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„Vor allem dort leben, wo Frieden herrscht“

Podiumsdiskussion zur Flüchtlingskrise „Vor allem dort leben, wo Frieden herrscht“

„Wie können und müssen wir Migration gestalten?“ Diese Frage versuchten die Podiumsteilnehmer zu beantworten.

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Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion nahmen im Altarraum der Lutherischen Pfarrkirche Platz.

Quelle: Muriel Kalisch

Marburg. Dr. Johannes Becker, Leiter des Zentrums für Konfliktforschung, führte durch die Diskussion mit Patrick Kotzur aus der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie der Uni Marburg, Felix Volkmer, Fotograf der Ausstellung, Benjamin Edinger vom Vorstand der Asylbegleitung Mittelhessen sowie den syrischen Flüchtlingen Bassam Hussein und Mohammad Ra­shed Marwa. Und auch das Publikum, eine bunte Mischung aus Senioren und Studierenden, Engagierten und Interessierten, beteiligte sich rege an der Diskussion.

Anlass war die Ausstellung „Lost Between Borders“ in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien, die gestern zu Ende gegangen ist. Felix Volkmer, Student der Friedens- und Konfliktforschung in Marburg, begleitete im September 2015 eine Gruppe von Flüchtlingen von Griechenland aus bei ihrem Weg über die Balkanroute nach Westeuropa. Als Beweggrund für die Reise gibt er die Berichterstattung über die damals noch junge Flüchtlingskrise an: „Es hat mich gestört, dass die mediale Diskussion immer weiter vom Menschen wegging. Durch meine Fotos wollte ich die Leute dazu bringen, die Ankommenden wieder als Individuen zu betrachten.“

„Integration kann nur funktionieren, wenn wir Partizipation zulassen“

Mithilfe von zwei Übersetzern - von denen jedoch zumindest Bassam Hussein kaum Gebrauch machte - schilderten die beiden Syrer ihren Weg über die Balkanroute und ihre Erfahrungen in Deutschland. Bassam, der seit 15 Monaten in Deutschland lebt und bisher noch keinen richtigen Sprachkurs besuchte, erklärt: „Viele fragen mich: warum Deutschland? Aber ich kann darauf keine Antwort geben. Als wir in Syrien aufgebrochen sind, hatten wir keine Zeit, darüber nachzudenken, in welches Land wir gehen wollen. Wir wollten vor allem dort leben, wo Frieden herrscht.“ Die 23-jährige Mohammad Rashed Marwa, die in Syrien Wirtschaftswissenschaften studierte, fügt hinzu: „Bei meiner Ankunft hier habe ich bisher nur Freundlichkeit und Respekt erlebt. Bisher konnte ich keine Diskriminierungen bemerken. Ich würde gerne in Zukunft hier arbeiten, um Deutschland so etwas zurückgeben zu können.“

Neben den persönlichen Erfahrungen der Geflüchteten spielten auch wissenschaftliche Aspekte eine Rolle in der Diskussion. Patrick Kotzur, der gerade an seiner Doktorarbeit in Psychologie schreibt, präsentierte erste Ergebnisse einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Sozialpsychologie der Uni Marburg. Die Wissenschaftler untersuchten zwischen April 2015 und März 2016, wie sich die Ansichten der Anwohner der Erstaufnahmezentren in Gießen und Neustadt im Zeitverlauf und mit steigendem Kontakt zu Geflüchteten veränderten. „Wir stehen mit unseren Analysen noch sehr am Anfang“, erläutert Kotzur. „Aber grundsätzlich sehen wir unsere These, dass mit steigendem Kontakt zu Flüchtlingen das Störungsempfinden der Anwohner sinkt, bestätigt.“

Benjamin Edinger von der Asylbegleitung Mittelhessen sieht sich jeden Tag mit ankommenden Flüchtlingen konfrontiert. Anders als Bassam und Marwa weiß er von tagtäglichen Diskriminierungen zu berichten: „Besonders bei der Wohnungssuche nehmen wir Diskriminierung stark wahr. Gerade in einer Stadt wie Marburg, in welcher der Wohnungsmarkt völlig überlaufen ist, ist es nahezu unmöglich eine Wohnung für Geflüchtete zu finden.“ Um weiter den Ankommenden helfen zu können, wünsche sich die ehrenamtlich arbeitende Asylbegleitung Mittelhessen drei Dinge: Büroräume, Fördergelder und vor allem weiteren Zulauf an Menschen, die sich engagieren.

„Integration kann nur funktionieren, wenn wir Partizipation zulassen“ - den Publikumsbeitrag eines älteren Mannes, der darauf hinwies, dass auch die deutsche Bevölkerung von den Geflohenen lernen könne, greift Moderator Dr. Becker zum Abschluss der Diskussion auf. „Wenn wir nur diesen Satz vom heutigen Nachmittag mitnehmen und in die Welt hinaustragen, dann können wir die Flüchtlingskrise bewältigen.“

von Muriel Kalisch

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