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Von der Verzauberung der Welt

Forschung Marburg Von der Verzauberung der Welt

Der Marburger Theologe Professor Jörg Lauster hat eine Kulturgeschichte des Christentums verfasst. Darin widmet er sich vor allem der aus seiner Sicht nach wie vor ungebrochenen  Faszination des christlichen Glaubens.

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Der Theologie-Professor Jörg-Lauster hält Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“ für ein besonders  gelungenes Beispiel der Darstellung der Unendlichkeit.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Das Christentum ist die Sprache eines Weltgefühls, das den Überschuss  als das Aufleuchten göttlicher Gegenwart in der Welt versteht, es ist daher die Sprache einer kontinuierlichen Verzauberung der Welt“, schreibt Professor Jörg Lauster in der Einleitung seines im September 2014 erschienenen Buches. „Diese Verzauberung endet in der Moderne nicht, sie nimmt nur andere Formen an“, behauptet Lauster.

Dabei ignoriert der Marburger Theologie-Professor nicht die Schattenseiten des Christentums, wie sie beispielsweise Karlheinz Deschner in seiner Kriminalgeschichte des Christentums thematisiert und angeklagt hat. So schreibt auch Lauster, dass es Erscheinungsformen des Christentums gebe, die aus heutiger Sicht nur schwer zu begreifen seien.

„Beim Blick auf die Kreuzzüge, Inquisitionen, Hexenverfolgung und viele andere Gewaltexzesse zeigt sich das Düstere und Irrationale, das zu jeder Religion und daher auch zum Christentum bis in unsere Tage hinein gehört“, macht Lauster deutlich. Dieses Finstere könne jedoch vertrieben werden, wenn eine Religion das Licht der Aufklärung auf ihre eigene Geschichte werfe. Bereits seit zehn Jahren hält Lauster Vorlesungen und leitet Seminare zur christlichen Kulturgeschichte. Fünf Jahre lang beschäftigte er sich intensiv mit seinem ambitionierten Großprojekt, einer umfassenden Kulturgeschichte des Christentums (siehe „HINTERGRUND“).

Wie aber hat sich die von Lauster postulierte „kontinuierliche Geschichte der Verzauberung der Welt“ abgespielt und welche Formen hat sie angenommen?
Vom Anbeginn habe das Christentum Kulturformen aus seiner Umwelt aufgenommen. Die Bibel als heiliges Buch, den feierlichen Gottesdienst, die institutionelle Gestalt einer Kirche  oder die praktizierte Nächstenliebe gegenüber Armen und Kranken nennt der Theologe dafür als Beispiele.

Darüber hinaus habe sich das Christentum als „gelebte Religionskultur“ stets weiterentwickelt und in  Werken der Kunst, Architektur, Musik und Literatur gezeigt. In diesem Sinne sieht es Lauster als zu schlichte Vereinfachung, das Christentum nur auf die traditionellen Kulturformen der ersten Jahrhunderte zu reduzieren. Von Himmel und Hölle in Dantes „Göttlicher Komödie“ über den „Rausch der Sinne“ in den Bilderwerken des Barocks und der „Harmonie des Universums“ in Werken der Barockmusik wie beispielsweise bei Johann Sebastian Bach schlägt Lauster einen weiten Bogen bis hin zur Religionskritik in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert.

Gemalte Religion

„Ein Bild von Caspar David Friedrich, ein Klavierkonzert von Mozart, eine Hymne von Novalis oder ein Roman von Dostojewski bewegen sich nicht auf der Ebene traditioneller christlicher Ausdrucksformen wie das Dogma oder die Liturgie, und doch bringen sie christliche Gestimmtheiten und Haltungen zum Ausdruck“, erläutert der Theologe. Anhand  des Gemäldes „Der Mönch am Meer“ erklärt Lauster, wie das funktionieren kann.

Das am Strand von Mönchsgut auf der Insel Rügen entstandene Bild  des Malers  Caspar David Friedrich zeigt eine Küstenlandschaft mit einem schwarzen Meer und einem strahlenden hellen Himmel in weißen, gräulichen  und gelben Farben. Inmitten dieser Landschaft steht eine im Vergleich zur Natur winzige Gestalt, die Meer und Himmel betrachtet.

Kleines Licht der Hoffnung

 „Es ist ein Beispiel dafür, wie ein moderner Maler das Problem der Unendlichkeit und Ewigkeit in einem Bild  darstellt, das den Betrachter in seinen Bann schlägt“, erzählt Lauster im Gespräch mit der OP. „Caspar David Friedrich malte keine religiösen Botschaften, er malte Religion“, bilanziert der Theologe. Zentralen Raum gibt Lauster in seiner  Analyse der christlichen Kulturgeschichte auch Gemälden und der Architektur der Renaissance.
Einen kurzen, aber nicht unwichtigen  Part in der Gesamtdarstellung nimmt das 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen ein. „Desillusionierungen, humanitäre Katastrophen, zusammenbrechende Zivilisationen und die Epoche eines Wiederaufbaus im Zeichen eines Kalten Krieges prägten das vergangene Jahrhundert“, schreibt Lauster. Gelang es dem Christentum dennoch, die Welt weiter zu verzaubern? „Nein, da hat das Christentum nichts verzaubert“, gesteht der Autor angesichts der alles beherrschenden Grausamkeit und Dunkelheit der beiden Weltkriege. Dennoch habe es noch ein kleines Licht der Hoffnung glimmen lassen, meint Lauster.

  • Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Kulturgeschichte des Christentums. C.-H.-Beck Verlag. 734 Seiten; 89 Abbildungen. 34 Euro. Das Buch ist derzeit vergriffen. Die zweite Auflage soll im Februar erscheinen, kann aber schon vorbestellt werden.

Göttliche Harmonie und melancholische Schönheit

Die Bildwelten der Renaissance und die Musik Bachs markieren für Professor Jörg Lauster zwei besonders interessante Eckpunkte der christlichen Kulturgeschichte.

„Die größte Kulturleistung der Renaissance besteht darin, an einer Einheit von Antike und Christentum zu schmieden“, betont der Theologie-Professor Jörg Lauster. Gleichzeitig habe sich aber im Zeitalter der Renaissance auch ein Denken abgezeichnet, das dann spätestens mit dem Beginn des nachfolgenden Zeitalters der Aufklärung die tragenden Fundamente des christlichen Glaubens attackiert habe.

Eine besondere Bedeutung der Renaissance für das Christentum liege in der Macht, die sie den Bildern als religiöses Ausdrucksmittel verliehen habe. So habe der Maler Sandro Botticelli  (1445 -1510) christliche Motive, Heiligendarstellungen und biblische Themen „von melancholischer Schönheit“ gemalt. Und die von dem Künstler Michelangelo (1475-1564) ausgestaltete Sixtinische Kapelle in Rom sei ein Meilenstein in der religiösen Ausdruckskraft der christlichen Kunst. Es sei eine „theologische Meisterleistung“, wie Michelangelo dabei die Themen Schöpfung und Erlösung ineinander fließen lasse.

Ein eigenes Kapitel widmet Lauster in seiner Kulturgeschichte des Christentums dem Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1750). Vor allem in seinen Kantaten und Passionen habe Bach die protestantische Tradition der Musik als Textauslegung vollendet. In dem Komponisten verdichte sich ein metaphysisches und religiöses Verständnis der Musik,  nennt der Theologe die besondere Qualität von Bachs Werken. Dabei sei es der Anspruch von Johann Sebastian Bach gewesen, mit seiner Harmonie „die göttliche Harmonie des Universums zu Gehör zu bringen“, erläutert Lauster.

von Manfred Hitzeroth

  • Zur Person: Jörg Lauster (48) ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Uni Marburg. Von 1987 bis 1993 studierte der gebürtige Heidelberger evangelische Theologie, Philosophie und Romanistik in München, Tübingen und Heidelberg. Seine Dissertation schloss er 1996 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ab. Anschließend war er Vikar der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und wurde 1998 als Pfarrer ordiniert. Von 1999 bis 2005 war Lauster wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Systematische Theologie und Sozialethik der Uni Mainz. 2002 erfolgte seine Habilitation. Von 2005 bis 2006 war er Pfarrer der Erlöserkirche in München-Schwabing. Im Jahr 2006 nahm er einen Ruf an die Uni Marburg an. Seit 2009 ist er geschäftsführender Direktor des Rudolf-Bultmann-Instituts für Hermeneutik und seit 2012 Dekan des Marburger Uni-Fachbereichs Evangelische Theologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Theologie der Religionen und die  Theorie der religiösen Erfahrung.
  • Hintergrund: Für den Marburger Theologie-Professor Jörg Lauster ist das im September vergangenen Jahres im C.-H.-Beck-Verlag erschienene Buch über die Kulturgeschichte des Christentums bereits jetzt eine besondere Erfolgsgeschichte. Die 8 000 Exemplare der Erstauflage sind ausverkauft, und die Zweitauflage ist in Vorbereitung. Damit hat er mit diesem besonderen Sachbuch schon mehr verkauft als mit seinen vorherigen vier Büchern zusammen. In dem neuen Buch  mit dem Titel „Die Verzauberung der Welt“ steckt die Forschungsarbeit aus fünf Jahren. Zwar erhebt Lauster nicht den Anspruch, sich auf den jeweiligen Spezialgebieten der christlichen Kulturgeschichte am besten auszukennen.  Aber er hat versucht, in seinem Gesamtüberblick den aktuellen Forschungsstand zusammenzufassen – und zwar so, dass auch Nicht-Fachleute davon einen Gewinn haben. Aktuelle Forschungsergebnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Theologie, der Literatur-, Kunst- und Ideengeschichte oder der Philosophie sind darin eingeflossen. „Für jedes Thema des Buchs gibt es weltweit Heerscharen von Experten. In Anbetracht der Stofffülle sind Auswahl und Darstellung immer nur in exemplarischer Weise möglich“, so Lauster. Um diese zusammenzutragen, unternahm Lauster unter anderem Exkursionen an wichtige Stätten der christlichen Kulturgeschichte wie nach Italien oder in die USA (Neuengland) und sichtete die relevante Forschungsliteratur.  Zwei Forschungsfreisemester halfen ihm in den vergangen Jahren dabei, sein Buch zu verfassen.
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