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Landgerichtsprozess

Vorwurf Kunstfehler: Gelähmter verklagt UKGM

Dem Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) droht eine Straf-Zahlung von 650 000 Euro. Seit einer angeblich fehlerhaften Operation im Mai 2010, sitzt ein 28-Jähriger im Rollstuhl.
Thorben Peter (28) klagt vor dem Landgericht gegen das UKGM. Sein Vorwurf: Kunstfehler der Ärzte. Foto: Björn Wisker

Thorben Peter (28) klagt vor dem Landgericht gegen das UKGM. Sein Vorwurf: Kunstfehler der Ärzte.

© Björn Wisker

Marburg. Reisen, angeln, Feuerwehr-Dienst: Vieles, was sich Thorben Peter im Leben vorgenommen hat, bleibt ein Traum. Seit einem Tag im Mai 2010 spürt er seine Beine nicht mehr, der Unterkörper ist gelähmt. „Das alles ist eine riesen Umstellung im ganzen Leben, auf allen Ebenen. Es ist schwer, vor allem, weil ich sehr gerne unterwegs war und noch so viel vorhatte“, sagt Peter im OP-Gespräch. Schuld daran, dass er plötzlich querschnittsgelähmt war, sollen Neuro-Chirurgen am UKGM sein. Das Klinikum, das Peter am Landgericht verklagt hat, bestreitet das.

„Wie aus dem Nichts bekam ich starke Rückenschmerzen. Morgens ging ich zum Hausarzt, der mich chiropraktisch behandelte, wonach es mir kurz besser ging“, sagt der Kläger während der gestrigen Güteverhandlung. Nachmittags seien die Schmerzen wieder schlimmer geworden, der Mediziner habe ihn dann „mit kleinen Nadeln“ gequaddelt (siehe Infokasten). Wenig später wurden seine Beine taub.

Peter wurde um 18 Uhr in die Neurologie, die 2010 noch am Ortenberg angesiedelt war, eingeliefert. „Ich hatte brennende Schmerzen.“ Die für die Diagnostik nötigen MRT-Bilder konnten dort jedoch nicht gemacht werden, da das Gerät nur für 120 Kilogramm ausgelegt ist und der Patient damals mehr wog. Ohne als Notfall zu gelten sei er um 20.30 Uhr vom Ortenberg in die Radiologie auf den Lahnbergen gebracht worden. Nach dem MRT und dem Rücktransport zum Ortenberg kurz vor Mitternacht, bekam er Schmerzmittel. „Alles tat so weh, ich wusste nicht, was mit mir ist, was passiert.“

Trotz anhaltender Schmerzen von Intensiv- auf Normalstation

Trotz der anhaltenden Beschwerden wurde der damals 22-Jährige am nächsten Morgen von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Am Nachmittag ergab eine sogenannte Leitfähigkeitsprüfung, dass eine Lähmung eingetreten war. „Plötzlich wurden sie auf der Station nervös, es hieß: Bandscheibenvorfall und auf meine Nachfrage, was das bedeutet, hieß es nur: schnipp, schnapp“.

Abermals wurde er für MRT und CT auf die Lahnberge gebracht. Nach mehrstündigem Warten und der Auswertung der Bilder, entschieden die Ärzte um 1 Uhr nachts: Notoperation an der Wirbelsäule, Laminektomie (siehe Infokasten). Mehr als 30 Stunden waren seit den ersten Lähmungserscheinungen vergangen. „Die Ärzte hätten bei diesem Verletzungsbild sofort ran gemusst, nicht erst ewig warten“, sagt Rechtsanwalt Hans-Berndt Ziegler. Das Uni-Klinikum bestreitet die Vorwürfe während der gestrigen Güteverhandlung. „Ein anderer Beteiligter könnte daran schuld sein“, sagt Rechtsanwalt Stefan Bonasch. Nach OP-Informationen hat das UKGM unter anderem die vorangegangene Behandlung durch den Hausarzt des Großhandelskaufmanns in Verdacht. Dieser könnte durch das Quaddeln eine Nervenverletzung oder eine allergische Reaktion herbeigeführt haben - eine Einschätzung, die auch der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) in ersten Prüfungen für möglich hielt.

Einschätzung: Akutes sensomotorisches Querschnitts-Syndrom

Eine Zeugin erinnert sich an den fünfeinhalb Jahre zurückliegenden Vorfall. Mit der Einschätzung eines „akuten sensomotorischen Querschnitts-Syndroms“ sei Peter von der Neurologie auf die Lahnberge gekommen, sagt die diensthabende, ihn in der Folge operierende Ärztin (38). „Ich verstehe die Tragödie, aber wir haben zu keinem Zeitpunkt geglaubt, dass allein der Bandscheibenvorfall für diese außergewöhnlichen Symptome verantwortlich ist. Wir machten uns die Entscheidung nicht leicht, haben uns einige Minuten Bedenkzeit genommen, aber weiteres Warten hätte nichts gebracht“, sagt die Medizinerin. Ihr Chef (45), damals Oberarzt, konnte sich an nichts erinnern.

Eine schriftliche Einwilligung oder Aufklärung über die Risiken des Eingriffs habe jedoch nicht vorgelegen, bestätigt die Ärztin einen Vorwurf des Klägers. „Schlampig, ja, damals war das noch so, heute nicht mehr.“ Mündlich habe sie ihm aber alles erklärt. „Ich bin ein super zwanghafter Aufklärer, die abgefahrensten Komplikationen habe ich vielleicht nicht genannt, aber ich habe mich so gut es geht um alles gekümmert.“

Weitere OPs ändern Zustand nicht

Erst in der Reha-Klinik, die die Diagnostik wiederholte, fiel die Tragweite der Verletzung auf - und dass der Bandscheibenvorfall noch besteht. „Dort musste dann mit weiteren OPs einiges repariert werden. An meinem Zustand hat sich aber nichts mehr geändert“, sagt Peter.

Die Operation am UKGM, Risiko-Aufklärung, Handwerk der Ärzte - das alles sei ihm „ziemlich wurst. Das Üble ist, dass die OP erst mehr als 30 Stunden nach den Lähmungen gemacht wurde.“

Ein von Ziegler eingeholtes Gutachten belastet die Marburger Ärzte . Es liege „ein grober Behandlungsfehler“ vor, es sei „allgemein ärztliches Wissen, dass akute Lähmungserscheinungen innerhalb weniger Stunden behoben werden müssen, um eine Chance auf die Rückbildung der Querschnittslähmung zu haben“. Zudem sei in Marburg an der falschen Stelle operiert worden.

Das Landgericht beauftragt nun zur Überprüfung des Kunstfehler-Vorwurfs einen weiteren Gutachter. Der Arzthaftungs-Prozess wird wohl Anfang 2016 fortgesetzt.

von Björn Wisker


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