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"Wahrscheinlich bin ich stressfester"

Interview mit OB-Kandidatin Dr. Elke Neuwohner "Wahrscheinlich bin ich stressfester"

Die OP führte ein Interview mit Elke Neuwohner zu ihren Zielen als OB-Kandidatin der Grünen.

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OB-Kandidatin Dr. Elke Neuwohner (Die Grünen) im OP-Interview.

Quelle: Tobias Hirsch

OP: Wieso wollen Sie Oberbürgermeisterin werden?
Neuwohner: Ich will Oberbürgermeisterin werden, weil in der langen Geschichte von Marburg diese Stadt ganz selten von Frauen bestimmt werden konnte. Und es wird jetzt Zeit, dass sich das ändert und dass die Frauen das Heft in die Hand nehmen.

OP: Was machen Frauen anders in der Politik als Männer?
Neuwohner: Generell machen nicht alle Frauen etwas anders als Männer in der Politik, wie man zum Beispiel an der ehemaligen britischen Regierungschefin Margret Thatcher sehen konnte. Aber wer so wie ich Beruf, Politik und Familie vereinbart  und das schon seit 17 Jahre hat einen viel breiteren Blick als jemand, der seinen kompletten Karriereweg nach seinen eigenen Vorstellungen formen konnte.

OP: Sie sind Mutter von fünf Kindern. Ihr Leben würde sich als Rathauschefin komplett ändern. Würden Sie wirklich Familie und Beruf so einfach unter einen Hut kriegen, wenn Sie auch am Wochenende viele Termine wahrnehmen müssten?
Neuwohner: Ich bin die Einzige, die das immer gefragt wird, obwohl die anderen Kandidaten ja teilweise auch Kinder haben. Ich habe fünf Kinder und deshalb auch mehr Übung und Erfahrung als andere, wie Beruf und Familie vereinbart werden können. Wahrscheinlich bin ich auch stressfester als die anderen. Bisher ist es aber auch schon so, dass ich keine 20-Stunden-Woche habe und Freitagmittag mit der Arbeit aufhören kann. Ich habe bislang regelmäßig auch am Wochenende und nachts Dienste. Mein Mann und ich  kooperieren seit langem bei diesem  Rund-um-die Uhr-Arbeiten.

OP: Rechnen Sie sich eigentlich realistische Chancen aus, in die Stichwahl zu kommen oder nachher sogar zu gewinnen?
Neuwohner:   Dass ich in die Stichwahl komme,  halte ich für durchaus möglich.  Grundsätzlich ist es für Marburg aber auch möglich, dass jemand von den Grünen Oberbürgermeister wird. Das geht ja auch in anderen Städten: So haben zum Beispiel Greifswald oder Darmstadt einen Grünen- Oberbürgermeister.

OP: Auch die Universitätsstadt Tübingen hat in Boris Palmer einen Grünen-Oberbürgermeister. Was haben die denn da anders gemacht als in Marburg?
Neuwohner: Die Ausgangslage in Tübingen war etwas anders. Palmer hat bei seiner ersten OB-Wahl in Tübingen gegen eine sehr unbeliebte Amtsinhaberin kandidiert. Und beim zweiten Mal hatte er eine unbekannte Gegenkandidatin. Hinzu kam natürlich, dass der jetzige Tübinger OB eine besondere Persönlichkeit ist.

OP: Also kann man nicht unbedingt sagen, dass die Marburger Grünen in Bezug auf die OB-Wahl bisher etwas falsch gemacht haben?
Neuwohner: Nein, ich glaube nicht. Bei der vergangenen OB-Wahl hat Dr. Franz Kahle für die Grünen gegen  Egon Vaupel kandidiert, der zu Recht sehr beliebt war und dann auch völlig nachvollziehbar im ersten Wahlgang gewonnen hat  Ich fand es dennoch gut, dass Franz Kahle kandidiert hat. Und obwohl er nicht gewonnen hat, hat er nichts falsch gemacht.

OP: Windkraft oder Seilbahn sind zwei der umstrittenen politischen Themen, bei denen den Grünen der Wind ins Gesicht bläst. Der Politikstil ihres grünen Parteifreundes Franz Kahle als Bürgermeister stößt bei vielen Marburgern auf Widerspruch. Gehen Sie deswegen mit einem „Kahle-Malus“ ins Rennen?
Neuwohner: Der Politikstil von Franz  Kahle polarisiert. Er hat auch eine sehr kämpferische Art, seine Ideen unters Volk zu bringen. Aber man muss ihm zugutehalten, dass er sich auch traut, Ideen rauszuhauen, die nicht langfristig abgesprochen sind, wie beispielsweise das Projekt mit der Seilbahn. Eine Idee, über die man sich zunächst vielleicht einmal wundert. Ich erbe das quasi als Thema und werbe dafür, dass ich auch eine andere Einstellung dazu haben kann als er. Aber Franz Kahle ist sehr fleißig und klug und hat eine gute Arbeit gemacht. So hat er als Jugenddezernent mit dem Ausbau der Kinderbetreuung dafür gesorgt, dass wir in Hessen Spitze sind.

OP: Wenn Sie gewinnen würden, müsste dann nicht Franz Kahle als Bürgermeister gehen, weil ansonsten  das politische Mehrheitsverhältnis der Koalition bei zwei Grünen und einer SPD-Politikerin im Magistrat nicht mehr gewahrt wäre?
Neuwohner: Wir wären dann als Grüne im hauptamtlichen Magistrat gegenläufig repräsentiert. In der Koalition wird es sicher Gespräche darüber geben. Aber hier eine Änderung vor der Kommunalwahl im März 2016 vorzunehmen, macht meines Erachtens keinen Sinn.

OP: Aber danach werden dann die Karten neu gemischt.
Neuwohner:   Ja, danach ist Wahl, und die Karten werden wieder neu gemischt. Wer auch immer die OB-Wahl gewinnt, muss sich mit einer Koalition auseinandersetzen, von der noch nicht bekannt ist, wie sie zusammengesetzt sein wird.

OP: Das Thema Windkraft hat in Marburg zu einer Zerreißprobe von Rot-Grün geführt. Und das Scheitern des geplanten Windpark-Projektes am Lichten Küppel bedeutet auch eine Niederlage für die Grünen und die Koalition. Was hätten Sie anders gemacht, um das Projekt besser in Gang zu bringen und die Bürger besser zu informieren?
Neuwohner: Ich hätte ein anderes, langfristiges Moderationsverfahren gesucht. Wir haben als Grüne in das Projekt Lichter Küppel viel Herzblut gesteckt und dafür viel geworben. Wir haben auch versucht, mit den Vorbehalten aus der Bevölkerung umzugehen und ihnen ihre Ängste zu nehmen. Das war aber schwierig. Jetzt haben wir gelernt, dass alles nicht gereicht hat, um die Leute zu überzeugen. Ich hätte mir zwar vorstellen können, dass es bei einer Bürgerbefragung eine Mehrheit gegeben hätte, aber da ist uns das Rotmilan-Pärchen dazwischengekommen. Auch die Leute aus der näheren Umgebung für das Projekt zu begeistern, dafür hat der Vorlauf nicht gereicht. Aber das Thema ist noch nicht komplett vom Tisch. Wir haben noch andere Gebiete, die als Wind-Vorranggebiete ausgewiesen werden. So ein Moderationsverfahren macht also weiterhin Sinn. Beispielsweise war die Info-Veranstaltung einige Tage nach dem Aus für das Projekt „Lichter Küppel“ eine sehr gute und informative Veranstaltung. Wenn man so eine Veranstaltung macht, bevor man die Pläne hat, dann kann es ein besseres Ergebnis geben.

OP: Sie betonen, dass Rot-Grün in Marburg seit Jahren eine gute Politik macht. Wo würden Sie trotzdem neue Akzente setzen ?
Neuwohner: Das große Kulturprojekt, die Stadthalle,  wird bald fertig sein. Aber die Kulturpolitik können wir noch weiterentwickeln. Es werden noch keine 5 Prozent des städtischen Haushalts für Kultur ausgegeben, sondern nur 4,8 Prozent. Im Radverkehr können wir auch noch einiges tun, auch wenn ich die schlechte Bewertung des Radwege-Netzes durch den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) nicht teile. Wir haben schon viel gemacht. Und jetzt stehen im Haushalt vier Millionen Euro für weitere Fahrradprojekte. Mein Ziel ist es, dass Marburg eine fahrradfreundliche Stadt wird. Dazu gehören zum Beispiel auch   Parkhäuser für Fahrräder– etwa neben dem Parkhaus  am Pilgrimstein oder am Bahnhof.

OP: In Ihrem Wahlprogramm fordern Sie, dass das Fahrrad eine gleichwertige Alternative zum Auto in der Marburger Innenstadt werden soll. Ist das nicht eine einseitige Klientelpolitik zugunsten derer, die im Südviertel oder in anderen Teilen der Kernstadt leben, und nicht unbedingt auf das Auto angewiesen sind?
Neuwohner: Das ist nicht der Fall, denn Autos werden von uns nicht  komplett ignoriert. In der Vergangenheit wurde aber den Autos zu lange der Vorzug gegeben.Wir müssen uns vom Gedanken einer Stadt, die sich nur an den Belangen der Autos orientiert, verabschieden. Natürlich brauchen wir Zugangsmöglichkeiten und Parkflächen für die Leute, die aus dem Umland kommen. Deswegen  ist ein Parkleitsystem notwendig, damit die Leute nicht in der Stadt verzweifelt den letzten freien Parkplatz suchen.

OP: Bisher gibt es eine rot-grüne Koalition in Marburg. Können Sie sich stattdessen auch eine schwarz-grüne vorstellen?
Neuwohner: In Hessen ist Schwarz-Grün ein harter Kompromiss. Meine Option wäre da eher Rot-Rot-Grün gewesen. Die Vorstellungen der Grünen und der CDU in Marburg liegen aber so weit auseinander, dass ich mir das  nicht vorstellen kann –  auch wenn jetzt alle für Tempo 80 auf der Stadtautobahn sind. So haben wir mit der CDU definitiv keinen Konsens in der Altenpolitik und in der Kulturförderung.

OP: Zehn Jahre nach der Privatisierung des Uni-Klinikums sagt Dr. Thomas Spies (SPD), man solle über eine neue Rückkauf-Möglichkeit nachdenken. Ist der Rückkauf möglich?
Neuwohner: Nach allem, was ich gehört habe, ist ein Rückkauf des Uni-Klinikums durch die Städte Marburg und Gießen illusorisch, mal abgesehen davon, dass es in Gießen nicht diese Unzufriedenheit gibt. In Marburg richtet sich aus meiner Sicht die Unzufriedenheit gegen die Organisationsstruktur und nicht gegen die medizinische Versorgung. Da es beim Klinikum aber nicht nur um die medizinische Versorgung, sondern auch um die universitäre Ausbildung und Forschung geht, ist das Ganze auch nicht Aufgabe der Stadt, sondern des Landes Hessen, das für den Fachbereich Medizin zuständig ist. Keine Partei hatte bei der Landtagswahl einen Rückkauf im Programm.  Aber das Land muss endlich ein Konzept entwickeln und umsetzen, damit die universitäre Krankenversorgung wie Forschung und Lehre am Fachbereich eine Zukunftssicherheit hat. Ich fand die Idee eines Genossenschafts-Modells, die vom CDU-Politiker Philipp Stompfe ins Spiel gebracht wurde,  gar nicht so schlecht. Das Thema ist aber nichts für einen OB-Wahlkampf. Gemeinschaftlich beim Land und dem Klinikumsbetreiber für eine gute Lösung zu kämpfen, wie dies bisher im Stadtparlament geschehen ist, ist in jedem Fall besser als eine „One-Man-Show“ mit dem nicht einlösbaren Versprechen „Ich habe für euch jetzt das Klinikum gerettet“.

OP: Sie waren bei den Verhandlungen um die Marburger Altenhilfe dabei und haben den langjährigen Prozess als Stadtverordnete mitbegleitet. Warum wurden jahrelang viele Konzepte in einem zähen Ringen diskutiert, ohne dass etwas passierte?
Neuwohner: Es gab unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie man das Haus der Marburger Altenhilfe in der Sudetenstraße entwickeln soll. Es gibt da zwei Richtungen: Die einen setzen auf große Einrichtungen, die sich leichter wirtschaftlich führen lassen. Wir setzen eher auf kleine, quartiersbezogene Einrichtungen, die sich stärker an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren. Ein Neubau in Marburg wäre sehr teuer gewesen, und das Gutachten der Stiftung Deutsche Altenhilfe enthielt einen sehr guten Vorschlag für die Sanierung des alten Gebäudes und ein Zusammenleben von pflegebedürftigen älteren Personen, Familien und jüngeren Menschen in einem Haus. Wie dies realisiert werden könnte, musste geplant und berechnet werden. Es gab einen Beschluss dazu im Stadtparlament. Nun wird er umgesetzt.

OP: Haben Sie das Grünen-Konzept mit dezentralen ambulanten Versorgungseinheiten und Wohnformen für alte Menschen zugunsten  des Koalitionsfriedens mit der SPD aufgegeben?
Neuwohner: Nein, das Konzept ist  gut, und wir haben mit unserem Koalitionspartner, der SPD, eine einvernehmliche Regelung für den Richtsberg gefunden. Auch in anderen Stadtteilen wie in Michelbach, im Stadtwald-Viertel und im Waldtal sollen zumindest mittelfristig quartiersbezogene, dezentrale Alteneinrichtungen geschaffen werden.

OP: Die Einrichtung von neuen Ortsbeiräten in der Kernstadt ist ebenfalls umstritten. Kritische Stimmen, auch aus der Koalition, sagen, dass die Grünen dadurch neue Versorgungsposten bekommen wollen.
Neuwohner: Ich finde es schade, dass im Begleitbrief zur Bürgerbefragung in Bezug auf mehr Ortsbeiräte in der Innenstadt kaum Informationen darüber beiliegen, was die Aufgaben von Ortsbeiräten sind. Ich habe auch die Befürchtungen gehört, wonach diese Ortsbeiräte dann alleine über Parteien bestückt werden. Aber ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird. Ich glaube, dass Mitglieder der Stadtteilgemeinden sich da auch reinwählen lassen können.Wer vor Ort aktiv ist, wird von den Menschen gewählt.
von Manfred Hitzeroth und Anna Ntemiris

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