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Von oben geschützt aber auch gefangen

Serie über Lieblingsplätze der Marburger Gästeführer Von oben geschützt aber auch gefangen

In die Tiefe führt der Weg zum Lieblingsplatz von Gästeführer Manfred Brücker. Er zeigt Besuchern gern die Kasematten.

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Manfred Brücker erzählt seinen Gästen in den Kasematten, wie sich die Soldaten dort im Krieg verteidigten und unter welchem Druck sie standen. Foto: Nadine Weigel

Marburg. Es ist kalt, dunkel und feucht. Wie kann ein solcher Ort der Lieblingsplatz eines Gästeführers sein? „Weil ich hier erklären kann, dass Krieg kein Spiel ist“, erzählt Manfred Brücker. Er selbst wurde mit 17 Jahren Soldat, gerade einmal zwei Monate nachdem er die Schule abgeschlossen hatte. „Ich war damals voller Illusionen“, sagt er. Doch auch wenn die Realität anders aussah, so blieb er bis zu seiner Pensionierung als Stabsfeldwebel bei seinem Beruf.

Bei seinen Führungen hat er zu einem Großteil Grupppen mit jungen Menschen. Ihnen erklärt er anschaulich, wie die Verteidigung der Festung in den Kasematten ablief.

„Von oben ist man zwar geschützt, aber irgendwie doch gefangen“, beschreibt Brücker die Atmosphäre in den Kasematten, die früher zu Verteidigungszwecken angelegt wurden.

Die Nordgrabenkasematte wurde 1705 gebaut. Weil es in dem unterirdischen Gewölbe feucht ist, konnten die Kanonen dort nicht länger aufbewahrt werden und mussten bei Bedarf vom Schloss in die Kasematten transportiert werden. „Etwa sieben bis acht Zentner wiegt ein solches Geschütz“, sagt Brücker.

Auch wenn nicht mit allen vier gleichzeitig geschossen wurde, so verursachte ein Schuss einen enormen Lärm. Um auch nur annähernd eine Vorstellung dieser Belastung zu vermitteln, bläst der Gästeführer einen Luftballon auf und lässt ihn platzen.

„Es war ein enormer psychischer Druck, wenn geschossen wurde - alles zitterte.“ Um sich ein wenig vor dem Lärm zu schützen, steckten sich die Soldaten Lappen in die Ohren.

Während einer Feuerpause konnten sich die Soldaten keinesfalls erholen. „Sie mussten draußen weiterkämpfen“, sagt Manfred Brücker und führt seine Gäste von der OP noch weiter in die Tiefe. Normalerweise wartet der Gästeführer, bis alle unten im Gang sind, dann macht er das Licht aus und lässt einen weiteren Luftballon platzen. „Das führt meist zu Geschrei“, sagt er und grinst. Zu Geschrei führt allerdings oft auch noch etwas anderes. In dem etwa 30 Meter langen Gang wimmelt es von großen, dicken Spinnen, die dort zu Hause sind. Bei Gruppenführungen fragt er deshalb vorher, ob jemand unter einer Spinnenphobie leidet.

Überhaupt geht es unter der Erde recht tierisch zu. Auch Kröten fühlen sich dort sehr wohl, und im Winter ziehen die Fledermäuse in das unteridische Gewölbe ein, um ihren Winterschlaf zu halten. Von Ende Oktober bis Ende März finden deshalb keine Führungen in den Kasematten statt.

Erhalten sind bis heute noch zwei Kasematten, und zwar die, durch die die Wasserleitungen zum Schloss durchführten. Die übrigen Kasematten sowie Mauern und Türme ließ Napoleon sprengen, der 1806 mit seinen Truppen in Marburg einrückte.

Manfred Brücker ist seit 1988 Gästeführer. Es wurden damals welche gesucht und da hat er sich gemeldet. Ausgebildet hat ihn seine jetzige Frau.

„Die Führungen machen mir einen Heidenspaß“, sagt der 66-Jährige. Vor allem wenn seine Ausführungen den Kindern gefallen. „Ich freue mich über ein herzliches Dankeschön“, sagt der 66-Jährige, der noch lange weiter machen möchte.

von Heike Horst

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