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„Von uns war keiner auf Krawall aus“

Messerstecher-Prozess „Von uns war keiner auf Krawall aus“

Dritter Tag im Totschlagprozess am Marburger Landgericht: Acht Zeugen wurden gestern in sechs Stunden angehört.

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Der Angeklagte (zweiter von rechts) gestern beim Totschlagprozess vor dem Marburger Landgericht zusammen mit seinen drei Verteidigern (von links) Wolfgang Burkhardt, Dr. Axel Wöller und Sascha Marks.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es war ein besonderes Datum im Prozess um den tödlichen Messerstich, der zum Auftakt des vergangenen Wintersemesters in der Oberstadt die Marburger erschüttert hatte. Exakt vor einem Jahr war ein 20-jähriger Student wenige Stunden nach dem in den frühen Morgenstunden erfolgten Stich im Uni-Klinikum seinen Verletzungen erlegen. Dass gestern der traurige Jahrestag war, daran erinnerte allerdings im Gerichtssaal niemand. Stattdessen herrschte beim dritten Verhandlungstag, der wieder in Anwesenheit der Eltern des Getöteten stattfand, der normale Prozessalltag.

Wie schon am zweiten Prozesstag kamen vor der Schwurgerichtskammer des Marburger Landgerichts unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul auch jetzt weitere Augenzeugen der Tat zu Wort. Alleine vier der Zeugen stammten aus der Gruppe von insgesamt sieben jungen Männern rund um das spätere Opfer, die zusammen eine private Geburtstagsparty in mehreren Kneipen der Stadt gefeiert hatten. Diese Gruppe war nach der Schließung eines Nachtclubs kurz vor 6 Uhr morgens mit einem Trio rund um den Angeklagten in einen Streit geraten.

Die Aussage eines 23-jährigen Studenten aus der „Geburtstags-Gruppe“ brachte immerhin möglicherweise mehr Klarheit in die Frage, wieso der Streit ausgebrochen war - und das noch vor der Schließung des Lokals. So habe sich dort auf der Herrentoilette bereits ein erstes Wortgefecht zwischen ihm und zwei Freunden sowie dem Angeklagten ergeben. Es habe dort plötzlichen Mangel an Toilettenpapier gegeben. Daraufhin habe sie der Angeklagte (27) gefragt, wieso sie ihrem Freund kein Papier besorgen könnten. Daraufhin habe sein 24-jähriger Kumpel dem mit einem Anzug bekleideten Angeklagten sein Einstecktuch aus der Jackett-Tasche herausgerissen und es kurz hochgehalten.

Dies bestätigte der 24-Jährige, der danach seine Zeugenaussage machte. Es sei doch nur ein Spaß gewesen, betonte der junge Mann. „Von uns war keiner auf Krawall aus“, sagte er. Im Nachhinein betrachtet habe die Kombination „Alkohol und gute Laune“ vielleicht provozierende Auswirkungen gehabt, räumte er ein.

Schließlich sei er auch beteiligt gewesen an der Auseinandersetzung rund um das Einstecktuch des Verbindungsstudenten, die dann kurze Zeit später vor der Tür des Lokals zu dem handfest ausgetragenen Streit führte. Und zwar habe er zusammen mit seinem 23-Jährigen Bekannten den Angeklagten vor der Tür gefragt, warum dieser auf der Toilette so frech gewesen sei. Daraufhin habe ihn dieser bespuckt und er habe ihm das Tuch erneut entrissen, um sich damit die Spucke abzuwischen. Im Gegenzug sei ihm dann der Andere „an den Hals gegangen“ und er habe zurückgeschlagen. Dass am Ende der folgenden Scharmützel zwischen den beiden Gruppen dann der 20-jährige Student schwer verletzt auf dem Pflaster lag und wenig später starb, kam für den Zeugen zunächst überraschend. „Wir dachten, es sei eine normale Kneipenschlägerei gewesen“, sagte er gestern vor Gericht.

Denn weder er noch die anderen Zeugen aus der „Geburtstags-Gruppe“ oder weitere unbeteiligte Zeugen hatten im gesamten Streit das Messer des Angeklagten gesehen, mit dem der tödliche Stich ausgeführt wurde. Ein 26-jähriger Augenzeuge will in der entscheidenden Situation von der Reitgasse aus 15 Metern oberhalb der Szenerie beobachtet haben, wie mit dem rechten Arm ein Faustschlag ausgeführt worden sei, der im Brustbereich getroffen habe. Daraufhin sei „eine Person ins Taumeln geraten und gefallen“. Eine 22-jährige Studentin, die durch den Lärm aufgewacht war, beobachtete aus einem oberen Geschoss eines Hauses unmittelbar am Tatort, dass jemand „geschubst“ worden und dann so starr wie ein Brett umgefallen sei.

Acht weitere Zeugen sind für den nächsten Prozesstag am 2. November im Saal 101 des Landgerichts geladen.

von Manfred Hitzeroth

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