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Vorurteile und Wettbewerbsvorteile

Samstag ist Linkshändertag Vorurteile und Wettbewerbsvorteile

Schraubenzieher, Scheren und Tischsitten - die Welt ist für Rechtshänder ausgelegt. In manchen Lebenslagen kann es für Linkshänder aber auch Vorteile geben.

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Die Bildkombo zeigt Utensilien für Linkshänder: das Lineal, eine Uhr, eine Tasse, sowie einen Zollstock.

Quelle: dpa

Marburg. Die Knöpfe der Mikrowelle sind rechts, den Korkenzieher schraubt man rechts rein und die meisten Scheren sind für Rechtshänder konzipiert. Es ist altbekannt, dass die Welt Linkshändern oft keinen Gefallen tut. Dass man zwei linke Füße hat, wenn man tollpatschig ist, zeigt: Vorurteile gegen die linke Seite sind tief in unserer Sprache und Kultur verankert. Dennoch haben Linkshänder so manchen Vorteil.

Der Alltag für die geschätzten 10 bis 15 Prozent der Weltbevölkerung, die Linkshänder sind, ist noch immer schwierig - darauf soll an diesem Samstag, wie jeden 13. August seit 1976, mit dem Internationalen Tag der Linkshänder aufmerksam gemacht werden. Das Messer wird rechts gedeckt, Werkzeuge sind meist für Rechtshänder und selbst beim Ausschalten des iPhones muss man nach rechts wischen. Als Linkshänder hat man kaum die Wahl - man muss sich der Mehrheit anschließen: Das Händeschütteln mit rechts ist zwar auch für Linkshänder üblich, aber im Orchester mit rechts Geige zu spielen oder sich im OP-Saal an die rechtshändigen Chirurgen anzupassen, ist für viele Linkshänder eine Herausforderung.

Sprache ist nach wie vor voll mit Vorurteilen

Mit einem größeren Verständnis und etlichen Produkten für Linkshänder hat sich dies inzwischen verbessert - doch unsere Sprache ist nach wie vor gespickt mit Vorurteilen über die linke Seite. Man lässt jemanden links liegen, ist aber auf dem rechten Weg und hat das Herz am rechten Fleck. Im Englischen ist das Wort „right“ zweideutig und bedeutet „rechts“ und „richtig“. Dass die rechte Seite eines Schiffes - Steuerbord - mit Grün und Backbord mit rot gekennzeichnet wird, ist Anzeichen dafür: Rechts war schon immer die gute, die natürliche Seite.

Aber empfinden das alle Menschen so? Daniel Casasanto, Dozent für Psychologie an der University of Chicago, hat mit Tests an Rechts- und Linkshändern herausgefunden: Unabhängig davon, was wir über Jahrtausende durch Sitten und Sprache gelernt haben, assoziieren wir etwas Positives mit unserer dominanten Seite und etwas Negatives mit der anderen. „Trotz Sprache und Kultur ist es tatsächlich so, dass Rechtshänder die rechte Seite als gut empfinden und Linkshänder die linke - nicht die rechte“, sagt Casasanto. Eine Studie zum Redeverhalten der letzten US-Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten unterstreiche dies. Casasanto hat etliche Reden von George Bush (Rechtshänder), seinem Herausforderer aus dem Jahr 2004 John Kerry (Rechtshänder), Barack Obama (Linkshänder) und seinem Gegenkandidaten 2008 John McCain (Linkshänder) analysiert. Sein Fazit: Anstatt, dass Rechts- und Linkshänder bei positiven Statements mit rechts gestikulierten, wie traditionell angenommen worden sei, nutzten die Politiker für positive Aussagen ihre dominante Hand, bei negativen ihre weniger dominante.

„Unsere Daten deuten daraufhin, dass es durchaus in der Politik ein Nachteil ist, ein Linkshänder zu sein“, sagt Casasanto. Rechtshänder würden tendenziell eher einer politischen Aussage zustimmen, wenn sie von einem Rechtshänder vorgetragen werde, der mit rechts gestikuliert - und umgekehrt. Dass rund die Hälfte der vergangenen US-Präsidenten Linkshänder waren, obwohl die meisten Wähler Rechtshänder sind, sei noch schwer zu erklären.

Landrätin ist Linkshänderin

Natürlich gibt es auch unter den heimischen Politikern einige Linkshänder. So wie Landrätin Kirsten Fründt. Wirklich negative Erfahrungen hat sie jedoch nicht erlebt: „Ich bin nie gezwungen worden, mit der rechten Hand zu schreiben - zu Hause nicht und in der Schule auch nicht“, erklärt sie. Wirklich gestört haben sie in der Schule nur die links gebundenen Spiralblöcke. Jedoch gibt es eine Kleinigkeit, die ihr immer noch Sorge bereitet: „Mit Korkenziehern für Linkshänder komme ich gar nicht zurecht“.Der Minderheit der Linkshänder anzugehören hat natürlich auch Vorteile: Etwa der Überraschungseffekt im Sport. Vor allem in den Sportarten, in denen man jemandem gegenübersteht - Boxen und Tennis etwa oder auch Baseball. „Die Fähigkeit, den Gegner zu ‚lesen‘, ist entscheidend und hängt hauptsächlich von der Erfahrung mit anderen Gegnern ab“, schreibt Chris McManus, Psychologieprofessor am University College London, in seinem Buch „Right Hand, Left Hand“. Ein Rechtshänder habe viel weniger Erfahrung mit linkshändigen Gegnern als andersrum.

Der Linkshänder kenne die Schwächen seines Gegners somit viel besser als der Rechtshänder - „und hat ein Wettbewerbsvorteil“. Vollends unterstützen möchte Jochen Schmitt diese Aussage jedoch nicht. Der Spieler des TTV Stadtallendorf steht als Linkshänder in der Tradition von Tischtennis-Stars wie Timo Boll und Jörg Rosskopf. Im Doppel sei es auf jeden Fall ein Vorteil, wenn das Team aus einem Rechts- und einem Linkshänder besteht. „Das passt dann besser mit den Laufwegen und den Vorhand-Schlägen“, erklärt Schmitt.

Im Einzel sei es jedoch nicht immer ein Vorteil als Linkshänder anzutreten. „Wenn man in seinem Verein einen Linkshänder hat und ständig mit ihm trainiert, gewöhnt man sich auch an das Spiel“. Schmitt habe es aber auch schon erlebt, dass ein Gegenspieler sichtlich entnervt reagiert habe, auf einen Linkshänder zu treffen.

Tennis-Star Rafael Nadal wurde sogar bewusst umgeschult, mit links zu spielen. Es ist kein Wunder, dass in Sportarten wie Tennis, Tischtennis und Baseball der Anteil der Linkshänder höher ist als im Schnitt der Bevölkerung.

von Dennis Siepmann und unserer Agentur

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