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Von Schmerz, Rausch und der Zukunft

Jugendkultur Von Schmerz, Rausch und der Zukunft

Eine eindrucksvolle Ausstellung, die derzeit im Kreishaus zu sehen ist, befasst sich mit dem Leben und den Wünschen von Jugendlichen. Sie ist das Ergebnis der Schulsozialarbeit an der Hinterlandschule in Steffenberg.

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Jana Feußner gibt der Jugend eine Stimme. Jedes fünfte Mädchen hat sich einer Umfrage zufolge schon selbst verletzt. Auf dem Ausstellungsplakat zum Thema Schmerz ist die 16-Jährige aus Steffenberg mit Kunstblut auf den Unterarmen zu sehen.

Quelle: Carina Becker

Marburg. Lächelnd steht sie neben ihrem Plakat und beantwortet den Besuchern der Ausstellungseröffnung im Kreishaus die Fragen, die sie zum Motiv haben. Das Bild von dem Mädchen im Hintergrund schockt - es hat, so möchte man meinen, nicht viel mit der fröhlichen Jugendlichen zu tun, die daneben steht. Dabei handelt es sich um ein und dieselbe Person.

Jana Feußner hat für das Plakat zum Thema Schmerz Modell gestanden - auf dem Foto sitzt die 16-jährige Schülerin aus Steffenberg mit hängenden Schultern irgendwo auf einem gepflasterten Boden und zeigt ihre zerritzten, blutenden Unterarme. „Das war nur Kunstblut“, klärt sie auf, „aber es war trotzdem eine komische Situation.“

Entstanden ist das Foto mitten in Marburg auf einem Fußgängerweg. „Während wir die Aufnahme gemacht haben, kamen viele Leute vorbei und haben schon sehr merkwürdig geschaut“, erinnter sich Jana Feußner.

Dass es ein gutes Foto wird, eines, dass gleich einen Zugang zum Thema herstellt, das war der 16-Jährigen wichtig. „Einfach, weil mich diese Zahl schon schockiert hat“, erzählt sie und spricht davon, dass fünf Prozent aller Mädchen in einer Umfrage angegeben haben, dass sie sich selbst absichtlich Schmerz zufügen.

Für Jana selbst ist das schwer nachvollziehbar, „wenn ich jemanden kennen würde, der das macht, würde ich auch gern darüber sprechen mit der Person“, sagt sie und berichtet, dass ihr an der Schule schon öfters Mädchen mit zerritzten Unterarmen aufgefallen seien, „aber niemand davon in meinem Freundeskreis“.

Die Umfrage, von der die Rede ist, ging der Ausstellung im Kreishaus voraus. Initiiert durch die Schulsozialarbeit, die der Marburger Verein BSJ für den Landkreis an der Hinterlandschule anbietet, befragte eine Gruppe von Schülern im Jahr 2013 rund 170 Jugendliche in den Klassen acht bis zehn zu deren Lebenssituation und zu den Zukunftsplänen.

„Wir wünschen uns Jugendräume“

Nach der Umfrage war für die Schüler klar: Diese Ergebnisse gehen alle etwas an. Dann kam die Idee zur Ausstellung, die im vergangenen Jahr an der Schule zu sehen war und nun bis zum 24. Februar zu den Öffnungszeiten der Kreisverwaltung im dortigen Foyer bestaunt werden kann.

Aus den Umfrageergebnissen schufen die Projektteilnehmer zusammen mit der BSJ-Mitarbeiterin Simona Lison und dem Hobbyfotografen Yadi Isa die großformatigen Fotoplakate für die Ausstellung. „Es hat viel Spaß gemacht, die Szenen mit den Schülern zu entwickeln und einzufangen“, sagt Yadi Isa, „die Jugendlichen haben einfach toll mitgezogen“.

Die Hälfte aller Zehntklässler raucht, 75 Prozent der Acht- bis Zehntklässler hatte schon mal einen Vollrausch, und 90 Prozent von ihnen wissen, welchen Beruf sie erlernen wollen. 85 Prozent der Jungen zocken, wenn sie online sind. Solche und ähnliche Ergebnisse aus der Umfrage werden durch die Ausstellungsplakate aufgegriffen.

„Es sind auch Bilder, die schockieren“

Die Zehntklässlerinnen Kadriye Özbas und Birgül Bozkurt führten die Besucher in die Ausstellung ein. Sie berichteten, dass die Ausstellung samstags und außerhalb der normalen Schulzeit als Projekt entstanden sei und knüpften daran, dass viele Jugendliche überhaupt erst durch Langeweile auf „dumme Ideen kommen“. „Wir wünschen uns Jugendräume und Angebote, die für uns gemacht werden“, sagte Kadriye Özbas. „Für uns war es wichtig, diese Eindrücke einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagte Landrätin Kristen Fründt bei der Eröffnung der Schau am Donnerstagnachmittag und würdigte die „mutige Umsetzung“: „Es sind auch Bilder, die schockieren“, fand sie.

Schulleiterin Carla Fassold-Luttropp war sich sicher, dass die Bilder aus dem Leben der jungen Steffenberger auch beispielhaft seien für das, was Jugendliche heutzutage generell bewegt in der Stadt und auf dem Land - von daher gebe die Ausstellung, ihrem Titel gemäß, vielen jungen Menschen eine Stimme.

von Carina Becker

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