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Von kleinen Pfeilen und großen Träumen

Dart Von kleinen Pfeilen und großen Träumen

Sie sind weder durchtrainiert noch athletisch - dennoch werden Spitzen-Darter von einem Millionenpublikum für ihre sportlichen Leistungen gefeiert. Ihre Stärke ist eine Mischung aus Präzision, Wille und Konzentration.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ich werfe. „Robin Hood“, rufen Stimmen hinter mir. Unweigerlich muss ich grinsen: Robin Hood ist doch ein Held. Er ist der Rächer der Armen und Schwachen. Dazu ein unbezwingbarer Bogenschütze. Fast jeder kennt die Szene, in der er einen bereits in der Mitte der Zielscheibe steckenden Pfeil mit seinem eigenen durchbohrt. „Du hast meinen Dartpfeil kaputt gemacht“, sagt Bundesligaspieler Alexander Reiher und zeigt mir den durchstochenen „Flight“. So nennen Darter die Plastikflügel am Ende ihrer Pfeile. Das Hochgefühl lässt nach und ich frage vorsichtig: „Ein Robin Hood bedeutet also nichts Gutes?“. Die Antwort kommt schnell: „Nein!“.

Okay - mein Start als neue Hoffnung in der Welt des Dartsports lief nicht optimal. Der Weg zum Profi ist kein leichter. Das weiß auch Nachwuchstalent Alexander Reiher, der sich nun daran macht seinen Pfeil zu reparieren. Die Stars der Szene verdienen jedoch Millionen. Der größte unter ihnen, Phil „The Power“ Taylor, ist in seiner Heimat England ein Volksheld. Bei Firmen ist der füllige 52-Jährige als Werbeträger ebenso beliebt, wie Fußball-Profis à la Wayne Rooney oder John Terry. Auch hierzulande ist der Sport im Kommen: In der Spitze sahen 1,1 Millionen Zuschauer auf dem Spartensender Sport1 Phil Taylor dabei zu, wie er am 1. Januar seinen 16. WM-Titel gewann.

Doch was macht diesen Sport so faszinierend? Die Vorurteile sind reichlich gesät: Dicke, bierdurstige Kneipen-Profis, die mit kleinen Pfeilen um enorme Geldbeträge auf Scheiben werfen. Alexander Reiher kann über solche Provokationen nur müde lächeln. Der 18-jährige Marburger nimmt seinen Sport ernst: er trainiert täglich mehrere Stunden seine Wurftechnik. Reich wird der Nachwuchsspieler mit seinem Hobby nicht: wenn er nach Anreise zu einem Turnier am Ende wieder finanziell bei null landet, verbucht er den Einsatz als Erfolg. Bei den Wettkämpfen gilt striktes Alkoholverbot. „Was mich am meisten herausfordert beim Darten ist das Spiel Mann gegen Mann“ - gewinnen kann Reiher aber nur, wenn er voll auf sein Spiel konzentriert ist. „Die mentale Belastung ist schon hoch. Besonders wenn es eng zugeht“. Der Dartsport ist ein faires Kräftemessen, dennoch gibt es kleine Tricks, um den Gegner zu verunsichern: Den eigenen Wurfrhythmus verändern, Kunstpausen einbauen oder einfach mal ein Gespräch beginnen - letzteres ist in Dartkreisen besonders verpönt.

Den derzeitigen Hype um Phil Taylor und die anderen Stars der Dart-Szene ist auch für Reiher sportlicher Antrieb. Erste größere Aufmerksamkeit erlangte der Adolf-Reichwein-Schüler indem er unweit seiner Klassenräume im nahegelegenen Dart- und Billardcenter „Bermuda“ die gut besetzte Marburger Stadtmeisterschaft für sich entschied.

Ins Bermuda kommt Reiher immer noch gerne. Dort nennen sie ihn „Maestro“ - der passende Spitzname ist eine Art Adelung und gehört für Dartersportler einfach dazu. Obwohl das Bermuda von außen sicherlich keine Schönheit darstellt - ein unbefestigter Parkplatz umgibt den versteckt liegenden Bau an der Cappeler Straße - bieten die Räumlichkeiten für Reiher die perfekten Trainingsbedingungen. „Ich habe schon viele Dart-Locations gesehen, aber das Bermuda ist wirklich eine der schönsten“, lässt der Nachwuchsspieler keine Zweifel, wo er am liebsten auf Punktejagd geht.

Gute Darter müssen weite Wege in Kauf nehmen, um sich mit den Besten der Zunft zu messen: In der Bundesliga geht Reiher inzwischen für den Frankfurter Stadtteilverein TSV Ginnheim an den Start. Im Liga-Betrieb wird das aus dem Fernsehen bekannte „501“ gespielt. Die Regelung ist höchst simpel: zwei Kontrahenten werfen abwechselnd jeweils drei Pfeile auf die Scheibe (Board) und versuchen von 501 Punkten abwärtszählend genau auf null zu landen.

Dabei wandert der Blick aller Spitzendarter immer wieder an einen ganz bestimmten Punkt des Boards: das Triple-20-Feld. Landet ein Pfeil in dem nur acht Millimeter breiten Kästchen verdreifacht sich der Wert: 60 Punkte mit einem Wurf - mehr geht nicht. Reiher ist mittlerweile so gut, das es ihn ärgert wenn er das Feld verfehlt. Läuft es und er ist im „Flow“ - wie es in der Dartsprache heißt - bringt ihn auch der erhöhte Lärmpegel von Zuschauern nicht aus der Ruhe. Die Pfeile finden ihr Ziel. Die Begeisterung, die Reiher für seinen Sport entwickelt, möchte er an andere weitergeben. Gerne würde er eine Jugendsportgruppe etablieren. Wie Interessierte mit ihm in Kontakt treten können? Im Bermuda hat man gute Chancen, Reiher zu begegnen. Bei einem Treffen sollte man ihm nur nicht Pfeile kaputt werfen...

von Dennis Siepmann

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