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Von der großen Freiheit eines Bürgermeisters

Jochen Kirchner im OP-Interview Von der großen Freiheit eines Bürgermeisters

Am gestrigen Freitag hat Kirchhains Bürgermeister Jochen Kirchner sein Amtszimmer bereits um 12 Uhr verlassen. Der Grund: Der Raum muss für seinen Nach­folger Olaf Hausmann noch gestrichen werden.

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Jochen Kirchner hängt private Erinnerungsstücke von einer Wand seines Dienstzimmers ab. Die Urkunde zu seiner Wiederwahl trägt unverkennbar die Handschrift des Kirchhainer Künstlers Egon Dürfeldt. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Bevor die Amtszeit des parteilosen Bürgermeisters am Sonntag um Mitternacht endet, gab Jochen Kirchner dieser Zeitung ein ungewöhnliches Interview. Ungewöhnlich deshalb, weil er - überhaupt nicht Politiker like - auf die Aufzählung seiner Meriten verzichtete und es sich verkniff, die vielfältige Gängelung der Kommunalpolitik durch übergeordnete Stellen zu brandmarken. Stattdessen pries er die große Freiheit eines Bürgermeisters an, Entwicklungen in einer Stadt zu gestalten.

OP: Ab Montag sind Sie nicht mehr Bürgermeister von Kirchhain. Welches Gefühl überwiegt bei Ihnen: Wehmut oder Erleichterung, dass Sie dieses oft genug belastende Amt nicht mehr ausüben müssen? Jochen Kirchner: Im Moment ist das eindeutig die Erleichterung. Ich hatte vor wenigen Wochen eine Operation, die mich viel Kraft gekostet hat. Dadurch ist mir zuletzt die Zeit davongelaufen - ich wollte noch viele Aktendeckel schließen, hektische Tage folgten. Ich bin froh, dass es vorbei ist und ich das, was noch offen war, habe erledigen können. OP: Das heißt: Der Schreibtisch ist abgearbeitet? Kirchner: Der Schreibtisch ist abgearbeitet und die Übergabe ist gelaufen. Heute war Herr Hausmann nochmal zwei Stunden bei mir und wir haben die restlichen Dinge besprochen. Wir hatten zuvor mehrere gemeinsame Termine. OP: Es fand also eine ordnungsgemäße Übergabe statt. Die gab‘s bei Ihrer Amtsübergabe vor zwölf Jahren nur bedingt . . . Kirchner: Die fand überhaupt nicht statt. Der Raum war leer,der Schreibtisch auch OP: Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag im Rathaus erinnern? Kirchner: Sehr genau. Ich hatte vorher keinen Zugang zum Rathaus. Den hat mir mein Vorgänger verwehrt. Die Verwaltung ist auf mich zugekommen, um bestimmte Dinge mit mir zu besprechen, die vorab geklärt werden mussten, aber ich hatte keinen Zugang zum Rathaus. So ­habe ich mir bei einem Tag der offenen Tür das Haus zum ersten Mal von innen angeschaut. Der damalige Bauamtsleiter Kornmann hatte eine Führung durch das Haus gemacht und war völlig überrascht, mich in der Besuchergruppe zu finden. An meinem ersten Tag im Amt habe ich das Amtszimmer zum ersten Mal betreten. Der Raum war leergeräumt - auch der Schreibtisch. Ich habe nichts vorgefunden, ich hatte keine Einarbeitung und keine Vorbereitung . . . OP: . . . und auch keine Arbeit? Kirchner: Doch, Arbeit gab‘s gleich, denn es sind damals viele Dinge liegengeblieben. Es ging gleich richtig los. Anfangs war es für mich schwer, die wichtigen von den weniger wichtigen Vorgängen zu unterscheiden: Was ist ein normaler Vorgang? Was ist ein außergewöhnlicher Vorgang? Welche Prioritäten muss ich mir setzen? Es dauerte einige Wochen, bis ich darin eine Routine entwickelt hatte. OP: Auch im Parlament hatten sie es anfangs schwer. In Ihren ersten beiden Amtsjahren besaßen Sie in der Stadtverordnetenversammlung keine Hausmacht. Kirchner: Ich hatte nur im Magistrat eine Mehrheit - weil meine Stimme bei Patt-Situationen doppelt zählte. Gleichwohl war auch die Zusammenarbeit im Magistrat zunächst sehr schwierig, weil ich anfangs von einzelnen Stadträten fast wöchentlich Dienstaufsichtsbeschwerden bekommen habe. Das hat mich im ersten halben Jahr viel Zeit gekostet. Ich musste mich in die Rechtsmaterie einarbeiten und Stellungnahmen zu den Beschwerden für die Kommunalaufsicht schreiben. Der zuständige Sachbearbeiter beim Landkreis bezeichnete mich nach einem Jahr scherzhaft als seinen Sorgenfall, denn die Akte Kirchhain war so dick, wie die aller anderen Kommunen des Landkreises zusammen. Letztlich zeigte sich, dass alle Dienstaufsichtsbeschwerden folgenlos blieben. OP: Haben sie in dieser Zeit mal daran gedacht, den Bettel hinzuschmeißen? Kirchner: Nein. Dieser Gedanke ist mir nie gekommen. OP: Nach zwei Jahren errang die tragende Koalition „Kompetenz für Kirchhain (KfK)“ aus CDU, Grünen und FDP die Mehrheit im Parlament. Bestand zu diesem Zeitpunkt schon die Architektur für die spätere gemeinsame Politik? Kirchner: Ja, diese stand schon zum Zeitpunkt meiner Wahl fest. Vor der Bürgermeister-Direktwahl hatten die CDU und die Grünen je einen Kandidaten, wollten aber einen gemeinsamen Kandidaten aufstellen. Wir haben uns beide vorgestellt. Danach haben sich CDU und Grüne für mich entschieden. Später kam die FDP dazu und brachte auch einen Kandidaten mit, entschied sich dann aber auch für mich. Das war im Frühjahr 2003. Mit meiner Nominierung haben wir angefangen, ein gemeinsames Leitbild für die Stadt Kirchhain zu erarbeiten: Wo sehen wir die Stadt Kirchhain und wo wollen wir sie gerne hinhaben?Dafür gründeten wir eine Arbeitsgruppe, die ich geleitet habe. Die Arbeitsweise war für einige gestandene Kommunalpolitiker gewöhnungsbedürftig. Ich kam mit Karteikärtchen an, wir haben Ideen gesammelt, Schilder gemalt, alles an die Wand gepinnt und schließlich mit einer ganz anderen Moderations- und Diskussionsmethode erörtert. Am Ende hatten wir ein gemeinsames Leitbild, das uns über die zwölf Jahre getragen hat. Das ist die Richtung, in die wir gehen wollen. Und an diesem Leitbild messen wir unsere gemeinsamen Entscheidungen. Das ging so weit, dass nicht nur ich, sonderen auch andere an bestimmten Punkten das Leitbild hervorgeholt und gesagt haben: „Wenn wir darüber diskutieren, missachten wir unser Leitbild“. Nach meine Überzeugung war das Leitbild grundlegender als die Koalitionsvereinbarungen. Die kulturellen Glanzlichter werden bleiben OP: Mit Leitbild und Parlamentsmehrheit konnte es dann richtig losgehen. Sie haben zusammen mit der Koalition und der Verwaltung sehr viel für Kirchhain erreicht, was in den vergangenen Tagen und Wochen von unterschiedlichen Seiten gewürdigt wurde. Was von dem Erreichten ist Ihnen besonders wichtig. Kirchner: Für mich gibt es nicht das herausragende Element. Ein wesentlicher Punkt unseres Leitbildes war, Kirchhain als Wohnstadt zu stärken. Folglich mussten wir im sozialen Bereich die Kindergartenbetreuung ausbauen. Dafür haben wir sehr viel getan. Das ehrenamtliche Soziale Netzwerk ist in diesem Zusammenhang zu nennen, das eine Problematik aufgreift, die von vielen Menschen gesehen und öffentlich dargestellt wird, ohne das etwas geschieht. Außer in Kirchhain, wo wir den Anlaufpunkt für ältere Menschen und deren Angehörigen aus meiner Sicht gut organisiert haben - mit Magnetwirkung für die ganze Umgebung. Wenn ich es richtig im Kopf habe, sind dort inzwischen 80 Helfer ausgebildet worden, die Familien mit Menschen, die in unterschiedlichen Pflegebedürftigkeiten sind, einfach unterstützen und damit einen Beitrag dafür leisten, dass die zu Pflegenden möglichst lange zu Hause leben können. Das alles geschieht, ohne dass großartige städtische oder staatliche Mittel in das Projekt fließen. Das ist außergewöhnlich.Viele sehen die Veränderungen im Stadtbild als herausragend an. Das sind Dinge, die ins Auge stechen und auch bleiben. Mir sind aber auch die kulturellen Glanzlichter wichtig, die wir gesetzt haben - nicht zuletzt dank des herausragenden Engagements von Willibald Preis. Das sind Dinge, die werden nicht mehr untergehen - ebenso wenig wie das, was wir in Steine investiert haben. Und plötzlichstimmten die Bürger ab Für mich wichtig ist zudem die Bürgerbeteiligung. Wir haben jedes Jahr Bürgerversammlungen gemacht, haben versucht, die Menschen mitzunehmen in die politischen Entscheidungsprozesse. Das ging so weit, dass ich bei einer gemeinsamen Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses zur Neugestaltung des Bahnhofes, die ich auf Wunsch der Vorsitzenden zuletzt geleitet habe, mit Zustimmung der ­Parlamentarier die vielen Bürger im Saal über die Entwürfe mit abstimmen ließ. Es ging dabei um keine Entscheidung, sondern um Meinungsbilder, an denen sich die 40 bis 50 ­Besucher beteiligt haben. Das war für mich ein besonderer Moment. Viele Menschen haben sich für ein Thema engagiert und sie durften sich einbringen. Botschafter kommt:Wie bei Mission Impossible OP: Gehört das zu den Glücksmomenten, die Sie während Ihrer Amtszeit hatten? Kirchner: Ja, zweifelsfrei. OP: Gab‘s noch vergleichbare Momente? Kirchner: Da gab es viele. Das Schönste waren immer die Begegnungen mit den Menschen. Ich durfte außerordentliche Menschen kennenlernen. Viele aus meinem Umfeld aus der Stadt und auch Menschen, die hier zu Gast waren. Mit Willibald Preis über Jahre zusammenarbeiten zu können, war und ist für mein Leben eine enorme Bereicherung. Er hat mich in vielfältiger Weise nicht nur angeregt, sondern fast geprägt. Ich bin glücklich, dass ich noch den Antrag zu seiner Ernennung zum Kirchhainer Ehrenbürger vorbringen durfte. Beeindruckend war auch die Begegnung mit dem US-Botschafter John B. Emerson. Der kündigte einen Besuch mit seiner Familie in Kirchhain an, weil ein Urahne seiner Frau Bürgermeister in Kirchhain war. Wir hielten das zunächst für einen Scherz. Es war aber keiner. Der Botschafter kam mit seiner Frau und beiden Töchtern und einem großen Gefolge. Das lief ab wie in dem Film Mission Impossible. Schwarze Limousinen fuhren vor. Die Jungs in den schwarzen Anzügen und den Knöpfen im Ohr verteilten sich in der ganzen Stadt. Dazu kamen Mitarbeiter der Botschaft und der Konsulate und schließlich auch der Botschafter mit seiner Familie, der sich mit vier Personen angekündigt hatte. Für die hatten wir eingedeckt. An dem Tisch unterhielten wir uns mit den Gästen - ganz familiär, wenn auch umstanden von zahllosen Menschen im Saal.Auch die Begegnungen mit Helmut Seemann, dem Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, waren außerordentliche Erlebnisse. Der kam zu uns, weil Willibald Preis entdeckt hatte, dass dessen Großmutter, die Schriftstellerin Lisa de Boer,­ ein Kirchhainer Mädchen ist. Er hielt bei unserem Jahresempfang eine rhetorisch phantastische Rede und kam später noch einmal. Beim zweiten Besuch führten Willibald Preis und ich ihn durch Kirchhain auf den Spuren seiner Großmutter. Die Gespräche mit ihm bleiben mir in bester Erinnerung. Das gilt auch für die Begegnungen mit Friedrich Bohl, den ich mehrmals treffen durfte. Er hat Geschichte für unser Land geschrieben. Seine Einordnungen zu dieser Geschichte zu hören, gehören für mich zu den persönlichen Sternstunden hier im Amt. OP: Was nehmen Sie neben diesen Begegnungen für sich aus den 12 Jahren als Kirchhainer Bürgermeister mit? Kirchner: Das schöne an dem Amt ist, dass ein Bürgermeister seine Schwerpunkte selber setzen kann. Das unterscheidet dieses Amt von den allermeisten Berufen. Da gibt es noch die Professoren und die Unternehmenslenker, die im gewissen Maße die Schwerpunkte ihrer Arbeit selber bestimmen können. Als Bürgermeister durfte ich neue Erfahrungen machen, mir vorher unbekannte Dinge erschließen, über den Tellerrand hinausschauen und mich auf neuen Themenfeldern ausprobieren. So bedeutet Bürgermeister zu sein ein großes Stück Freiheit.Die kannte ich vorher in meinem Beruf als Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Kostenrechnung, Controlling und Rechnungslegung nicht. Ich wusste in diesem Beruf ­immer mehr und immer kleineren Ausschnitte von dieser Welt und wurde mit diesem Expertenwissen europaweit rumgereicht. Ich habe diesen schmalen Horizont als Bürgermeister in einem Maße erweitern dürfen, wie dies wohl kein zweiter Beruf ermöglicht. Ich habe mein Spezialistentum in ein Generalistentum eingewechselt und erheblich an Lebenserfahrung gewonnen. Dazu kommen die vielen Grenzerfahrungen, die ich in Kirchhain machte, die auch meinen Charakter formten. Zu den Grenzerfahrungen gehört unter anderem das lange Ringen um die Verwirklichung des Ärztehauses. Neuer Job kommt, das Zuhause bleibt OP: Können Sie schon sagen, was Sie künftig beruflich machen? Kirchner: Ich habe mich aus familiären Gründen nicht mehr zu Wahl gestellt, nicht weil ich einen besseren Job habe. Ich fange jetzt erst an, mich zu bewerben, ohne dass mir derzeit ein Angebot vorliegt. Ich werde mich wohl erst im letzten Quartal beruflich neu orientieren. OP: Bleiben Sie mit Ihrer Familie in Kirchhain? Kirchner: Ja, wir wohnen hier schön. Unsere ganze Familie wohnt hier, in Kirchhain und in Neustadt. Wir wollen gerne hier bleiben. OP: Was wünschen Sie Kirchhain für die Zukunft? Kirchner: Kirchhain ist eine Stadt der Vereine. Das große Engagement der Vereine habe ich als Bürgermeister immer wieder gespürt. Es gab immer wieder herausragende Aktivitäten. Ich denke beispielsweise an den Kunstrasenverein. Es ist unglaublich, was diese Truppe über Jahre hinweg für die Finanzierung des Kunstrasen-Platzes geleistet und der Stadt nebenbei an kulturellen Highlights beschert hat. Was die in einem Jahr an Veranstaltungen auf die Beine gestellt haben, schaffen andere Vereine in zehn Jahren nicht. Ich denke an die Handballer, die die Abteilung „resettet“­ und heute wieder sämtliche Jugendmannschaften besetzt haben. Und der Trainerstab erlaubt je zwei Coaches pro Team. Als drittes Beispiel führe ich noch einmal das Soziale Netzwerk an. Da zeigt sich herausragendes bürgerschaftliches Engagement. Dass dieses der Kernstadt und den Stadtteilen erhalten bleibt, dass auch künftig Menschen dieses Gemeinwesen tragen, wünsche ich der Stadt Kirchhain.

von Matthias Mayer

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