Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Von der Spieltheorie zur Vokalharmonie

Forschung Marburg Von der Spieltheorie zur Vokalharmonie

Dass universitäre Wissenschaft auch im Alltag anwendbar sein kann, zeigt eine Vielzahl von Aktionen beim Wissenschaftsfest „Campus Marburg“ am kommenden Freitag.

Voriger Artikel
Linke kritisieren „geheime Verschlusssache“
Nächster Artikel
Farbenfrohe Morgenstunden

Ernste Videospiele wie das auf dem Monitor geladene Spiel „This War of Mine“ stehen im Fokus der Vorträge der Studenten Kevin Pauliks (links) und Bernhard Runzheimer.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. „Forschung konkret“: So könnte man das Programm beim zum zweiten Mal stattfindenden Wissenschaftsfestival „Campus Marburg“ auch zusammenfassen. Und aus diesem Anlass haben wir auf dieser speziellen „Forschung Marburg“-Seite einige Vortragsthemen herausgesucht, die ganz besonders anschauliche Fragen zu bieten haben und ebenso mit überraschenden Antworten auftrumpfen.

Wie funktioniert das Tor des Monats? Diese verblüffende Frage stellen die drei Wissenschaftler Professorin Evelyn Korn, Professor Tim Friehe und Professorin Elisabeth Schulte vom „Marburg Center for Institutional Economics“. Leider erklären die Forscher dabei nicht, wie man als Fußballspieler so gut wird, dass man ein Tor schießt, das bei der ARD-Sportschau in die engere Wahl zum Wettbewerb „Tor des Monats“ kommt. Dabei stehen in jedem Monat die fünf spektakulärsten Tore zur Auswahl. Interessant ist für die Forscher vielmehr die Frage, wie die Fernsehzuschauer ihre Gewinnchancen bei dem Wettbewerb erhöhen können.

Denn in die Lostrommel für die ausgelobten Preise kommen nur diejenigen, die auf das Siegtor gesetzt haben, das die meisten Stimmen erhält. Was das aus spieltheoretischer Sicht bedeutet, dazu haben die Wissenschaftler wiederum ihre ganz eigene Theorie, erklärt Evelyn Korn im Gespräch mit der OP. „Dabei geht es uns besonders um die Lehre vom strategischen Denken“, sagt Korn. In einem Mitmach-Experiment, bei dem es auch Buchpreise zu gewinnen gibt, soll genau diese Fähigkeit der „Campus Marburg“-Besucher geschult werden.

  • Ort: Aktionsraum 1 Stadthalle (Erwin-Piscator-Haus), Biegenstraße 13, 17.30 Uhr bis 18 Uhr und 19 Uhr bis 19.30 Uhr.

Warum gibt es im Türkischen so viele Ös und Üs? Hat sich das nicht schon einmal jeder gefragt, der ein paar Sätze der türkischen Sprache gehört hat? Dr. Songül Rolffs, Dozentin für Türkische Sprache am Institut für Islamwissenschaften, weiß die Antwort und kann sie auch unterhaltsam und interessant erklären. Dahinter stehe das Prinzip der „Vokalharmonie“, erklärt Rolffs der OP. Im Türkischen gibt es dunkle Vokale wie a, o, und u oder helle Vokale wie e, ö und ü. Die Vokalharmonie besagt, dass die Vokale in den Endungen sich jeweils der Vokalqualität in den Stammworten angleichen. Dabei folgen dann auf Ös und Üs in der Regel Üs. So kommt es dann zu so lautmalerisch schönen Worten wie „gürültülü“ was ins Deutsche übersetzt Lärm oder Krach bedeutet. Und „Unser Campus“ wird im Türkischen zu „kampüsümüzü“. Für die Deutschen sei Türkisch deswegen relativ leicht zu lernen, weil die Umlaute „Ü“ und „Ö“ auf Deutsch im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen durchaus auch üblich seien, erläutert Rolffs .

  • Ort: Uni-Hörsaalgebäude, (+1/0030), 17.30 Uhr bis 18.15 Uhr).

Wie viele Primzahlen gibt es denn überhaupt? Das Problem des Marburger Mathematik-Professors Sönke Rollenske ist, dass diese Frage nicht so eindeutig zu beantworten ist. Denn prinzipiell gibt es natürlich unendlich viele Primzahlen. Primzahlen sind bekanntlich nur durch eins und sich selber teilbar und unterscheiden sich somit ganz erheblich von den „normalen Zahlen“. Auf manchen Würfeln sind Primzahlen und „andere Zahlen“ friedlich vereint (rundes Foto oben). Für den Professor sind die Primzahlen besonders reizvoll, weil sie auf den ersten Blick für sich selber stehen und nicht anwendbar sind. Andererseits sind sie aus zahlentheoretischer Sicht doch spannend, weil sie essenziell sind bei der Verschlüsselung von Daten.

Nahezu der gesamte Internethandel ist durch Codes geschützt, die auf Primzahlen beruhen. Nebenbei bergen die Primzahlen noch ungelöste Rätsel. So hat eine mathematische Gesellschaft aus den USA für den letztlichen Beweis der Riermann‘schen Vermutung eine Preissumme von einer Million US-Dollar ausgelobt.

Dabei geht es um nichts weniger als die Suche nach dem Heiligen Gral der Mathematik, einer Formel zur Berechnung der Primzahlen.

  • Ort: Mehrzweckgebäude Hans-Meerwein-Straße (Lahnberge), Hörsaal Ebene 3, 15 Uhr bis 15.30 Uhr.

Warum so ernst? Einen kritischen Blick auf „ernste Videospiele“ werfen die beiden Studenten der Medienwissenschaft, Bernhard Runzheimer und Kevin Pauliks. Sie nehmen ein neues Phänomen der Videospiel-Branche unter die Lupe: die Video-Spiele, die auf eher „ernste“ Weise Wissen und Information vermitteln wollen, im Gegensatz zu den sonst mehr auf Spaß und pure Action ausgerichteten Games. Bei ihrer Analyse konzentrieren sich die beiden Mitglieder der studentischen Initiative „Pixeldiskurs“ vor allem auf Spiele, in denen es jenseits von sinnfreiem Geballer und Tötungsorgien um einen anderen Zugang zum Thema Krieg geht. So ist es das Ziel des Spiels „This War of Mine“, mitten in einem Kriegsgebiet zu überleben und möglichst viele Leidensgenossen aus der Zivilbevölkerung ebenfalls vor dem Kriegstod zu schützen. In einem weiteren Vortrag geht es um die Frage „Wie ernst ist der Tod in den Videospielen?“

  • Ort: Uni-Hörsaalgebäude (Raum +1/0030), 19.30 Uhr bis 21 Uhr.

"Frau Doktor, muss diese Tablette wirklich sein?“ So eine Frage bekommen Ärztinnen und Ärzte gerade heutzutage von mündigen Patienten immer häufiger gestellt. Die Marburger Allgemeinmedizinerin Dr. Annika Viniol erläutert in ihrem Vortrag prinzipiell, welche Medikamente unnötig oder sogar gefährlich sein könnten. Eine detaillierte Liste aller unnötigen Medikamente kann und will Viniol nicht vorlegen, erklärt sie auf OP-Anfrage. Das liege schon ganz schlicht daran, dass jeder Mensch verschieden sei und völlig unterschiedlich auf Medikamente reagiere. Allerdings will Viniol dafür sensibilisieren, bei der Einnahme neuer Medikamente genauer darüber nachzudenken, ob jene wirklich nötig seien. Dies sei auch wichtig angesichts einer Vielzahl von Tabletten, die unterschiedliche Fachärzte wegen unterschiedlicher Krankheiten parallel verschreiben. Um abzuschätzen, welche Tabletten notwendig seien, bedürfe es auf jeden Fall eines guten Hausarztes. Eine Faustregel nennt Viniol: „Wenn jemand mehr als fünf unterschiedliche Medikamente einnimmt, dann weiß man nicht mehr genau, welche Wechselwirkungen es gibt“.

  • Ort: Fachbereich Medizin, Uni Lahnberge, Hörsaal III, 18 Uhr bis 18.30 Uhr.

Warum kann Wissen manchmal schaden? Zuviel Wissen kann manchmal sogar ungesund sein. Darüber referiert die Allgemeinmedizinerin Professorin Annette Becker am Beispiel der Ursache von Rückenschmerzen. Denn die Schmerzen können schlimmer werden, wenn man sich nach einer Schmerzdiagnose zu krank fühlt und sich gleich gar nicht mehr bewegt. Die Expertin macht in diesem Fall Mut zur Bewegung und gibt eine kleine Entwarnung: „Spätestens nach vier Wochen sind die meisten akuten Rückenschmerzen vorbei. Und so zieht sie das überraschende Fazit: „Weniger Wissen ist manchmal mehr.“

  • Ort: Fachbereich Medizin, Uni Lahnberge (Hörsaal III), 17 Uhr bis 17.30 Uhr.

von Manfred Hitzeroth

Best of the Rest

Am kommenden Freitag, 10. Juni, steigt das große Wissenschaftsfestival „Campus Marburg“ im Lahntal (ab 17 Uhr) und auf den Lahnbergen (ab 14 Uhr). Bei 120 Programmpunkten können wir auf dieser Seite nur einen kleinen Teil der Veranstaltungen herausgreifen.
Neben den Vorträgen und Aktionen, die wir besonders würdigen (siehe Artikel rechts) gibt es noch viele weitere alltagsrelevante und populärwissenschaftlich aufbereitete Themen, die vorwiegend Mitarbeiter und Studierende der Uni präsentieren.
Hier nun also „The Best of the Rest“ (Das Beste vom Rest):

Die sieben Sinne der Religionen stehen im Mittelpunkt von mehreren Vorträgen unter Leitung von Professorin Bärbel Beinhauer-Köhler im Foyer des Fachbereichs Theologie (Alte Universität) zwischen 17 und 19 Uhr. Dabei geht es Religion in Kombination mit Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten und mehr sowie Vorträge zu Konzepten des Sinnlich-Wahrnehmbaren im Christentum.

Was hat die Seele mit dem Hirn zu tun? Dies fragt Psychiatrie-Professor Tilo Kircher in seinem Vortrag im Großen Seminarraum der Physikalischen Chemie (Uni Lahnberge) von 14.30 bis 15.15 Uhr. Anhand modernster Bildgebungstechnik erforscht Kircher seit Jahren seelische Erkrankungen. Mehr über seine Forschungen und Weiteres rund um „Campus Marburg“ ist in einer Sonderausgabe des Uni-Journals ab Montag, 6. Juni, nachzulesen.

Die Analyse der Inhaltsstoffe von Zigarettenrauch ist das Thema eines Laborversuchs (Treffpunkt: Foyer des Neubaus Chemie), den Dr. Uwe Linne, Jan Bamberger, Yvonne Ullrich und Tina Krieg anbieten. Dabei wird Zigarettenrauch mit flüssigem Stickstoff in einer Kühlfalle ausgefroren und dann mithilfe von gekoppelter Gaschromatographie-Massenspektrometrie analysiert.

„Selbstähnliche Kachelung. Wie Mathematik beim modernen Bad-Design helfen kann“: Unter diesem Motto steht die Mitmachaktion von Philipp Keding (Fachbereich Mathematik und Informatik) im Foyer (Ebene 3) des Uni-Mehrzweckgebäudes (Uni Lahnberge, Hans-Meerwein-Straße) . Dabei geht es um das mathematische Phänomen, das entsteht, wenn Ausschnitte einzelner Bausteine wie verkleinerte Kopien des Gesamtbausteins aussehen.

„Trügerische Landkarten – Warum Landkarten nicht das zeigen, was man erwartet“: Das verrät Mathematik-Professorin Ilka Agricola bei ihrem Vortrag im Hörsaal in der Ebene 3 des Mehr­zweckgebäudes (Uni Lahnberge) von 18 bis 18.30 Uhr. Sie erläutert, warum das Zeichnen einer Landkarte eine mathematische Herausforderung ist, denn eine Kugel wie unsere Erde hat ganz andere Eigenschaften wie eine Ebene (das Blatt Papier).

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr