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Vom Zeltlager zum Geisterstadtteil

Islamischer Staat in Syrien Vom Zeltlager zum Geisterstadtteil

Stellen Sie sich vor, dass mehr als 90 Prozent der Häuser auf dem Bild leer stehen. Es gibt kein Haus in Al Jarmuk, das nicht schon von Kugeln oder Granaten getroffen wurde.

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Das Foto zeigt eine Ansicht von Al Jarmuk im Jahr 2012.Foto: Hadeel Badwi

Damaskus. Die meisten Häuser wurden Ziel von Plünderern. Die Menschen, die dort lebten und dem Assad-Regime kritisch gegenüberstanden, verloren alles - auch die tausend unterschiedlichen Träume von einer friedlichen Existenz. All das ist das Ergebnis von fünf Jahren Kampf in Al Jarmuk.

Nach der Gründung Israels im Jahr 1948 flohen insgesamt 500000 Palästinenser nach Syrien. Dort suchten sie nach Orten, an denen sie so lange leben konnten, bis sie wieder in ihre Häuser in Palästina zurückkehren würden. Ein Teil dieser Flüchtlinge wohnte in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus und gründete das Lager Al Jarmuk. Al Jarmuk ist ein etwa 2,1 Quadratkilometer großes Stadtviertel im Süden von Damaskus. Es war die größte palästinensische Gemeinde außerhalb Palästinas: Mehr als 160000 palästinensische Flüchtlinge wurden dort im Jahr 2006 vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina (UNRWA) registriert. Am Anfang war das Lager nicht mehr als ein Ödland, auf dem die palästinensischen Flüchtlinge damals in Zelten wohnten - in der Hoffnung, schnell wieder in ihr Land zurückkehren zu können. Niemand konnte damals wissen, dass diese Menschen niemals in ihre Häuser zurückkehren würden.

Im Lauf der Zeit entwickelte sich das Lager zu einem der wichtigsten kommerziellen Märkte in Damaskus. Aus dem Zeltlager wurde ein Stadtviertel mit immer mehr Häusern, das viele Menschen anzog, weil es im Herzen der Hauptstadt liegt und es dort viele Arbeitsmöglichkeiten gab.

Bis 2012 stieg die Bevölkerung auf fast eine Million Menschen an, von denen nur noch 20 Prozent Palästinenser sind. Weil in diesem kleinen Ort viele Menschen lebten, gab es ein reges Sozialleben mit vielen Möglichkeiten der kulturellen oder sportlichen Begegnung.

Am Morgen des 16. Dezember 2012 beschossen syrische Kampfflugzeuge eine Moschee in Al Jarmuk. Dabei wurden mindestens 80 Menschen getötet und viele weitere verletzt. An diesem Tag verließen viele Menschen fluchtartig den Ort. Zurück blieben weniger als 20000 Menschen, die sich weigerten, das Camp zu verlassen, um nicht noch einmal den „Nakba-Tag“ wiederzuerleben - jenen Tag des Jahres 1948, an dem die Palästinenser aus Palästina vertrieben wurden.

Belagerung als kollektive Bestrafung

Neustart als Journalist

Haytham Abo Taleb, der Autor der beiden Beiträge auf dieser Seite, wurde 1991 in Damaskus als Sohn palästinensicher Flüchtlinge geboren. Er wuchs in Al Jarmuk auf und ging dort zur Schule. Im Jahr 2012 verließ er Syrien, um nicht eingezogen zu werden. Die in Syrien lebenden Palästinenser  müssen in einer Armee Dienst leisten, die unter dem Kommando des Asssad-Regimes steht. Haytham Abo Taleb floh nach Algerien, wo er dank eines Stipendiums Geisteswissenschaften und Journalismus studieren konnte. In dieser Zeit war er in Algier als Redakteur bei der Onlinezeitung „Zaman Alwasel“ tätig und schrieb dort hauptsächlich über politische Themen. Als seine Aufenthaltserlaubnis in Algerien mit dem Studienabschluss erlosch, entschloss sich Haytham Abo Taleb dazu, nach Deutschland zu gehen. Eine Rückkehr nach Syrien war wegen seiner vorherigen „Fahnenflucht“ ausgeschlossen. Mittlerweile lebt der 26-Jährige in Stadtallendorf. Als anerkannter Asylbewerber besucht Haytham Abo Taleb einen Qualifizierungs- und Sprachkurs bei Integral mit dem Ziel, hier weiterzustudieren und als Journalist zu arbeiten. Im Mai und Juni absolvierte er ein Praktikum bei der Oberhessischen Presse.

von Carsten Beckmann

Ein paar Tage vor dem Luftangriff auf die Moschee war es zu einem Kampf zwischen der Assad-treuen „Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando‘‘ (PFLP-GC) und der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) gekommen. Die FSA brachte innerhalb weniger Stunden das gesamte Lager unter ihre Kontrolle. Deshalb begann das Assad-Regime ab Januar 2013 eine Belagerung Al Jarmuks als kollektive Bestrafung für die Menschen, die dort bleiben wollten. Diese Belagerung entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einer Totalblockade, die dazu führte, dass die Menschen Gras aßen und wahrscheinlich selbst Hunde und Katzen geschlachtet hätten, um zu überleben.

Bis zum Jahr 2015 starben mindestens 187 Männer, Frauen und Kinder an Auszehrung, weil das Lager mittlerweile ohne Lebensmittel, Medikamente, Strom und Wasser war.

Am 1. April 2015 stürmte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ Al Jarmuk und nahm 90 Prozent des Lagers ein. Auch die Al-Nusra-Front war zu dieser Zeit dort aktiv, die dem IS half, Al Jarmuk unter seine Kontrolle zu bringen. Aber nach kurzer Zeit begann ein Konflikt zwischen Al Nusra und dem IS, der viele Menschen dazu zwang, in Nachbarregionen zu flüchten, die unter der Kontrolle der Opposition waren.

Es war und ist zu riskant, in Al Jarmuk zu bleiben. Kinder zum Beispiel, die noch dort sind, müssen sich den „Lehrplänen“ des „Islamischen Staats“ fügen, das heißt, sie werden mit Extremismus und Rassismus indoktriniert. Der IS versucht auch ständig, das Bild des Islam zu beschmutzen. Deshalb köpfte die Terrormiliz allein in Al Jarmuk mindestens 25 Menschen „im Namen Gottes“.

Heute leben in Al Jarmuk nur noch rund 5000 Menschen - geduldet von der Terrormiliz IS auf der einen und dem Assad-Regime auf der anderen Seite. Sie erhalten Lebensmittel aus der Ortschaft Jalda, wo es einen Übergang nach Al Jarmuk gibt, der von der FSA kontrolliert wird. Doch dieser Übergang ist nicht immer offen. Deshalb leidet das Camp weiter unter Nahrungsmittelknappheit, es kommt zu Straßenkämpfen sowie Wasser- und Stromausfall.

Al Jarmuk ist nur ein Beispiel für das, was in Syrien passiert und noch passieren wird. Es gibt wahrscheinlich viele Orte, an denen die Menschen noch tragischere Momente erlebt haben als in Al Jarmuk. Doch die Tragödie dort ist noch nicht beendet.

von Haytham Abo Taleb

Haben, Sein und andere Klippen beim Deutschlernen

Die Sprache in einem neuen Land ist der Schlüssel zum Erfolg, und in Deutschland ist die Sprache der Schlüssel zur Integration. Flüchtlinge hören den zweiten Teil dieses Satzes häufig von Beamten.

Marburg. Flüchtlinge versu­chen zwar, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, stoßen dabei aber häufig auf Schwierigkeiten. Hunderttausende Flüchtlinge kamen in den letzten zwei Jahren nach Deutschland. Ein großer Teil von ihnen hat schon begonnen, in Integrationskursen Deutsch zu lernen. Ihr Ziel ist es, in Deutschland zu arbeiten oder zu studieren, viele von ihnen hatten einen erfolgreichen Start und konnten die Sprache in kurzer Zeit lernen. Auf der anderen Seite gibt es auch Flüchtlinge, die noch nicht richtig Deutsch gelernt haben, obwohl sie schon längere Zeit im Land sind. Das kann verschiedene Ursachen haben.

Wie ist es möglich, dass diese Menschen trotz ihres langen Aufenthalts in Deutschland die neue Sprache noch nicht beherrschen, obwohl sie viel Förderung und Unterstützung bekommen? Liegt es an der Schwierigkeit der Sprache oder wollen sie sich nicht in die neue Gesellschaft integrieren?

Der 20-jährige Syrer Ali Al-Scharif kam vor 18 Monaten nach Deutschland und absolvierte einen Kurs bei der Sprachschule ­DIWAN in Marburg. Ali erzählt von seinen Erfahrungen: „Während des Kurses hatte ich kaum Kontakt mehr mit Deutschen, das war enttäuschend für mich, und die Deutschen verwenden immer neue Wörter. Deshalb sollte man viele Vokabeln lernen.“ Die Fähigkeiten der Lehrerin seien für ihn nicht auf dem Niveau gewesen, das er sich gewünscht habe. Ali erzählt, sie habe oft selbst erst nachschlagen müssen, um Fragen der Schüler beantworten zu können: „Deswegen musste ich viele Stunden zu Hause lernen.“ Trotz dieser Schwierigkeiten spricht Ali jetzt fließend Deutsch – im Gegensatz zu vielen anderen Kursteilnehmern. „Der Altersunterschied ist das Hauptproblem. In meinem Kurs gab es viele ältere Leute, und die brauchen einfach mehr Zeit zum Lernen.“ Der 39-jährige Khaled Ganum besucht einen Integrationskurs im

Zentrum für Integration und Bildung (ZIB) in Marburg. Der Syrer sagt: „Ich denke jeden Tag an meine Familie, jeder von uns lebt an einem anderen Ort, deswegen kann ich mich nicht gut auf das Deutschlernen konzentrieren.“ Khaled Ganum fügt hinzu: „Ich habe immer den Kontakt zu Deutschen gesucht, um etwas Sinnvolleres zu machen, als zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, dass ich einen Platz in einem Sprachkurs bekomme. Deshalb versuchte ich auch, eine Beschäftigung zu finden, bei der ich die Sprache lernen kann. Aber leider habe ich nichts Geeignetes gefunden.“

Der Sprachkurs ist Teil des Integrationskurses, den Geflüchtete mit einer Aufenthaltserlaubnis besuchen. Die Teilnahme ist verpflichtend. Wer nicht an Integrationskursen teilnimmt, muss damit rechnen, dass ihm ein Teil seiner Leistungen gestrichen wird. Die allgemeinen Integrationskurse umfassen insgesamt 600 Stunden, spezielle Kurse für Menschen ohne Vorbildung bis zu 900 Stunden. Intensivkurse mit einer Dauer von 400 Stunden werden für all jene angeboten, die bereits mit einer guten Vorbildung nach Deutschland gekommen sind. Der Sprachkurs schließt mit der Prüfung „Deutsch-Test für Zuwanderer“ (DTZ) ab.

Viele Flüchtlinge sprechen miteinander nicht Deutsch, sondern ihre Muttersprache. Dadurch vergessen sie die deutschen Vokabeln wieder. Viele Erwachsene haben schon länger nicht mehr gelernt und das beeinflusst den Lernprozess.
Der Kreis Marburg-Biedenkopf bietet aktuell in Zusammenarbeit mit Integral und der Volkshochschule des Kreises sieben Sprachkurse in Biedenkopf, Gladenbach, Kirchhain, Marburg und Stadtallendorf mit insgesamt 184 Plätzen an. Kreis-Sprecher Stefan Schienbein sagt: „Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer Sprachkursangebote, zum Teil von freien Trägern, Ehrenamtlichen oder anderen Anbietern, die bei uns aber nicht erfasst sind.“ Daher gebe es keine verlässlichen Statistiken, in denen wirklich alle Teilnehmer erfasst sind. Für erwachsene Flüchtlinge und Asylbewerber, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist, gibt es sogenannte „Deutsch 4U“-Kurse, die vom Land Hessen finanziell unterstützt werden und jeweils 300 Unterrichtseinheiten umfassen.

In Marburg ist das „Portal Mauerstraße“ eine Anlaufstelle, die neben vielen anderen Angeboten auch Sprachkurse im Programm hat. Es gibt dort zurzeit 33 ehrenamtliche Lehrerinnen und Lehrer, die Menschen helfen, die noch keinen anderen Sprachkurs besuchen können. Gabriele Borgemeister und Barbara Reißland arbeiten als ehrenamtliche Lehrerinnen in diesem Zentrum und waren bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung
Camp Cappel aktiv, als die Flüchtlingswelle vor zwei Jahren Marburg erreichte.

Barbara Reißland sagt: „Unser Unterricht ist unterstützend für das, was die Integrationskurse leisten sollen.“ Es gibt aktuell bei ihnen ungefähr 20 Teilnehmer, doch Barbara Reißland weiß aus Erfahrung: „Wenn zum Beispiel in der Volkshochschule Sommerferien sind, wird es rapide ansteigen, weil viele Flüchtlinge weitermachen wollen.“ Gabriele Borgemeister sagt: „Wenn wir allein unterrichten, kann es sein, dass wir in einer Gruppe Analphabeten und besser Gebildete haben – das ist dann schon ein ziemlicher Spagat.“ Die Ehrenamtlichen versuchen also, möglichst immer zu zweit zu unterrichten. Schwierig sei in der Vergangenheit gewesen, dass das Portal mehrmals umzog – von Cappel nach Gisselberg und schließlich in die Mauerstraße: „Aber das haben wir ja auch bewältigt.“ Die sprachlichen Schwierigkeiten, mit denen die Kursteilnehmer zu kämpfen haben, sehen Borgemeister und Reißland hauptsächlich in der Grammatik sowie der Aussprache: „Die Umlaute sind schwer herauszuhören.“ Die Satzstellung sei ein wichtiges Kapitel, ebenso wie der Gebrauch von „Haben“ und „Sein“.

von Haytham Abo Taleb

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