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Von Terror und Torten

Miro-Kinderheim in Kenia Von Terror und Torten

Seit mehr als fünf Jahren wird das Miro-Kinderheim in Kenia durch Spenden aus dem heimischen Landkreis unterstützt. OP-Redakteurin Nadine Weigel war vor Ort und berichtet über die Besuche.

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Grace ist eines von 35 Kindern, die im Miro-Heim in Kenia leben. Das Heim wird finanziert durch Spenden aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Quelle: Nadine Weigel

Mombasa. Und ich sag noch, zwei Männer und eine dicke weiße Frau sind zu viel für ein  Motorrad. Jetzt stehe ich knöcheltief im Schlamm und grabe mit den Händen nach meinen Flipflops. Hakuna Matata heißt das Sprichwort auf Suaheli, das gern in Situationen wie diesen gebraucht wird. Es bedeutet: Keine Sorge, alles nicht so wild.

Es ist Mai und damit gerade noch Regenzeit in Kenia.  Die sandigen Straßen haben sich in wahre Schlammwüsten verwandelt. Für Autos oder gar Kenias Hauptverkehrsmittel, die Matatus (Kleinbusse), ist in manchen Gegenden kein Durchkommen. Nur mit dem Bodaboda, einem Motorradtaxi, kann man die hüfttiefen Pfützen umfahren, wenn man nicht so ein Schisser ist wie ich und lieber laufen will. Ein mit zwei Erwachsenen, zwei Kindern, einem Huhn und einem Sack Mais beladenes Motorrad überholt uns. Der Fahrer hupt und alle lachen.

Sieben Kinder leben jetzt in Pflegefamilien

Der Weg zurück aus Moshomoroni ist wahrlich ein Abenteuer. Dort haben der Koch des Miro-Heims Felix Ngala und ich zwei Kinder besucht, die einmal im Miro-Kinderheim gelebt haben. Insgesamt sieben ehemalige Heimkinder sind mittlerweile in Pflegefamilien untergebracht. Regelmäßig schaut Heimleiterin Josephine Mutisya oder jemand anderes aus dem Team nach den Kindern.

Zum elften Mal besuche ich das Waisenhaus an der Küste Kenias, das seit fünf Jahren mit finanzieller Hilfe aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützt wird. 35 Kinder im Alter von wenigen Wochen bis 15 Jahre leben derzeit hier. Sie alle wurden vom Jugendamt Mombasa in die Obhut von Josephine Mutisya gegegeben. Sie alle haben bewegende Schicksale. Wurden halb verhungert in den Straßen Mombasas aufgegriffen. Wurden als Babys mehr tot als lebendig auf  Müllhalden gefunden. Viele von ihnen sind Waisen oder wurden einfach ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. In Kenia leben laut Welthungerhilfe 43 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, müssen mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen.

Hüttenkoller und Wollmützen bei 27 Grad

Es sind gerade Ferien und es regnet fast ununterbrochen. Das bedeutet Hüttenkoller und Wollmützen bei 27 Grad. Gut, dass neben den drei Katzen nun auch ein Hund zum „Inventar“ des Heims gehört und die Kinder immer tierische Beschäftigung haben.  „Es ist sehr kalt“, schimpft Rebecca (7 Jahre) und setzt der kleinen Vena eine Strickmütze auf. Es schüttet, alle frieren, nur ich schwitze.  

Es donnert. Ein paar Kinder schreien. Ich wundere mich, denn auch die Hausangestellten gehen panisch in Deckung.  „Sie haben gedacht, es wäre Al Shabab“, erklärt mir Josephine das seltsame Verhalten. Seitdem die islamistische Terrormiliz vor zwei Wochen ein Massaker mit 148 Toten an einer Universität im Norden Kenias angerichtet hat, ist die Angst allgegenwärtig. Das hat Konsequenzen. Viele vermeiden es, aus den Vororten in die Innenstadt Mombasas zu fahren. Immer wieder wurden in letzter Zeit Anschläge auf  Busse verübt.   

„Danke für diesen guten Morgen"

„Ich bete für Al Shabab, damit sie erkennen, dass Leute umzubringen falsch ist“, wird Bob, mit seinen 15 Jahren der älteste Junge im Heim am Sonntag während des Gottesdienstes beten. In der großen Halle, in der ein paar Plastikstühle aufgereiht sind, ist während des Gottesdienstes nicht so viel los wie sonst. Wir sind trotzdem da. Denn die Kinder wollten  unbedingt präsentieren, was sie mit mir gelernt haben: ein deutsches Lied.  Drei Tage lang habe ich mit den Kindern „Danke für diesen guten Morgen“ geprobt, nun schmettern sie es durch den Kirchenraum. Alles jubelt. Der Pfarrer verlangt eine Zugabe.

Seit drei Jahren leben die Kinder in einem zweigeschossigen Haus in Utange.  So viele Kinder auf kleinem Raum – das hat Spuren hinterlassen. „Momentan funktioniert kein Wasser“, sagt Dr. Vera Fleig mit sorgenvollem Blick. Die Vorsitzende des Help-for-Miro-Vereins ist im November mit ihrem Lebensgefährten Dr. Stefan Blaser und ihrer Schwester Nadine Fleig vor Ort. Die ist Architektin und nimmt sich sogleich des Wasserproblems an. Denn ohne fließendes Wasser ist das Leben im Heim beschwerlich. Alles benötigte Wasser muss von einem großen Tank auf dem Hof ins Haus geschleppt werden.

Zusammen mit einem Klempner geht Architektin Nadine durchs Haus und tauscht die defekten Anschlüsse und Wasserleitungen aus, sodass nach einigen Tagen wieder fließendes Wasser vorhanden ist. „Auch die Sanitäranlagen sind stark in Anspruch genommen“, kritisiert Vera und kündigt an, dass im kommenden Jahr die Toiletten und Waschräume saniert werden sollen.

Rund 2900 Euro kommen monatlich aus Marburg

Eigentlich ist das Haus schon zu klein für so viele Kinder. Allerdings sind die finanziellen Mittel, um eventuell ein eigenes Haus zu bauen, noch nicht vorhanden. Die laufenden Kosten sind zu hoch. Die Miete, das Schulgeld, die  Hausmütter, der Koch und der Wachmann, das Essen sowie die medizinische Versorgung. All das muss vorwiegend mit den rund 2900 Euro abgedeckt werden, die der in Marburg ansässige Verein monatlich aus Spenden überweist.

Vera, Nadine und Stefan bringen deshalb das Haus auf Vordermann, damit die Kinder weiter darin wohnen können.  Weil der große Schlafraum mit 17 Jungen völlig überfüllt ist, räumen die Helfer einen der Lagerräume aus und machen ein weiteres Jungenzimmer daraus. „Wir haben Schränke, zwei Stockbetten und  Matratzen gekauft und denken, dass wir so die Situation für die Kinder etwas verbessern konnten“, freut sich die Ärztin, die das Heim bereits im Juli besucht hatte und im November zurückgekehrt ist, um mit den Kindern deren Geburtstag zu feiern.

„Bei den meisten Kindern ist das Geburtsdatum unbekannt, deshalb feiern wir alle gemeinsam“, erklärt Heimleiterin Josephine. Der kleine Vorgarten unter den Palmen wird zum Festplatz. Aus den L:autsprechern dröhnen fröhliche Gesänge. Aufgeregt hüpfen die Kinder umher und freuen sich über die Geschenke aus Deutschland und die vielen Lebensmittelspenden der einheimischen Gäste. Aber etwas macht die Kinder ganz besonders glücklich: Etwas, das sie nur einmal im Jahr erleben:  eine echte Torte.

 
Hintergrund
Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer Orphanage (Miro) in Kenia. 2014 gründeten sie den gemeinnützigen Verein Help for Miro, der Spenden sammelt. Die finanzielle Hilfe zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützt die Versorgung von mittlerweile 35 Kindern im Alter von wenigen Wochen bis 15 Jahren.  Mit Hilfe von 2 900 Euro im Monat werden das Haus, drei Hausmütter, ein Koch, ein Wachmann  bezahlt sowie die medizinische Versorgung und die Schulausbildung finanziert. 100 Prozent der Spenden kommen direkt den Kindern zugute. Fleig und Weigel fliegen mindestens zwei Mal im Jahr unangemeldet und auf eigene Kosten nach Kenia, um mit den Kindern ihren Urlaub zu verbringen. Mehr Infos zu dem Projekt gibt es auf der Homepage: www.help-for-miro.de
 

von Nadine Weigel

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