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Vormärz, Sozialistengesetze, Godesberg

150 Jahre SPD Vormärz, Sozialistengesetze, Godesberg

Die älteste demokratische Partei Deutschlands, die SPD, gibt es seit 150 Jahren. Ungefähr jedenfalls - ein exaktes Gründungsdatum ist nicht überliefert. In Marburg gedenkt die SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus der Gründung.

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28. Februar 1970: Sozialdemokraten demonstrieren vor dem Marburger Rathaus gegen die Wahl des CDU-Politikers Dr. Walter Wallmann zum Oberbürgermeister. Die Wahl musste wegen eines Formfehlers wiederholt werden – und  Anfang Juni kam SPD-Mann Hanno Drechsler ins Amt.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Wann genau die erste sozialdemokratische Organisation auf deutschem Boden mit ihrer politischen Arbeit begann - keiner weiß es genau. Die SPD hat beschlossen, in diesem Jahr das 150-jährige Bestehen zu feiern, weil sie sich auf die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) durch Ferdinand Lassalle am 23. Mai 1863 im Leipziger Pantheon beruft.

Ob es den ADAV in Marburg gab, ist ungewiss. Vor 44 Jahren, im Jahr 1969, feierte die Partei jedenfalls, so erinnert sich Reinhold Drusel, das 100-jährige Bestehen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei SDAP, 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründet.

Dass die Marburger der Gründung der SDAP gedachten, lag möglicherweise aber auch daran, dass einer ihrer aufgehenden Sterne in den späten 60er Jahren zur Geschichte der SDAP promoviert hatte. Der junge Mann, der als Studienrat im Hochschuldienst unter der (marxistischen) Hochschullehrerlegende Wolfgang Abendroth diente, war gerade zum Parteivorsitzenden gewählt worden und sollte sich ein Jahr später anschicken, die Geschicke der Stadt maßgeblich und über Jahrzehnte zu prägen. Sein Name: Dr. Hanno Drechsler.

In mancher Hinsicht sind die Geschichte der SPD in Deutschland und der Marburger SPD miteinander verwoben: So lebte Philipp Scheidemann, der 1919 die erste deutsche Republik ausrufen sollte, von 1888 bis 1894 in Marburg, arbeitete als Redakteur und lernte hier auch seine Frau kennen. Und Wilhelm Liebknecht, einer der Gründer der SDAP, lebte als Student in den 1840er Jahren eine Zeit lang in Marburg, absolvierte nebenbei eine Lehre als Büchsenmacher und musste die Stadt fluchtartig verlassen, nachdem er an einer Solidaritätsaktion für den damals prominentesten politischen Gefangenen, Sylvester Jordan, teilgenommen hatte. Die Demokratiebewegung des Vormärz prägte auch den jungen Liebknecht.

Beim Verteilen der Parteizeitung verhaftet

Reinhold Drusel, Sozialdemokrat aus Überzeugung und Lokalhistoriker aus Berufung, kann einer Reihe solcher und ähnlicher Geschichten erzählen, die die Geschichte der SPD lebendig machen.

Zum Beispiel die seines Großvaters, des Anstreichers Heinrich Drusel, der 1901 gemeinsam mit dem Schreiner Jean Greif durch den Ebsdorfergrund wanderte, um die SPD-Zeitung „Volksstimme“ zu verteilen. Die beiden wurden verhaftet: „Offenbar wusste die Polizei auf dem flachen Land noch nichts von der Aufhebung der ­Sozialistengesetze elf Jahre zuvor“, schmunzelt der Ockershäuser.

Die Geschichte ist auch deswegen spannend, weil man an ihr die (eher zögerliche) industrielle Entwicklung in Marburg und ihre Entsprechung beim Wachsen von Arbeiterorganisationen erahnen kann: 1891 wurde - mitten im Bauboom in Marburg - der erste Anstreicherverband Marburger Land gegründet. Er zählte 80 Mitglieder, davon kamen 50 aus Ockershausen.

Es gibt eine Reihe solcher Geschichten, die Schlaglichter werfen auf die Entwicklung der Partei bis zum ersten Weltkrieg. Danach wird auch die Aktenlage deutlich besser. Und so wissen wir, welche Rolle die Spaltung der Sozialdemokratie in SPD und USPD 1919 auch für das Klima in Marburg spielten: Arbeiteraufstände in den industriellen Zentren in Sachsen und im Ruhrgebiet führten dazu, dass auch Freikorps zu deren Niederschlagung zu Hilfe gerufen wurden. Die Ermordung von Arbeitern im thüringischen Mechterstädt durch Marburger Korpsstudenten ist eines der dunklen Kapitel in der Marburger Geschichte.

Abendroths Ausschluss und Drechslers Aufstieg

Noch zwei Episoden aus der Geschichte der SPD seien erwähnt: Die politische Auseinandersetzung der späten 50er und frühen 60er Jahre in der Partei wurde durch die Diskussionen in Marburg stark mitgeprägt. Wolfgang Abendroth und seine Schüler gehörten zu denen, die sich der programmatischen Wende durch das Godesberger Programm widersetzten. In langen Parteiversammlungen, so erinnert sich Reinhold Drusel, setzte sich der revolutionäre Flügel der Partei in der Regel durch - auch deswegen, weil die Versammlungen oft erst nach Mitternacht beendet wurden - „und da hatten die Studenten oft das bessere Ende“. Es folgte ein Unvereinbarkeitsbeschluss, der Sozialdemokraten die Mitgliedschaften im linken Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) untersagte und in der Folge 1961 der Ausschluss Abendroths aus der Partei.

Mit der Wahl von Dr. Hanno Drechsler zum Marburger Oberbürgermeister 1970 und später, 1972, durch die Wiederwahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler, schwamm auch die Marburger SPD auf einer Erfolgs- und Euphoriewelle. Drechsler setzte die scharfe Abgrenzung zur DKP durch, die Partei wuchs und wuchs derweil. Im Jahr 1973 gründete der Stadtverband Ortsvereine, 1985 wurde die erste rot-grüne Koalition in Hessen gegründet. Wieder so ein Beispiel, wie die Marburger und die bundesdeutsche Geschichte ineinandergriffen ...

  • Der Unterbezirk Marburg-Biedenkopf und der Stadtverband Marburg der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus laden für Samstag, 30. März, um 16 Uhr zu einer „Öffentlichen Informationsveranstaltung“ in den Historischen Rathaussaal ein. Reinhold Drusel hält den Festvortrag.

von Till Conrad

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