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WM-Protest: Pfarrer heizt DFB ein

Anti-Katar-Protest WM-Protest: Pfarrer heizt DFB ein

Todesfalle Stadion: Der DFB soll die Teilnahme der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2022 Scheichstaat absagen, weil dort Hunderte Arbeiter beim Stadionbau gestorben sind. Das fordern Mitglieder einer katholischen Kirchengemeinde in Marburg.

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Arabien adé? Der katholische Pfarrer Franz Langstein (55) fordert den Deutschen Fußballbund zur Vorab-Absage seiner Teilnahme an einer Fußball-WM 2022 in Katar auf. Er sagt: „Vor zehn Jahren wusste in Katar noch niemand, wie man einen Ball aufpumpt. Jetzt müssen Menschen, die wie Sklaven behandelt werden, Stadien bauen, in denen unsere jungen Leute 2022 spielen soll.“

Quelle: Björn Wisker

Marburg. „Fußballer dürfen nicht in Arenen spielen, die auf Blut gebaut sind“, sagt Franz Langstein (55). Er ist Pfarrer in der Kugelkirche, Chef-Hirte der Gemeinde Sankt Johannes mit 4700 Mitgliedern. Der Geistliche will mit Unterschriften-Listen eine Revolution im Weltfußball auslösen: Der Deutsche Fußballbund soll schon vorab die Teilnahme der Nationalauswahl an dem internationalen Turnier in Katar 2022 formal ausschließen.

Die Sportart, so Langstein, werde andernfalls „zum Handlanger eines barbarischen Sklavensystems degradiert“. Auf den Baustellen der Stadien für das Turnier sind in den vergangenen drei Jahren Hunderte Gastarbeiter gestorben. Die Zahl von 382 Nepalesen gilt als bestätigt, dazu kommen Experten zufolge ähnliche Summen von indischen, sri lankanischen und pakistanischen Bauarbeitern, die getötet worden sein sollen. Der DFB als 6,8 Millionen Mitglieder zählender Verband, sagt Langstein, habe „die moralische Verpflichtung und organisatorische Wucht“, mit einer Absage vorzupreschen um weltweit ein Zeichen gegen ... zu setzen. Fußball dürfe nicht derart skrupel- und gewissenlos dem Kommerz unterworfen werden.

„Wenn das Turnier dort stattfindet, beflecken die diesen schönen Sport, den wir so lieben“, sagt Langstein. Von der Fußball-Funktion Völkerverständigung bleibe nichts mehr. „Vermitteln wir den heute 16-Jährigen also den Wert, dass sie Spaß haben sollen am Kicken in Stadien, die auf Leichenbergen stehen. Das macht mich wütend“, sagt er.

Arabien adé? Der DFB verweist auf die Fifa

Aus für Fußball in Arabien? Der DFB gibt sich auf OP-Anfrage zurückhaltend. Man verweist auf den Fußballweltverband. „Die Fifa wird bis zum Jahreswechsel 2014/2015 Antworten geben müssen auf viele brennende Fragen“, sagt Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident. Dazu gehöre auch politische Einflussnahme, „weil auch wir mit dem Umstand der menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen für viele Gastarbeiter in dem Emirat konfrontiert wurden“. Die Vergabe für die Austragung der WM 2022 ziehe „sehr problematische Kreise und sie ist belastend für den ganzen Fußball“, ergänzt Niersbach. Fifa-Boss Josef Blatter bezeichnete die Situation in Katar noch Ende 2013 als „untragbar“ - wenige Tage später starben offenbar abermals Dutzende Bauarbeiter.

Der Marburger Protest-Pfarrer ist die folgenlosen Bestürzungs-Bekundungen der Verbandsfunktionäre leid. „Wenn die nichts machen, müssen die Fans, die Menschen draußen eben Druck ausüben“, sagt Langstein. „Immerhin scheinen ja alle Appelle von offizieller Seite zu verhallen.“ 150 Inspektoren überwachen die Arbeitsbedingungen von etwa 1,2 Millionen Gastarbeitern - „aber selbst an menschenverachtensten Umständen ändert sich dort nichts“, sagt er. Der Scheich-Staat, so Langsteins Urteil, habe seine Chance erhalten und sie vermasselt „Es ist noch genug Zeit einen anderen Austragungsort zu finden“, sagt der Geistliche, der bereits die schriftliche Unterstützung von Hunderten seiner 4700 Gemeindemitglieder hat. Ihn treibt das Gefühl, dass sich „jeder, vor allem leidenschaftliche Fußballfans über das Treiben in dem Staat aufregen“. Ja, die Hitze habe viele irritiert. Ja, die Kosten hätten für Kopfschütteln gesorgt. Aber nichts wiege so schwer wie die ständig steigende Zahl der Toten, die auf den Stadion-Baustellen schuften

Andere Kirchenkreise stützen den Marburger Protest: Im nordhessischen Kassel wird Langsteins Initiative kopiert, auch andere Sprengel interessieren sich dafür, wollen Listen in Umlauf geben, die Kampagne auf das Internet ausdehnen. Auf den Deutschen Fußballverband rollt eine Protest-welle zu - und am Donnerstag befasst sich in Brüssel die Europäische Union mit den Problemen in Katar.

von Björn Wisker

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