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Von "hinterm Ofen" ins Parlament

Gisela Babel Von "hinterm Ofen" ins Parlament

Engagiert und energisch ging die Marburgerin Gisela Babel ihren Weg und wurde von der Hausfrau zur Berufspolitikerin. Zum Internationalen Frauentag hat die OP mit Babel über ihre Karriere und die Frauenrechte gesprochen.

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Selbstbewusst, entspannt, fröhlich: Gisela Babel. Die studierte Juristin ist den Familien- und den Karriereweg gegangen. Babel ist Ehefrau und Hausfrau, dreifache Mutter, inzwischen auch mehrfache Großmutter,und frühere Berufspolitikerin der FDP.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wer es schafft, seinen Kindern beim Einkaufen den Süßkram zu verweigern, der ist für die Auseinandersetzungen in der Sozialpolitik gerüstet“, weiß Gisela Babel (74). Die berufspolitische Karriere der Marburgerin hat mit dem Werdegang der meisten Politiker nicht viel gemeinsam. „Ich saß zehn Jahre hinterm Ofen wie einmal der Riese Wanja aus dem Kinderbuch - und danach war er unglaublich stark“, sagt die Grande Dame der FDP und lacht.

Den sonst erfolgreichen Weg über die Jugendorganisationen in die Berufspolitik hat Gisela Babel nicht eingeschlagen - sie nahm einen Umweg und kam trotzdem ans Ziel.

Von 1990 bis 1998 saß die Marburgerin im ersten Deutschen Bundestag nach der Wiedervereinigung. Als sozialpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion wirkte sie intensiv mit an den Entscheidungen zum Rentenüberleitungsgesetz und zur Pflegeversicherung. Mit den männlichen Kollegen hat sie sich immer auf Augenhöhe gefühlt, „auch, wenn ich nur zähneknirschend geachtet wurde von dem einen oder anderen“, sagt sie und schmunzelt.

Gisela Babel hatte viel Glück - das hebt sie hervor. Nur so sei es gelungen, nach der Familienzeit mit Ehemann, Hausbau und drei Kindern politisch durchzustarten. 1976 trat Babel in die FDP ein. Ihren Weg in den Hessischen Landtag und in den Bundestag bahnte sie sich über das kommunalpolitische Engagement.

„Sagen Sie nicht, dass Sie eine Frau sind“

„Ortsbeirat, Stadtparlament Marburg, Kreistag - ich habe alle Stationen durchlaufen“, berichtet sie und findet: „Das ehrenamtliche Engagement in der Kommunalpolitik ist sowieso eine gute Voraussetzung für Frauen, die in die Berufspolitik wollen. Es ist eine gute Lehre, um das parlamentarische Mitgestalten zu lernen.“

1987 war es so weit - Babel war 49 Jahre alt und stieg in die Politik ein. Die drei Kinder waren inzwischen erwachsen oder fast erwachsen. Babel rückte über die Landesliste der FDP in den Hessischen Landtag ein. Dort, und später auch im Bundestag, war die studierte Juristin mit Doktortitel die einzige Abgeordnete, die als Beruf Hausfrau angab. „Das ist doch richtig so“, erklärt sie, „in meinem studierten Beruf habe ich schließlich nie praktiziert“. Es war beim Listenparteitag der hessischen FDP. „Ein prominenter Parteifreund“ - Babel will partout nicht verraten, wen sie meint - „flüsterte mir vor meiner Rede zu: ,Sagen Sie nicht, dass Sie eine Frau sind.‘ Das habe ich dann auch verschwiegen.“

Heute noch muss sie über diesen Spruch lachen, „das war doch „albern“, aber es sei gut gemeint gewesen. „Er wollte mir raten, nicht diese Frauen-Mitleidstour einzuschlagen, dieses ,Wählt mich, weil ich eine Frau bin‘.“ Und das mag schließlich einen Beitrag geleistet haben dazu, dass sie sich im Kampf um Listenplatz 9 gegen Dieter Posch durchsetzte. „Aber ich habe natürlich auch eine solide Rede gehalten“, sagt sie und lächelt. Neun Abgeordnete, einer mehr als zuvor, zogen nach der Wahl in den Landtag ein - Gisela Babel war angekommen in der Berufspolitik.

„Eigentlich sollte an 365 Tagen Frauentag sein“

Drei Jahre später, 1990: Gisela Babel rückt in den Bundestag ein. „Mein Verdacht war, dass sie diese heftige und unbequeme Frau im Landtag loswerden wollten“, erklärt die selbstbewusste FDPlerin. Denn nach Seitenhieben aufs schwarze Hessen, die schwarze CDU und den katholischen Klerus in einer Debatte über Abtreibung konnte man in Wiesbaden schon den einen oder anderen FPD-Mann verzweifelt raunend vernehmen: „Was hat’s Gisela jetzt schon wieder gemacht?“

Bis 2005 gehörte Gisela Babel dem FDP-Bundesvorstand an - aus dem Bundestag verabschiedete sie sich 1998 nach zwei Legislaturperioden.

„Ich habe freiwillig aufgehört. Ich war dieser Belastung nicht mehr gewachsen“, sagt die eifrigste Fraktionsrednerin der FDP in der Legislaturperiode 1994 bis 1998: In dieser Zeit hielt Babel 134 Reden vor dem Plenum. Dazu nächtelange Sitzungen vor wichtigen Entscheidungen: „Das ist eine große Belastung für die Physis.“

Ganz raus aus der Politik ist die 74-Jährige aber nicht. Sie ist dort, wo sie politisch angefangen hat: an der Basis, im FDP-Kreisverband, wo sie an den Sitzungen teilnimmt und mitdiskutiert.

Und auch zu den großen politischen Themen fällt ihr viel ein, beispielsweise zur Frauenpolitik. Sie kritisiert, dass „immer wieder nur Frauen für Frauen eintreten“. „So kann es nicht funktionieren - Frauen und Männer müssen miteinander über Chancengleichheit ins Gespräch kommen.“

Frauen in der Wirtschaft: „Wir brauchen die Quote“

Was die Frauenrechte in Deutschland angeht, was den heutigen Frauentag angeht: „Brauchen wir diesen Tag noch?“, fragt Babel wie Alice Schwarzer, „eigentlich sollte für uns doch an 365 Tagen im Jahr Frauentag sein.“

Viel wichtiger sei der Einsatz für die Frauenpolitik in anderen Teilen der Welt, betont Babel. „Ohne Rechtsstaatlichkeit und eine unabhängige Gerichtsbarkeit funktioniert gar nichts, wenn Frauen Gewalt widerfährt - daran muss gearbeitet werden.“

Mit Blick auf Deutschland sieht die Marburgerin die Diskussion um die Frauenquote in der Wirtschaft anders als ihre Partei. Die FDP sagt: „Gute Frauen setzen sich durch.“ Babel ergänzt: „Mittelmäßige Männer auch.“ Sie ist überzeugt: „Wir brauchen die Quote.“

Zur Person: Gisela Babel war in ihrer Kindheit und Jugendzeit an vielen Orten zu Hause. Sie wuchs in Berlin, Tübingen, Jena und Würzburg auf – zusammen mit fünf Geschwistern. Ihr Abitur legte Gisela Babel in Berlin ab. Sie studierte Rechtswissenschaft an der Universität Edinburgh, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und der Freien Universität Berlin. Dort promovierte sie 1964 zum Doktor, in ihrer Arbeit befasste sie sich mit „Problemen der abstrakten Normenkontrolle“.

von Carina Becker

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