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Von Kurvenkönigen und Rampensäuen

Abenteuer Sport: Skaten Von Kurvenkönigen und Rampensäuen

Um eine echte Skateboarderin zu sein, fand sich unsere Redakteurin immer zu „uncool“.  Echte Skater können über dieses Wort nur grinsen. „Cool“ ist in ihren Augen ohnehin nur der, der Spaß an dem Sport hat. Und das über Jahrzehnte hinweg. Aus den Skaterjungs der 90er-Jahre sind Skater-Männer geworden. Und die fahren neuerdings in einer Marburger Scheune.

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Offenbar ist's wie Fahrradfahren: Wer einmal skaten konnte, verlernt es nicht.

Quelle: Tobias Hirsch

Cyriaxweimar. Die Knie- und Ellenbogenschoner erzählen die Geschichte von Schmerzen, Stürzen und Bretterhelden. Neonfarben leuchten sie. Die Farben des Sommers. Und die Farben der 90er. 20 Jahre lang lagen sie im Keller. Vergessen, verstaubt,  verleugnet. Jetzt wurden sie wieder ausgegraben. Und das Skateboard gleich mit. Alles in den Kofferraum des Familien-Vans geladen. Anzug und Schlips gegen T-Shirt und lässige Hosen getauscht. Ziel der Fahrt: eine Scheune irgendwo in Cyriaxweimar.

Skater, Cyriaxweimar. Foto: Tobias Hirsch

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Dort parken sie ihre Familienkutschen und schnellen Flitzer. Die Autos von Männern, die alle schon Ende 30 sind. Unterschiedliche Biografien – eine gemeinsame Vergangenheit. Sie alle verbrachten ihre Jugend auf vier Rollen und einem Brett. Sie alle waren in den 90ern mit dem Skateboard auf den Straßen unterwegs. Und sie alle haben sich jetzt wiedergetroffen. In dieser einen Scheune. Irgendwo im nirgendwo

Hauptsache es macht Laune

Ein paar Bretter, ein bisschen handwerkliches Geschick – das ist es, woraus Träume gemacht sind. Oder besser gesagt: woraus eine  Miniramp gebaut ist. Die hat sich Immanuel Griesel, genannt Immi, nämlich kurzerhand in die leerstehende Scheune in seinem Hinterhof gezimmert. Ein bisschen hämmern, ein bisschen schrauben – fertig ist der Spielplatz für die Skater-Jungs. Moritz (Nachnamen sind auf so einer Rampe übrigens  Nebensache)  ist einer von ihnen. Hawaiihemd-Träger. Wiedereinsteiger. „Es geht hier nicht mehr um Leistung. Man ist dann ein richtig guter Skater, wenn man Spaß hat.“

Früher, erinnert er sich, da habe er jeden Trick gestanden, jede freie Minute zum Skaten genutzt. „Jetzt geht das nicht mehr. Morgen komme ich wieder nicht aus dem Bett. Aber diese Miniramp ist ja seniorentauglich“, sagt er, greift nach seinem Skateboard und klettert in den Bauch der Scheune hinein. Ein kurzes „Oh“, ein lautes Rattern, dann sieht man einen bunten Fleck die Wände rauf und wieder runter rollen. Applaus für einen gestandenen Trick. Mitleid für einen Sturz, freundliches Lachen für eine wackelige Talfahrt.

Einer von denen, deren Augen dem Fahrer im Hawaiihemd folgen, ist Matt Finke. Zweifacher Vater, zweifacher T-Shirt-Wechsler. Die Scheunen-Rampe bringt ihn ins Schwitzen – und Schwärmen. „Ich habe mein Skateboard nie wirklich weggepackt“, erzählt er. Vielleicht mal in die Ecke geschoben, ein paar Kartons, Bücher oder Zimmerpflanzen drauf gelagert. Aber weggepackt? Niemals. „Der Körper erinnert sich an alles“, sagt er. An die Bewegungsabläufe. Aber auch an die Schmerzen.

An Muskelkater. Prellungen, Hautabschürfungen. „Man weiß, dass man aufschlagen wird – das gehört einfach dazu“, gibt sich Matt Finke gelassen. Der Spaß steht im Vordergrund. Leistung wird zur Nebensache. „Der Druck ist weg. Wir haben einfach Spaß dran und können es genießen.“

Immi schiebt mich hin und her

Genießen  – das kann ich, Redakteurin bei der Oberhessischen Presse – noch nicht. Meine einzigen Skateboard-Erfahrungen habe ich sitzend gesammelt. Und selbst dabei habe ich mich verletzt. 20 Jahre nach diesem Erlebnis stehe ich zum ersten Mal auf einem Board. Gehalten von Immi. Ich wackele. Das Bord  wackelt. Nur Immi steht wie ein Baum. Meine Finger krallen sich in seine Oberarme. Skateboard ist also doch ein Kontaktsport.

Immi schiebt mich hin und her. Redet etwas von „Gefühl“ und„Balance“. Ich höre nur meinen eigenen Herzschlag. Der Helm, wahrscheinlich älter als ich selbst, zwickt und riecht. Eine unangenehme Mischung aus Gummi, Männer- und Angstschweiß. Immi schiebt und schubst mich über das Holz. „Stell dich mehr rein“, sagt er. „Den Fuß quer“.  Einen Meter vor. Einen Meter zurück. Ein paar Zentimeter die Rampe rauf, ein paar wieder runter.

Das Board will mich fallen sehen

Das Skateboard macht nicht das, was ich will. Ich mache das, was das Board will. Und das Board will mich fallen sehen. Es schnellt unter meinen Füßen weg. Ich lande auf dem Hosenboden. Einmal, zweimal, dreimal. Dann reicht es mir. Fallen muss ich sowieso – wieso nicht gleich volles Risiko gehen. Ich stelle mich auf eine kleine Bodenwelle, die jeden erfahrenen Skater gelangweilt grinsen, mich aber schwer atmen lässt. Wieder hält Immi mich fest. Wieder sagt er etwas von „Balance“ und „Gefühl“. Und dann geht es abwärts. Mit dem Skateboard und meinem Mut.

Versuch Nummer eins: ein Popo-Platscher. Versuch Nummer zwei: ein Bauch-Platscher. Versuch Nummer drei: gestanden. Überlebt. Karriere beendet. Auf meinem persönlichen Höhepunkt. Ich streife Schoner, Helm und Angst ab und bin erleichtert. Kindheitstrauma überwunden – neue Herausforderung gefunden. Ich klettere aus der Scheune heraus. Geschwitzt aber glücklich. Lasse mich neben einen Skater fallen, der im ersten Moment gar nicht wie ein Skater aussieht.

Am Hochzeitstag zu den Jungs in die Skater-Scheune

Der Kragen seines weißen Polo-Hemdes ist an einer Seite nach oben geklappt. Die Frisur sitzt dafür perfekt. Selbstständig in der Automobilbranche sei er. Ein echtes Kind der 90er. Zu Hause warten Frau und Baby. Heute ist Hochzeitstag. Und trotzdem musste er noch mal raus. Zur Scheune. Zu seinen Jungs. Auf eine kleine Zeitreise. Musste noch einmal das Lebensgefühl von damals einfangen. „Ich bin ziemlich eingerostet“, gesteht er. „Da denkst du, du kannst es – und dann klappt der Trick nicht.“

Also übt er. Immer wieder. Fährt gegen aufkeimende Zweifel und Muskelkater an. Irgendwann, als er mal einen Moment nicht hingeschaut hat,  ist das Skateboard heimlich aus seinem Leben gerollt. Plötzlich gab es wichtigere Dinge. Beruf, Familie. Der ganz normale Alltag eben. „Ich wollte irgendwann vernünftig sein“, sagt er achselzuckend. Mitte zwanzig war er, als ihn dieser Wunsch traf. Jetzt, zehn Jahre später, greift er wieder zu seinem Skateboard. Es ist an der Zeit, endlich unvernünftig zu sein.

von Marie Lisa Schulz

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