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Vor allem Hessens Ärzte folgten Nazis

Forschungsergebnis Vor allem Hessens Ärzte folgten Nazis

Mehr als die Hälfte aller 4600 Ärzte in Hessen während des Dritten Reichs waren Nationalsozialisten. Inklusive der NSDAP-Anwärter waren es sogar 61 Prozent. Ein Viertel der Mediziner war Teil der Sturmabteilung (SA).

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Die Anklagebank bei den Nürnberger Prozessen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Quelle: Archiv

Marburg. „Weit vor Lehrern und Juristen“ mit 25 bis 35 Prozent seien Ärzte die Berufsgruppe mit der höchsten NSDAP-Mitgliedschaftsquote gewesen, lautet das Fazit von Erziehungswissenschafts-Professor Benno Hafenegger (Philipps-Universität). Mehr noch: Keine andere Berufsgruppe sei in so hohem Maße in der Partei und ihren Gliederungen organisiert gewesen.

„Das ist ein Indikator, in dem sich die ideologische Überzeugung und Bindung, bekennende Treue zum NS-Staat sowie aktive Teilnahme an der NS-Medizin ausdrückte“, so Hafenegger. Als „Lebenslüge entlarvt“ sei somit die Behauptung, es sei nur eine kleine Gruppe von Ärzten Teil der Nationalsozialisten gewesen.

Die Ärzteschaft habe zu den „Funktionseliten“ im Staat gehört und sei für die Realisierung der Gesetzgebung „an entscheidenden Stellen mit zuständig und verantwortlich“. Bei der Landesärztekammer waren im Dritten Reich im Bezirk der Universitätsstadt 402, in Gießen 478 Ärzte tätig. 250 hessische Mediziner waren SS-Mitglieder.

Mit Blick auf das Alter vieler Mediziner, die speziell ab 1933 in die NSDAP eintraten, nennen die Forscher vor allem „Karrierechancen“ als Gründe für den sprunghaften Anstieg der Mitgliederzahlen. Die Landesärztekammer hatte vor drei Jahren beschlossen, ihren Ursprüngen nachzugehen, und die Marburger Forscher mit der Aufarbeitung der Geschichte beauftragt.

„Wir sind die erste Ärztekammer, die das in dieser Breite gemacht hat“, sagte Siegmund Drexler, Projektkoordinator. „Wir wollen aus der Vergangenheit lernen, um aktuelle Fragen besser beantworten zu können“, sagt Kammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach.

Experimente an
 psychisch Kranken

Die Wissenschaftler haben Dokumente von den Anfängen der Ärztevereine im 19. Jahrhundert bis zur Gründung der Kammer als Körperschaft des öffentlichen Rechts im Jahr 1956 aus Staats- und Universitätsarchiven zusammengetragen. Schwerpunkte legten sie auf Nationalsozialismus und Nachkriegszeit. Auffällig: Während die klare Mehrheit der Männer Teil mindestens einer Nazi-Organisation waren, ist die Quote bei Frauen deutlich niedriger. Von den hessenweit 529 Ärztinnen waren weniger als 100 NSDAP-Mitglieder.

Hafenegger widmet der unmittelbaren Nachkriegszeit der Ärztekammer in Marburg einen eigenen Abschnitt: So sei in der Stadt mit dem Einzug fremder Truppen eine Notlage speziell für Frauen entstanden, die „zahlreichen Vergewaltigungen und Schwängerungen ausgesetzt waren“ – woraufhin von der Kammer eine medizinische Kommission eingerichtet wurde. In dieser waren auch zwar stark NS-belastete Professoren – Ernst Kretschmer und Hans Naujoks – tätig. Ersterer war unter anderem Richter am Erbgesundheitsgericht Marburg und der nächsthöheren Instanz in Kassel.

Vor allem experimentierte er aber während des Krieges an psychisch kranken Menschen mit Insulinschocks. Der Gynäkologe Naujoks war NSDAP-, SA- und förderndes SS-Mitglied. Er war Mitarbeiter im Rassenpolitischen Amt und 1933 Mit-Unterzeichner des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“. Während seiner Zeit als Frauenkliniksdirektor in Köln gibt es Anzeigen wegen Zwangssterilisation.

Sowohl Naujoks als auch Kretschmer formulierten das „Marburger Protokoll“, das bei vergewaltigten Frauen mit Abtreibungsabsicht zur Anwendung kommen sollte und den Abbruch in einem solchen Fall durchaus bejahte, da bei den Schwangeren aufgrund der traumatischen Erlebnisse erhöhte Suizidgefahr bestand.

Zu den zentralen Akteuren in der (auch Vor- und Nach-NS-Geschichte) der Landesärztekammer Hessen zählten auch weitere Marburger:

Wilhelm Herrman: Geboren 1896 in Marburg, Promotion 1924, tätig als Allgemeinpraktiker. Ab 1933 Amtsleiter der KVD-Bezirksstelle Marburg, ab 1935 Leiter der Gutachterstelle für Schwangerschaftsunterbrechungen in der Universitätsstadt, ab 1936 Leiter der ÄBV in Marburg. War sowohl NSDAP-Mitglied als auch aktiv in der SA sowie dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund (NSDÄB).

Konrad Sochatzy: Studium in Marburg, Promotion und Approbation 1920, Allgemeinpraktiker ab 1922. Trat 1931 in die NSDAP ein. Ortsgruppenleiter in Alzey von 1931 bis 1932, zudem Kreispressewart und Kreisschulungsleiter bis 1933. Von 1931 bis 1945 in der SA (höchster Rang: Sanitäts-Standartenführer). Nach Kriegsende in mehreren Internierungslagern, wurde 1949 in Minz als „Minderbelasteter“ eingestuft und zu einer Geldstrafe verurteilt.

Victor Rambeau: Studierte in Marburg, erhielt das Staatsexamen 1924 (Promotion 1925) und arbeitete ab November 1926 als Mediziner in der Stadt. Als homöopathischer Arzt wurde er bekannt. Galt nach dem Krieg als „unbelastet“, weshalb der damalige Oberbürgermeister ihn bat, den „Ärzteverband Marburg“ zu leiten. Formierte die hessische Landesärztekammer mit, war Vorsitzender der Bezirksärztekammer und zudem viele Jahre als Stadtverordneter und SPD-Fraktionschef im Stadtparlament aktiv.

Emil Sardemann: 1898, im Alter von 39 Jahren, Mitbegründer des „Ärztlichen Vereins zu Marburg“ und dessen Vorstandsmitglied. Ab 1923 Vorsitzender der Ärztekammer Hessen-Nassau. Verstarb 1930 und somit vor der Machtergreifung der Nazis.

von Björn Wisker

 Die neu formierte hessische Ärztekammer im Herbst 1933. Archivfoto
 
 
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