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„Von Tests kann keine Rede sein“

Impfungen gegen Kinderlähmung „Von Tests kann keine Rede sein“

Universität und Stadt Marburg sowie der St. Elisabeth-Verein wollen die Tests eines Impfstoffes gegen Kinderlähmung durch Uni-Mediziner in zwei Heimen in Marburg aus dem Jahr 1962 genauer überprüfen. Laut internen Nachforschungen ist der St. Elisabeth-Verein an den umstrittenen Medikamentengaben an Kindern in Hessen in einem Heim am Kaffweg, dem heutigen Hermann-Jacobsohn-Weg, beteiligt gewesen.

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Der St. Elisabeth-Vereins-Archivar und Historiker Harald Bausen hat die Akten zu den mutmaßlichen Medikamententests im Marburger Kinderheim untersucht.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Bei der 1963 in einer medizinischen Fachzeitschrift publizierten Studie, die durch die Recherchen einer Krefelder Pharmaziehistorikerin Anfang der Woche wieder in den Fokus geriet, handelte es sich nach Informationen der OP  um eine Studie von Wissenschaftlern der Uni-Klinik Marburg um Professor Siegert, den damaligen Direktor des Hygiene-Instituts.  Die Universität habe ein Interesse daran, zu klären, ob und in welcher Form Marburger Wissenschaftler in den 1960er Jahren an Untersuchungen in zwei Marburger Kinderheimen beteiligt waren, die nach den damaligen oder heutigen ethischen Standards nicht zu vertreten waren, sagte Uni-Sprecherin Andrea Ruppel auf OP-Anfrage. „Wir wollen zu einer umfassenden Aufarbeitung beitragen“, so Ruppel. In den 1960er Jahren hatte sich neben dem Kinderheim Bethanien in Marburg auch ein weiteres Kinderheim in Marburg an dieser Studie zu den Nebenwirkungen der Polio-Schluckimpfung gegen Kinderlähmung beteiligt.

Akten aus den 60er-Jahren geben Hinweis

„Das Heim gehörte zum St. Elisabeth-Verein“, sagte der Pressesprecher des Vereins, Manfred Günther, am Freitag. Mindestens ein Fall aus dem Jahr 1962 sei in alten Akten aufgestöbert worden.
Eine konsequente Untersuchung und Aufklärung der Vorfälle forderte auch Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD).

Gab es missbräuchliche Medizin-Tests an Kindern in den 60er-Jahren auch in Marburger Kinderheimen? Möglicherweise darauf hindeutende Forschungsergebnisse der Krefelder Pharmaziehistorikerin Sylvia Wagner, über die Anfang der Woche der „Hessische Rundfunk“ berichtet hatte, werden jetzt in Marburg genau überprüft.

In einer der Jugendhilfeakten des St. Elisabeth-Vereins aus den 60er-Jahren existiere ein Hinweis darauf, dass ein 1956 geborenes Kind im Zeitraum Mai und Juni 1962 an einer Polio-Schluckimpfung teilgenommen habe, teilte Manfred Günther, Pressesprecher des Elisabeth-Vereins, mit.

Künkel: Zustimmung der gesetzlichen Vormünder lag vor

Die damalige Heimleiterin des Elisabethhauses, so eine weitere Bezeichnung des Heimes, habe mit Schreiben vom 2. Mai 1962 um die Einwilligung dazu gebeten, die sie mit einem Schreiben vom 4. Mai 1962 von der Kreisjugendfürsorge beim damaligen Dillkreis erhalten haben müsse. Mit dem Datum 24. Juni­ 1962 bestätigte der Stiefvater, die Schluckimpfungsbescheinigung für den Stiefsohn erhalten zu haben.

„Die in der Forschungsarbeit der Krefelder Pharmazie-Historikerin Sylvia Wagner über Arzneimittelstudien an Heimkindern dargestellten  Medizin­tests und -versuche mit noch nicht zugelassenen Medikamenten  sind erschütternd und menschenverachtend“, erklärt Hans-Werner Künkel, Vorstand des St. Elisabeth-Vereins, am Freitag in einer Pressemitteilung.  „Die Forschungsarbeit von Frau Wagner und unsere bisherigen Rechercheergebnisse zeigen aber auch auf, dass im Sinne und zum Wohl aller Beteiligten bei der notwendigen Aufarbeitung der Vergangenheit differenziert vorgegangen werden sollte“, so Künkel weiter.

Das Kinderheim St. Elisabeth habe sich an einer behördlich unterstützten und vom ­Hygiene-Institut sowie der Universitätsklinik begleiteten Studie eines zugelassenen Impfstoffes beteiligt“, betont Künkel. „Von Tests oder Versuchen kann also keine Rede sein.“ Und wie das bisherige Archiv-Material belege, seien entsprechende Zustimmungen der gesetzlichen Vormünder eingeholt und Erziehungsberechtigte informiert worden. Zudem sei 1961 in der Bundesrepublik die höchste ­Polio-Rate in Europa nach einer Epidemie aufgetreten.

Uni sichtet Unterlagen

Veröffentlicht wurden die ­Ergebnisse der Impfstoffstudie von Professor Rudolf Siegert (Hygienisches Institut der Universität Marburg) und weiteren Marburger Medizinern 1963 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Demnach erfolgten Impfungen an 30 Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und elf Jahren aus zwei Marburger Kinderheimen sowie bei 58 ­Erwachsenen. „Wir sind dabei, die Unterlagen zu sichten, aber für eine abschließende Bewertung brauchen wir mehr Zeit für Recherchen“, sagte Uni-Pressesprecherin Andrea Ruppel auf OP-Anfrage. Die Medizin-Ethik sowie die Verantwortung der Forschung würden an der Philipps-Universität sehr wichtig genommen, betonte Ruppel.

Vor einer detaillierten inhaltlichen Bewertung solle jetzt von Seiten der Universität unter anderem geklärt werden, wie die Durchführung der Impfstoff-Studie, die in einem Aufsatz der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ von 1963  veröffentlicht wurde, aus damaliger juristischer Sicht einzuordnen war. Ruppel betonte auch, dass das Säuglingsheim Bethanien, dass sich 1962 zum Zeitpunkt der Impfstoff-Studie im Gebäude der Schützenstraße 49 befand, nicht von der Universität betrieben worden sei. Die Universität habe nie ein Kinderheim ­betrieben. Dieses Heim sei nach Recherchen der Universität bis 1968 vom Kurhessischen Diakonissenhaus Kassel betrieben worden.

Im Jahr 1968 sei dieses Heim nach Kassel verlegt worden. Die OP konnte am Freitag  keine Verantwortlichen des ­Kurhessischen Diakonissenhauses in Kassel erreichen. Die Universität habe dann das Gebäude ab 1972 für die Orthopädische Klinik genutzt. Dann nach dem Umzug der Orthopädie auf die Lahnberge gehöre das Haus zur Institutsambulanz der Uni-Kinder- und Jugendpsychiatrie.

von Manfred Hitzeroth, Anna Ntemiris und Björn Wisker

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