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Von Jerusalem bis nach Marburg

Amnon Orbach Von Jerusalem bis nach Marburg

Israel werde immer seine Heimat bleiben, aber in Marburg habe er eine Aufgabe, sagt Amnon ­Orbach, Gründer der Jüdischen Gemeinde. OP-Redakteurin Anna Ntemiris hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben.

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Amnon Orbach ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Amnon Orbach wurde 1930 in Jerusalem geboren und lebt seit 1983 in Deutschland. Seit Jahrzehnten lebt er jetzt in Marburg zusammen mit seiner zweiten Ehefrau. „Ich bin nicht nach Deutschland ausgewandert, weil ich Israel oder Jerusalem verlassen wollte, sondern weil die Liebe mich hierher geführt hat“, stellt Orbach klar. Seinen Lebenslauf, den Anna Ntemiris (Mitglied der OP-Chefredaktion) im Gespräch mit Orbach aufgezeichnet hat, dient in dem Buch „Grenzen-los?“ als ein Beispiel für Wanderer zwischen den Welten Israel und Deutschland.

Insgesamt 16 Lebensgeschichten - von je acht Deutschen und Israelis - finden sich in dem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Buch, für das die Publizistin Anita Haviv-Horiner verantwortlich war.

Gefragt wurden alle 16 Porträtierten unter anderem, wo sie ihr Zuhause sehen. Für Orbach ist es eindeutig, dass er eine zweigeteilte Heimat hat. „Meinem Empfinden nach habe ich heute sowohl in Deutschland als auch in Israel ein Zuhause“, meint Orbach. „Israel bin ich sehr verbunden, doch in Deutschland habe ich eine konkrete Aufgabe. Hier in Marburg kann ich etwas bewegen und verändern“.

In Marburg ist Amnon Orbach vor allem bekannt dafür, dass er die Jüdische Gemeinde mit aufgebaut hat. Seit Jahren ist er als deren Vorsitzender das Gesicht der Jüdischen Gemeinde. Und für seine Bemühungen, das Judentum in Marburg nach dem Holocaust wieder zu etablieren, erhielt er im Jahr 2000 das Bundesverdienstkreuz und wurde 2014 Marburger Ehrenbürger.

Vater war Oberst in Israels Armee

Weniger bekannt in Marburg ist Orbachs „Vorleben“ und darüber berichtet der Israeli auch in dem Buch-Beitrag. Orbachs Vater stammt aus Lodz in Polen und wurde 1948 nach der Gründung des Staates Israel Oberst in der israelischen Armee, nachdem er vorher in der jüdischen Untergrundbewegung gegen die britischen Besatzer in Palästina bereits als Kommandeur aktiv war. Seine Mutter stammte aus der Ukraine. Beide Eltern kamen 1921 als Pioniere nach Palästina, um das Land aufzubauen. Noch als 16-jähriger Schüler war Amnon Orbach selbst in der jüdischen Untergrundbewegung aktiv und kämpfte ab 1948 im Unabhängigkeitskrieg zwischen Juden und Arabern mit.

Nach dem Krieg wollte er Medizin studieren und Arzt werden. Doch weil die Wartezeiten für dieses begehrte Studium viel zu lang waren, begann er 1949 ein Maschinenbaustudium in Haifa und arbeitete später zunächst einige Jahre im Auftrag des israelischen Verteidigungsministeriums als Ingenieur in der Waffenindustrie.

Es schloss sich ein zweites Industrieingenieur-Studium in den USA an. Nach der Rückkehr nach Israel arbeitete Orbach in der Entwicklung von Lehrmaterialien für Schulen und Kindergärten und später für einen israelischen Konzern für Elektrogeräte. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau im Jahr 1979 begann Orbachs „zweites Leben“ mit dem Umzug nach Deutschland.

„Grundsätzlich war ich mit meinem Leben in Marburg zufrieden, doch mir fehlte die jüdische Kultur. Es gab hier kein jüdisches Leben, keine Synagoge, keine jüdische Kultur“, berichtet Orbach. Und so entstand seine Idee, die Jüdische Gemeinde in Marburg zu gründen, die mittlerweile rund 350 Mitglieder hat.

Die komplexen Wahrnehmungen, die das Verhältnis von Israel und Deutschland prägen, kommen auch in den 15 anderen Kurz-(auto)biografien zum Vorschein, in denen die Interviewten jeweils von sich erzählen. Aufsätze des israelischen Historikers Moshe Zimmermann und des Gesellschaftswissenschaftlers Wolfgang Sander ergänzen das Buch.

von Manfred Hitzeroth

  • Anita Haviv-Horiner: „Grenzen-los? Deutsche in Israel und Israelis in Deutschland.“ Bundeszentrale für politische Bildung 2016 (Adenauer­allee 86, 53113 Bonn), Schriftenreihe Bd. 1744, 4,50 Euro zuzüglich Versandkosten.
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