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Wahl-Chinese will bald nach Marburg zurück

Das schaffe ich: Eigene Werte bewahren Wahl-Chinese will bald nach Marburg zurück

Sein Leben ist Arbeit. Morgens, mittags, abends, nachts. Shanghai schläft nie - Daniel Hein nur selten. Der Marburger ist vor sechs Jahren nach China ausgewandert. Jetzt denkt er über eine Zukunft in Deutschland nach.

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Daniel Hein war gemeinsam mit Geschäftspartnern aus China nur auf Durchreise in seiner Heimatstadt Marburg. In einigen Jahren will der Auswanderer nach Deutschland zurückkehren.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Marburg. Eine kleine Portion voll Leben ist Schuld daran, dass Daniel Hein derzeit sein eigenes neu überdenkt. Sechs Monate ist sein Sohn nun alt. Und seit sechs Monaten interessiert Hein das Morgen mehr als das Gestern. Klar, es gab sie schon vorher, diese kleinen Momente, in denen er sich nach der Ruhe Marburgs sehnte. Nach bekannten Gesichtern, frischer Luft und gutem Essen. Heimweh - sagten ihm seine chinesischen Freunde. Ganz klar. Für Daniel Hein ist es noch viel mehr. Es ist die Sehnsucht, endlich anzukommen. Das eigene Leben langfristiger zu planen. Nicht mehr auf der Überholspur zu fahren, sondern auch mal anzuhalten. Sich umzuschauen. Genießen. Er will seinem Sohn eine schöne, stressfreie und selbstbestimmte Kindheit bieten - in Deutschland. Vielleicht sogar in Marburg.

Denn Daniel Hein ist ein Marburger. Hier ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier hat er sein duales Studium absolviert. Hier ist er verwurzelt. Trotzdem hat es ihn in die weite Welt gezogen. Erst Kanada, dann Spanien, seit sechs Jahren Shanghai. Diese Millionenstadt, in der Stillstand ein Fremdwort ist. In der Arbeit den Lebensinhalt bestimmt. In der Menschen aller Nationen miteinander leben und arbeiten - und sich manchmal auch in dem rasanten Tempo verlieren. „Shanghai ist für viele ein Umsteigebahnhof im Leben - nur dass das Umsteigen drei bis vier Jahre dauert“, berichtet Hein.

„In China vermischt sich Arbeit und Privatleben sehr. Man sagt hier ‚Schließe zuerst Freundschaften und mache dann Geschäfte‘. In Deutschland sagt man: ‚Mit Freunden macht man keine Geschäfte‘. Das ist eine sehr andere Sichtweise und führt dazu, dass man fast ständig geschäftlich unterwegs ist.“ Zwölf Stunden umfasst ein normaler Arbeitstag. Hein arbeitete die letzten fünf Jahre als Personalleiter bei GL, dem deutschen Schiffs-Tüv. Konferenzen mit europäischen Geschäftspartnern am späten Abend oder um Mitternacht sind keine Seltenheit. Das fehlende Bewusstsein der Geschäftspartner für die Zeitverschiebung ist Schuld. Gearbeitet wird immer. Durchgeatmet selten.

Das liegt nicht nur an der Arbeitsmoral. Die Luft in der Metropole ist so verschmutzt, dass Daniel Hein und seine kleine Familie oft nur mit Atemschutz vor die Tür gehen. In der Wohnung läuft die Luftreinigungsmaschine auf Hochtouren. „Morgens geht es nicht mehr darum, wie das Wetter ist, sondern wie hoch die Verschmutzungswerte sind“, sagt der 34-Jährige nachdenklich, während er das Plunderteilchen auf seinem Teller hin und her rückt.

Er ist nur auf der Durchreise in Marburg. Trinkt nur einen schnellen Cappuccino in seinem Lieblingscafé am Grün. Will gleich weiter nach Hamburg, Kopenhagen und Taiwan. In seiner Heimatstadt stromert er durch die alten Gassen und Straßen, die ihn einst vertrieben. Freut sich über bekannte Gesichter und kurze Gespräche. „Bevor ich weg ging fühlte ich mich in Marburg eingeengt. Mittlerweile ist es für mich wichtig, langfristige Beziehungen zu pflegen. Ich freue mich an den Erinnerungen und dem vertrautem Stadtbild, das sich kaum verändert“, erklärt er.

Die Zeit im Ausland hat ihn weit weggebracht von Freunden und Familie - jedoch nah an die eigenen Werte. „Ich musste mich der Frage stellen, was mir im Leben wichtig ist. Wer bin ich? Was tue ich? In einer neuen Kultur sind es die eigenen Werte, die Stabilität bieten“, fügt er ernst hinzu. „Ich habe viele gesehen, die sich hier verloren haben.“ Rastlos. Getrieben. Haltlos im Überangebot der Möglichkeiten.

Halt und Stabilität hat er bei seiner Familie gefunden. Seine Frau stammt aus Korea, ist in China genau so fremd wie er. Miteinander sprechen sie Englisch. Mit ihrem Sohn Deutsch und Koreanisch. Im Kindergarten wird er Chinesisch lernen. Multikulti eben. „Ich bin gelassener geworden. Es geht immer weiter. Auch im Chaos. Man findet immer einen Weg. Das lernt man, wenn man sich in einem Land behaupten will, das sich mitten in der Entwicklung befindet.“

Fünf, maximal sechs Jahre will Hein noch in China leben. Dann soll es zurück nach Deutschland gehen. Mit Sack und Pack. Mit Kind und Kegel. „China wird vieles in den Schatten stellen, was wir kennen. Hier in Deutschland ist eine gewisse Gelassenheit angekommen. Man ruht sich auf dem aus, was man hat. In China geht es bei vielen Menschen schlicht ums Überleben. Das führt zu einer ganz anderen Motivation und Leistungsbereitschaft am Arbeitsplatz, weiß Hein.

Der 34-Jährige hat sich ein neues Ziel im Leben gesetzt. Er möchte in Deutschland neu anfangen. Mit seiner Familie - und mit einem komplett neuen Aufgabenfeld. Eines, das im ersten Moment überrascht. Der Mann, der das Leben nur so in sich aufzusaugen scheint, möchte sich nun mit dem Ende des Lebens befassen. „Mein Traum ist es, als Bestatter in Marburg zu arbeiten. Ich will den trauernden Menschen durch die Organisation würdiger Bestattungen und als Gesprächspartner in den ersten Tagen der Trauerzeit beistehen - das würde mir Sinn geben. Bei einer Bestattung geht es ja, genau wie beim Auswandern in ein anderes Land, darum, den Verlust von Vertrautem zu verarbeiten und zu akzeptieren, sich an den guten Erinnerungen zu erfreuen und an der Hoffnung auf ein besseres Leben festzuhalten.“

Er will den Menschen eines schenken: Zeit. Ein Gut, das in seinem eigenen Leben noch Mangelware ist und dessen wahren Wert er in den vergangenen Jahren zu schätzen gelernt hat.

von Marie Lisa Schulz

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