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Vorbildlich - aber nur für 24 Stunden

Blitzer-Marathon Vorbildlich - aber nur für 24 Stunden

16 Bundesländer, 14724 Polizisten, 8599 Messstellen, 24 Stunden und ein gemeinsames Ziel: Schnellfahrern einen Denkzettel verpassen. Der erste bundesweite Blitzer-Marathon war ein Erfolg - sagen die Befürworter. "War teuer", sagen die Ertappten.

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Polizeihauptkommissar Dirk Gnau misst die Geschwindigkeit von Autos zwischen Sterzhausen und Michelbach.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Manchmal kann Hauptlkommissar Klaus-Uwe Becker nur mit dem Kopf schütteln. Nicht nur über Autofahrer, die permanent ein bisschen zu schnell fahren, sondern auch über solche, die trotz Warnung in Radarfallen tappen. Von einem haben ihm seine Kollegen aus NRW erzählt. Ein Taxifahrer. Hatte er sich doch extra einen Zettel mit der Erinnerung „Blitz-Marathon“ auf das Lenkrad geklebt. Wohl nicht groß genug. Er wurde von der Polizei herausgewunken - und zur Rechenschaft gezogen.

 

Er war nicht allein. Etwa 83000 Fahrer bundesweit wurden geblitzt. 10000 in Hessen. 1729 der Fahrer haben dabei ihr Punktekonto aufgefüllt. Im Landkreis wurden 404 Geschwindigkeitsverstöße gemeldet. Auf 40 der Fahrer wartet ein Bußgeldbescheid. Zweien droht ein Fahrverbot. Die übrigen müssen ein Verwarngeld zahlen. Die großangelegte und offen kommunizierte Aktion hat ihre Wirkung nicht verfehlt. 24 Stunde lang hielt sich bundesweit ein Großteil der Verkehrsteilnehmer an das vorgeschriebene Tempolimit. 40 Polizisten sowie Mitarbeiter der Kommunen überprüften von Donnerstag auf Freitag insgesamt 21755 Fahrzeuge an 27 Orten im Landkreis. Traurige Rekorde: In Marburg fiel ein Autofahrer mit 97 statt der erlaubten 50 km/h auf. Außerhalb geschlossener Ortschaft wurde ein Fahrer mit 113 statt 70 km/h gemessen.

Selbst Schuld - so die Meinung von Hauptkommissar Klaus-Uwe Becker. Er hat die Erfahrung gesammelt, dass eine Blitzerwarnung über Medien wie Radio, Internet oder Zeitung kaum messbare Auswirkungen auf das Fahrverhalten habe. Normalerweise. Beim bundesweiten Blitzer-Marathon sei dies anders gewesen. Viele fuhren strikt nach Vorschrift. Viele, aber eben nicht alle. Ein Ehepaar aus dem Landkreis schien es besonders eilig zu haben. Erst fiel die Dame des Hauses durch ihre zügige Fahrweise auf, wenige Minuten späte ihr Mann. Sie muss ein Verwarngeld zahlen, auf ihn wartet ein Punkt und ein Bußgeldbescheid. Das skurrile: Beide hatten noch am Morgen ihrer Tochter eine Warnung und eine Standpauke mit auf den Weg gegeben. Langsam solle sie fahren. Nicht so rasen. Die Polizei sei unterwegs.

Innenminister Boris Rhein wertet den Blitz-Marathon als einen vollen Erfolg für Hessen. Er findet nicht nur lobende Worte für die Durchführung, sondern auch tadelnde, für die Kritiker. „Der Blitz-Marathon hat die Menschen für die Gefahren des Rasens sensibilisiert. So sieht moderne Präventionsarbeit aus - es ist völlig unangemessen und springt zu kurz, diese Aktion als Volkserziehung abzuqualifizieren, denn das verharmlost die tödlichen Gefahren der Raserei.“ Und auch der Sprecher der Polizei Marburg-Biedenkopf, Martin Ahlich, betont: „Im Landkreis wurde das Ziel erreicht. Die Autofahrer sind langsamer gefahren als normalerweise. Man muss sich nur vor Augen führen, dass bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h acht von zehn Fußgängern die Kollision überleben. Bei einer Geschwindigkeit von 65 km sind es acht von zehn, die sterben. Das allein sagt schon alles aus.“

Der immer wieder aufkeimende Vorwurf der „Abzocke“ war Anlass für manch hitzige Debatte. Einige, so Polizeidirektor Manfred Kaletsch, wurden mit den Beamten gleich an Ort und Stelle geführt. Andere wiederum verlagerten sich auf einen anonymeren Schauplatz - das Internet. „Der erste 24-Stunden-Blitzmarathon wurde unter anderem mit Einträgen in den Sozialen Netzwerken oder via Twitter stark diskutiert“, so der Polizeidirektor. Trotz der Kritik ist er sich sicher: „Es ist gelungen, dass eine öffentliche Diskussion zum Thema Geschwindigkeitsunfälle und Verkehrsüberwachung angestoßen wurde. Unser Ziel, die Autofahrer zu sensibilisieren und auf die Gefahren des Schnellfahrens aufmerksam zu machen, haben wir erreicht. Wenn durch die Maßnahmen nur ein Menschenleben gerettet wird, hat sich der Aufwand schon gelohnt.“

Kurioses

In Karlsruhe beschwerte sich ein Autofahrer bei der Polizei: Er sei nicht geblitzt worden, obwohl er mit Tempo 65 durch die Stadt gefahren sei. In Nordrhein-Westfalen hat sich ein Autofahrer beim Innenminister beschwert, 15 Minuten vor Beginn des Blitz-Marathons erwischt worden zu sein. Dabei sei er extra früh aufgebrochen, um den Kontrollen zu entgehen.

In St. Georgen und Furtwangen (Baden-Württemberg) musste die Aktion wegen des kalten Wetters unterbrochen werden. Regentropfen und Schneekristalle waren hier mittags schon so stark, dass sie den Infrarotstrahl des Geräts ablenkten.

In Krefeld und Hückeswagen (beides Nordrhein-Westfalen) legten Lamas die Kontrollen kurzfristig lahm. Die Beamten mussten zunächst die ausgebüxten Tiere wieder einfangen.

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