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Wahlkampf auf Platt, Lovestory und ein Schwamm

OB-Wahl Wahlkampf auf Platt, Lovestory und ein Schwamm

Kurz vor der Wahl gehen die Parteien ihren Straßenwahlkampf zumindest nach außen hin noch relativ entspannt an.

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Nilay Özdemir (von rechts) und Hazan Bozkurt informieren sich bei Anita Kaufmann am Wahlkampf-Stand von Dirk Bamberger (CDU). Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Am Samstag vor Pfingsten, spätvormittags um kurz vor 11 Uhr, erwacht die Marburger Oberstadt langsam zum Leben. Die Wahlkämpfer unterschiedlichster Couleur beziehen allmählich Stellung an ihren Informationsständen - allzu eilig hat es keiner, schließlich hat man noch drei Wochen Zeit, Marburgerinnen und Marburger von den Argumenten für den richtigen Kandidaten zu überzeugen.

So kommt es, dass der Wahlladen von Dr. Thomas Spies, dem SPD-Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters, um 11 Uhr noch verwaist ist. Die Mitarbeiterin, die kurz danach eintrifft, erläutert etwas atemlos, dass sie noch Material für Wahlkampfstände ausfahren musste. Der Kandidat selber, so berichtet sie, ist an diesem Vormittag „überall und nirgends“ - will heißen, auf einer Rundreise zu den Wahlkampfständen, an denen er mit den Wahlbürgern ins Gespräch kommen möchte.

Während im Wahlladen von CDU-Kandidat Dirk Bamberger in der Reitgasse Hessens Sozialminister Stefan Grüttner mit Behindertenvertretern über ein „barrierefreies Marburg“ diskutiert, spielen Straßenmusikanten in der Marktgasse - welche Symbolik! - die Titelmelodie aus dem Filmklassiker „Lovestory“. Auch dass danach „I did it my way“ („Ich machte es auf meine eigene Weise“) folgt, ist selbstverständlich reiner Zufall und hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass der Kandidat sich in diesem Wahlkampf die ein oder andere eigene Position leistet.

Wenige Schritte weiter, am Marktbrunnen, steht am Wahlstand der FDP der unverwüstliche Winfried Wüst gemeinsam mit Christoph Ditschler, dem Ortsvorsitzenden. „Wir haben einen guten Kandidaten“, sagt Wüst über CDU-Mann Bamberger, der auch von FDP, MBL und BfM unterstützt wird.

Kleine Wahlkampfgeschenke sollen den Erstkontakt mit Passanten ermöglichen, bei der FDP sind das unter anderem Chips für den Einkaufswagen. Die „Mutter“ aller Wahlkampfgeschenke bei der FDP ist ein kleiner, blau-gelber Haushaltsschwamm. Ihn verteilen die Marburger Liberalen seit gefühlt 20 Jahren - „ab nächste Woche haben wir ihn wieder dabei“, versichert Ditschler.

Nebenan versuchen es die Sozialdemokraten mit bunten Luftballons. Zieht immer, zumindest immer, wenn Kinder dabei sind.

Einer der Wahlkämpfer ist der Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer. Er berichtet, dass viele der Menschen, die er angesprochen hat, gar nicht aus Marburg kommen und somit nicht wahlberechtigt sind. „Denen erzähle ich dann eben, wie schön unsere Stadt ist“, scherzt der Sozialdemokrat, der sagt: „Ich mache das gerne hier. Man trifft immer wieder auch Menschen, mit denen man sich austauschen kann.“ Der Kandidat selbst taucht auch noch irgendwann auf. Er befindet sich mit seinem Hauptkonkurrenten Dirk Bamberger nicht nur im Wettstreit um den Oberbürgermeister-Sessel, sondern ganz offensichtlich auch um den Titel „Marburgerischster aller Marburger“.

Jetzt hat Spies vorgelegt: Einen seiner Wahlkampf-Flyer hat er auf „Marburger Platt“ verfassen lassen. „Aich ded mich freue, wonn ihr om 14. Juni wähle gieht onn mir eier Vertraue schenkt“, endet der. Spies selbst spricht die Mundart, die landläufig unter „Marburger Platt“ verstanden wird, nicht, wie er gestehen muss. „Aber vorlesen kann ich es“. Auch dieser Versuch gerät ein wenig holprig - die Marburger werden sich damit abfinden müssen, dass ihr zukünftiges Stadtoberhaupt Hochdeutsch mit ihnen redet.

Noch einer der Kandidaten ist an diesem Samstagvormittag in der Oberstadt anzutreffen: Jan Schalauske von den Marburger Linken steht unterhalb des Hanno-Drechsler-Platzes. Auch hier ist alles entspannt: „Ich stoße auf Interesse“, sagt er - immerhin. Die Flyer gehen gut weg. Diskussionen gibt es auch. Was Hermann Heck ein wenig argwöhnisch beobachtet. Der CDU-Stadtverordnete aus Dilschhausen kommt zufällig vorbei - „Na, wird hier die zukünftige Stadtpolitik gemacht?“, fragt er in ein Gespräch rein. Es wird noch drei Wochen lang so weitergehen.

von Till Conrad

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