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Vorbereiter und Mitgestalter von Inklusion

Trauerfeier für Tom Mutters Vorbereiter und Mitgestalter von Inklusion

Es gab viele lobende Worte für das Werk von Tom Mutters, den verstorbenen Gründer der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Die bewegendsten fand vielleicht Achim Wegmer.

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Der Modemacher und Moderator Guido Maria Kretschmer hielt eine bewegende Rede auf seinen verstorbenen Schwiegervater Tom Mutters.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Wegmer war der erste Mensch mit einer Behinderung im Bundesvorstand der Lebenshilfe. Er leidet an einer spastischen Einschränkung der rechten Körperhälfte. Er spricht langsam, das Reden strengt ihn an, die Trauergäste müssen ihm konzentriert zuhören.

Es gab viele lobende Worte für das Werk von Tom Mutters, den verstorbenen Gründer der Bundesvereinigung Lebenshilfe.

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Und es lohnt sich: „Tom Mutters hat dafür gesorgt, dass Behinderte für die Gesellschaft etwas darstellen – und er hat auch mich verändert“, sagt der 58-Jährige, der seit 2002 Mitglied des Bundesvorstands ist: „Ich arbeite, ich traue mir etwas zu, ich halte Reden.“

Vielleicht versinnbildlicht Wegmer am besten die Wirkung, die dem Lebenswerk von Tom Mutters vergönnt ist. Ähnlich wie ihm geht es hunderttausenden Menschen – darauf wies Dr. Bernhard Conrads, der frühere Bundesgeschäftsführer der Lebenshilfe hin –, die als Mitarbeitende der Organisation eine sinnvolle Beschäftigung gefunden haben.

Ein Lehrer von Behindertenrechten

Mutters kam als niederländischer Verbindungsoffizier nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland und übernahm im Lager Goddelau in Südhessen die Betreuung von etwa 50 Flüchtlingskindern mit geistiger Behinderung, die von ihren Eltern während der Nazi-Diktatur alleingelassen werden mussten.

Tom Mutters war so entsetzt, dass er sein Leben fortan den Rechten von Behinderten verschrieb. 1958 gründete er die Bundesvereinigung Lebenshilfe. „Er hat uns nach dem Nationalsozialismus beigebracht, dass Behinderte die gleichen Rechte haben“, sagte der Schwiegersohn von Tom Mutters, der Moderator Guido Maria Kretschmer.

Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt, die Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe und frühere Gesundheitsministerin, wies in ihrer Rede darauf hin, dass in Deutschland nach dem Nationalsozialismus zwar nicht mehr von „unwertem Leben“ im Zusammenhang mit Behinderten die Rede war, aber sehr wohl von „Bildungsunfähigkeit“.

Trauerbotschaft von
 Bundeskanzlerin Merkel

Zehn Jahre nach Gründung der Bundesvereinigung Lebenshilfe gab es deshalb noch immer keine flächendeckende allgemeine Schulpflicht für Behinderte. „Die durchgesetzt zu haben, ist einer der großen Meilensteine, die Tom Mutters gesetzt hat“, sagte Ulla Schmidt. Mutters sei der „Vorbereiter und Mitgestalter von Inklusion als unveräußerlichem Lebensrecht“.

Ähnlich äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Trauerbotschaft an die Hinterbliebenen, die Schmidt verlas: „Mutters‘ Visionen von Teilhabe prägten sein Lebenswerk.“

Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies ergänzte, Mutters habe weit über den Umgang mit geistig Behinderten hinaus die Sicht der Gesellschaft verändert – Guido Maria Kretschmer, der seit 30 Jahren mit Mutters‘ Sohn Frank in einer Partnerschaft lebt, berichtete von einem praktischen, sehr persönlichen Beispiel: „Tom hat uns immer ermutigt, wir sollten uns offiziell verpartnern.“

von Till Conrad

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