in der Regel die kürzeste, zugleich billigste und vermeintlich ungefährlichste Verbindung zwischen zwei bestimmten Orten dar“, sagt sie. „Viele Judenwege, solange sie nicht dem täglichen Kontakt benachbarter jüdischer Gemeinden dienten, führten fern von Dörfern und Siedlungen durch wenig frequentierte Wälder, Äcker und Wiesen, nicht selten direkt auf Grenzlinien“, sagt sie. Im 17. Jahrhundert etwa mussten Juden viele Sonderabgaben leisten. Neben den Schutzbriefen mussten sie Leibzoll zahlen, wenn sie bestimmte Wege benutzen wollten. Aus diesem Grund etablierten Wanderjuden zum Umgehen der Grenzposten spezielle Schleichwege - sie wurden Judenwege genannt.

Ein kompletter Flurnamenbestand in Deutschland existiert nicht. In Hessen gibt es das Flurnamenarchiv in Gießen unter Leitung von Professor Hans Ramge. Ziel von Wissenschaftlern wie Rösch: Alle Orte, die den Wortbestandteil „Jude“ oder „Juden“ tragen - also Judenwege, -straßen, -gassen, -steigen, aber auch Judenbäume, -steine, -brunnen oder -brücken - ausfindig machen und kartieren.

Schon seit dem 13. Jahrhundert lebten in Marburg Juden. Sieben Familien, bis zu 40 Personen, sollen es mehrere Jahrhunderte lang jedoch maximal gewesen sein. Von 84 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Marburger Gemeinde auf 512 Personen Anfang des 20. Jahrhunderts.1897 konnte schließlich die große neue Synagoge in der Universitätsstraße eingeweiht werden, die Platz für mehr als 400 Menschen bot. Heute sind weiterhin rund 400 Juden Teil der Glaubensgemeinde in der Universitätsstadt.

Mit Vorurteilen und Vertreibungen hatten sie stets zu kämpfen - auch dafür ist der Judenweg ein Indiz. „Die Bezeichnung von Strecken als „Judenwege“ ist eine psychologisch erklärbare Strukturierung der Alltagswahrnehmung von Nichtjuden, in welche die verbreiteten gesellschaftlichen, durch Religion und Politik geprägten Bilder der eine gesellschaftliche Sonderrolle einnehmenden Juden eingingen“, schreibt Rösch in ihrer Forschungsarbeit.

von Björn Wisker

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