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Von der Hochkultur bis zur "Bierkultur"

Podiumsdiskussion zur OB-Wahl Von der Hochkultur bis zur "Bierkultur"

Eine Podiumsdiskussion rund um die Marburger Kulturpolitik fand mit den  sechs OB-Kandidaten am Montag in der „Galeria Classica“ statt.

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Moderator Bernd Höhmann (Mitte) befragte in der „Galeria Classica“ (von links) Dirk Bamberger, Dr. Thomas Spies, Dr. Elke Neuwohner, Rainer Wiegand, Jan Schalauske und Marius Beckmann.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Was ist eigentlich Kultur?  Welche Kultur ist in Marburg eigentlich förderungswürdig? Und was haben die sechs Kandidaten für den Marburger Oberbürgermeisterposten eigentlich für eine Affinität zur Kultur? Auf diese grundlegenden von Moderator Bernd Höhmann angestoßenen Fragen offenbarte sich zum Beginn der Podiumsdiskussion in den Antworten ein durchaus schillerndes Spektrum von Hochkultur bis zur „Bierkultur“.

CDU-Kandidat Dirk Bamberger bekannte freimütig, dass er sich nicht gut in der Kulturpolitik auskenne. Als Blasmusiker in der Feuerwehrkapelle habe er aber durchaus Erfahrungen als Kulturschaffender gesammelt. Von den Kultur-Veranstaltungen besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben ist Bamberger ein Konzert der Rheinischen Philharmonie auf Einladung des Konzertvereins.

Ein gänzlich anderes Kulturverständnis offenbarte „Satirepolitiker“ Marius Beckmann (Die Partei). Für ihn bedeutet beispielsweise das Grillen an der Lahn auch eine förderungswürdige Art der Alltagskultur, und die Beförderung einer Renaissance der Marburger „Bierkultur“ inklusive der Wiedergründung einer Brauerei hat er sogar in sein Wahlprogramm mit aufgenommen.

Für Rainer Wiegand, der sich selbst als Künstler bezeichnet, muss sogar die ganze Stadt zur Kulturzone erklärt werden.

SPD-Kandidat Dr. Thomas Spies ist in Sachen Kultur familiär vorbelastet, weil sein Vater Joachim Spies Professor für Kunst und freischaffender Künstler war. Als sein bisher letztes herausragendes Kulturerlebnis bezeichnete Spies die Aufführung von Fassbinders „Angst essen Seele auf“ durch das Hessische Landestheater (HLT), die er das besonders geglücktes Beispiel eines Theatererlebnisses nannte. Einige der Zuhörer nahmen diese Einlassung mit Überraschung auf, weil sie ihrerseits als Premierengäste dieses Stück aus ihrer Einschätzung als bisher schlechtestes Stück der Saison eingestuft hatten.

Dass Kunst auch Geschmackssache ist, wurde daran deutlich, nichtsdestotrotz nannte auch Linken-Kandidat Jan Schalauske die Aufführung des Brecht-Klassikers „Das Leben des Galilei“  durch das HLT als besonders beeindruckendes Kulturerlebnis.

Niemand sagte, wo gespart werden soll

Einem eher konventionellen Kulturbegriff hängt auch Elke Neuwohner (Grüne) an, die vor allem Literatur und Kinofilme schätzt. Sie freut sich, dass sie sowohl in Sachen Lesungen als auch in Sachen Kinokultur genügend Angebote in Marburg vorfindet. Auch in anderen Bereichen sei die Marburger Kulturszene so reichhaltig, dass man für ein Mehr an Kultur eigentlich gar nicht mehr nach Frankfurt fahren müsse.

Einig waren sich alle Kandidaten, dass die vielfältige Marburger Kulturszene inklusive der „Kulturmeile“ an der Biegenstraße  rund um Cineplex, Kunsthalle, Uni-Museum und Stadthalle erhalten werden und gegebenenfalls sogar ausgebaut werden müssen. Abgesehen von diesen allgemeinen Bekenntnissen wurde aber keiner der sechs Bewerber konkreter: Niemand sagte, wo gespart werden solle und wo mehr Geld in die Hand genommen werden müsste.

Weitgehend einig waren sich alle Kandidaten auch bei der Frage des weiteren Ausbaus des Waggonhallen-Areals, was die Nutzung des baufälligen zweiten Lokschuppens betrifft. Während Bamberger und Schalauske monierten, dass Rot-Grün dort seit dem Koalitionsvertrag  im Jahr 2011 nicht gehandelt hätten, sagten Spies und Neuwohner, dass dort trotz aller Probleme bald etwas passieren solle.

Verständnis für die Nöte der Kunstwerkstatt, einer Kinder-Malschule, die noch in der Innenstadt im vierten Stock eines Hauses residiert und gerne auf das Waggonhallen-Areal umziehen möchte, äußerten ebenfalls alle OB-Kandidaten.

Genauso einmütig zeigten sich die Bewerber um das OB-Amt bei der Frage, ob der Konzertverein unterstützenswert sei. Etwas kontroverser ging es bei der Frage der Finanzierung der Mitarbeiter des soziokulturellen Zentrums Waggonhalle zu. Dessen Geschäftsführerin Marion Breu hatte bei drei Wortmeldungen jeweils eine Ausweitung der städtischen Finanzierung für die Waggonhalle im Sinne der  „prekär beschäftigten“ Kulturschaffenden gefordert und griff in diesem Zusammenhang die rot-grüne Rathauskoalition an.

SPD-Kandidat Spies verwies darauf, dass die Zuwendungen für das Kulturzentrum  im Doppelhaushalt 2015/2016 pro Jahr um rund 10 000 Euro höher ausfallen als zuvor.

Das sei zwar noch zu wenig, aber er werde die finanziellen Probleme der Waggonhalle als OB gelöst bekommen.  Grünen-Kandidatin Neuwohner verteidigte ebenfalls die Linie von Rot-Grün und sagte, dass die Zuwendungen in den zurückliegenden Jahren  kontinuierlich gestiegen seien. CDU-Kandidat Bamberger sagte ausdrücklich keine weitere Erhöhung der Zuwendungen zu.

von Manfred Hitzeroth

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