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Vom schönen Schein der riskanten Zirkuskunst

Tagung Vom schönen Schein der riskanten Zirkuskunst

Die Manegenkünste sind das Thema einer internationalen Tagung in Marburg, die noch bis Samstag andauert.

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Die Mitorganisatorinnen, Dr. Anna Sophie Jürgens (links) und Dr. Margarete Fuchs, präsentieren das Plakat mit einem Foto von Jürgen Bürgin.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ein wenig erinnerte das Oval im Senatssitzungssaal an eine Zirkusmanege. Diesen Vergleich zog auch Professor Jürgen Wolf, Dekan des Fachbereichs Germanistik und Kunstwissenschaften, der am Tag zuvor am Ort der „Zirkustagung“ noch ­eine Sitzung des ­Senats besucht hatte. „Wir haben nicht nur Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen, sondern auch Zirkus-Schaffende und Vertreter von Zirkus-Archiven eingeladen“, betonte die Marburger Germanistin und Mitveranstalterin Dr. Margarete Fuchs den breiten Ansatz der Tagung „Manegenkünste. Zirkus als ästhetisches Modell“.

In ihrem Eingangsvortrag lotete Fuchs die Potenziale­ aus, die es in Deutschland in den erst am Anfang stehenden Zirkuswissenschaften noch zu heben gebe. So könne genauer erforscht werden, wie vielfältig Zirkus beschrieben worden sei. Aber auch die Zeichenhaftigkeit des Zirkus sowie die Analyse der Grenzüberschreitungen oder der Flüchtigkeit von Zirkus-Erfahrungen seien lohnenswerte Forschungsfelder.

Wie weit fortgeschritten die Zirkuswissenschaften bereits in Frankreich sind, zeigte Philippe Goudard (Montpellier) in seinem umfassenden und sehr inspirierenden Vortrag. Dabei schöpfte er aus seiner persönlichen Faszination für sein Forschungsgebiet und aus jahrelangen grundlegenden Recherchen. Jahrelang trat Goudard selbst als Clown in Zirkus-Manegen auf. Daneben hat der Doktor der Medizin auch die hohen Belastungen der Herzfrequenz bei Trapezkünstlern, Jongleuren, Löwenbändigern und selbst bei Clowns gemessen und Studien zu Artisten-Unfällen verfasst.

Ziel: "Reinigung von Seele und Körper"

„Es gibt bei Zirkusartisten Unfälle:­ Das Risiko ist eine Realität“, konstatierte der Zirkusforscher. Es sei nicht möglich, Hochleistungs-Zirkus zu praktizieren, ohne verletzt zu werden, erläuterte Goudard. Zudem seien die Arbeitsbedingungen für die Zirkus-Artisten sehr hart: Es gebe neben den Auftritten in der Manege viele weitere Aufgaben und zudem oft wenig Geld zu verdienen. Doch der „risikoreiche Job“ stelle auch eine besondere Kunst da. Immer wieder verlasse der Zirkuskünstler stellvertretend für den Zuschauer seine sichere Position und versuche, dann wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Der Zuschauer im Zirkuszelt könne gleichzeitig auf seinem Besucherstuhl sitzenbleiben und mit den fliegenden Menschen hoch unter der Zirkuskuppel imaginär mitfliegen. Bei all diesen oft hochriskanten und im jahrelangen Training perfektionierten Kunststücken schwinge aber immer die Präsenz des Todes mit.

Das Wort Zirkus beinhalte sowohl die Wortbestandteile „Zyklus“ als auch „Kreis“ („circle“). Auch wenn der Zirkus moderner Prägung erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts existiere, habe­ es vergleichbare Vorführungen­ weltweit in „heiligen Bezirken“ schon seit rund 9000 Jahren gegeben. Letztendlich dienten wohl alle Bemühungen der Zirkuskunst dem Ziel der Katharsis, der „Reinigung von Seele und Körper“.

Einen spannenden Einblick in den Alltag einer Zirkusartistin gab anschließend die frühere Trapezkünstlerin mit dem Künstlernamen Sandy Sun: Die Französin hat sich nach der Beendigung ihrer Artisten-Karriere, die sie in die ganze Welt geführt hatte, auch der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema Zirkus zugewandt. Sie berichtete darüber, dass ein schwerer Unfall, bei dem sie aus sieben Metern Höhe auf den Boden fiel, zu einer grundlegenden Veränderung ihres Trapezaktes geführt hatte. Standen vorher Risiko und Wagemut im Vordergrund, so sei ihre Nummer spielerischer und zu einer Art Trapez-Tanz geworden.

„Zirkus in der Literatur“: Dieses Thema, das auf der Tagung auch eine wichtige Rolle spielt, riss Mitorganisator Privatdozent, Dr. Jörg Schuster (Frankfurt), in seinem Vortrag an. So hätten bereits Schriftsteller wie Goethe und Schiller bei den Vorführungen von Gauklern im Vergleich mit der etablierten Kunst den lebendigen Reiz gesucht und gefunden. Man könne den Zirkus auch als ein Modell mit Vorbildcharakter für die gesamte literarische Moderne ansehen, meinte Schuster.

Für die Literaturwissenschaftlerin und Tagungs-Mitorganisatorin Dr. Anna Sophie-Jürgens (München/Canberra) ist der Zirkus ein beispielhafter Ort trickreicher Scheinerzeugung und authentischer Extremleistung. Er lebe von der Spannung des Widerspruchs und sei ein Spielfeld vielfältiger Inszenierungen, meint die Forscherin, die in ihrer Dissertation Werke zahlreicher Schriftsteller - von Franz Kafka bis zu Anthony Burgess - analysiert hat.

Bebildert ist ihre Dissertation mit Zirkus-Fotografien von ­Jürgen Bürgin. 38 dieser Fotos sind seit Donnerstag noch bis Mitte Dezember im Foyer­ der Marburger Uni-Bibliothek zu sehen. „Die pompöse Inszenierung im Zirkus wirkt in diesen Fotos aus dem Hintergrund“, sagte Jürgens. Dabei ­gelinge dem Fotografen eine subtile Lichtinszenierung. Der Fotokünstler aus Berlin fotografierte die Bilder innerhalb von drei Jahren unter anderem im Chinesischen Nationalcircus, im Circus Roncalli oder bei „Flic Flac“. Entstanden sind warme und helle, fröhliche Bilder, die ganz im Gegensatz zu der überbordenden, grellen und knallbunten Ästhetik vieler Zirkusplakate stehen, wie die Zirkusforscherin anmerkte.

von Manfred Hitzeroth

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