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Vom Urlauber zum Katastrophenhelfer

Marburg Polizist half auf Philippinen Vom Urlauber zum Katastrophenhelfer

Verwüstung und Leid statt Sonne und Strand: Matthias Grüttner machte aus seiner Philippinen-Reise einen Hilfseinsatz im Katastrophengebiet.

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Die pure Zerstörung: Ein riesiges Containerschiff wurde an Land gespült, begrub Häuser unter sich. Bilder wie diese wird Matthias Grüttner nie vergessen. Der Polizist war zwei Wochen auf den Philippinen und leistete einen privaten Hilfseinsatz.

Tacloban/Marburg. Matthias Grüttner ist ein Abenteurer. Einer, der sich den Rucksack schnappt und die Welt bereist. Einer, der fernab von Hotelbungalows und Pauschaltourismus unterwegs ist, getrieben von der Sehnsucht, mitten in das Leben fremder Kulturen einzutauchen. Die mit Stecknadeln übersäte Weltkarte in seinem Büro im Polizeigebäude in Cappel zeugt davon.

„Andere Kulturen haben mich schon immer fasziniert“, sagt der 39-jährige Kriminaloberkommissar lächelnd. Lateinamerika und Asien haben es Matthias Grüttner besonders angetan. „Die Philippinen haben noch gefehlt“, erinnert er sich. Es sollte eine Reise werden, die er niemals vergessen wird. Denn Haiyan kam mit brutaler Gewalt. Der verheerende Taifun fegte im November 2013 mit mehr als 300 Kilometern die Stunde über die Philippinen und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Mehr als 5500 Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende wurden obdachlos.

„Ich wollte aber meine Reise nicht absagen und fing an, Spenden zu sammeln“, erzählt Grüttner. Durch seine Freundin Malika Zergoun, eine Flugbegleiterin, nahm er Kontakt zu einem ihrer Arbeitskollegen auf: George Davantes. Der 39-Jährige ist auf den Philippinen geboren, seine Familie lebt noch auf der Pazifikinsel. „George war schon kurz nach der Katastrophe vor Ort und hat sich einen Eindruck verschafft, wo man am besten helfen kann“, sagt Grüttner, der rund 4000 Euro in seinem privaten Freundeskreis sammelte. „Das war wirklich Wahnsinn, wie hilfsbereit die Menschen waren“, freut sich der Kriminaloberkommissar, der auch von der Hessischen Polizei in seiner Aktion unterstützt wurde.

Zerstörung und Chaos

Am 11. Januar war es dann so weit, über Manila machte sich Matthias Grüttner auf den Weg ins Katastrophengebiet. „Der Anflug auf Tacloban war völlig unwirklich“, erzählt er und lässt den Blick ins Leere schweifen. „Man kennt die Bilder aus dem Fernsehen, aber das in der Realität zu sehen, ist was völlig Anderes“. Zerstörung, Chaos, Verzweiflung so weit das Auge reicht. Nicht ein intaktes Haus, überall Schutt. Autos hängen in Bäumen, riesige Schiffe sind an Land gespült, haben Hütten und Menschen unter sich begraben. Überall Leichengeruch. Für Matthias Grüttner ist es ein „Wechselbad der Gefühle“. „Dir schlägt die Armut ins Gesicht, aber trotzdem wirst du von den Menschen mit offenen Armen empfangen.“ Grüttner wird bereits von Flugbegleiter George Davantes erwartet. „Das war super, George hat sein Ohr an der Basis, konnte sicherstellen, dass jeder einzelne Cent auch an der richtigen Stelle ankommt“, betont der 39-Jährige. In den zwei Wochen vor Ort kümmerten sich Grüttner und Davantes unter anderem um den Neubau eines Schuldaches. „Wir haben die Materialien gekauft, einen LKW besorgt und alles drei Stunden nach Marabut gefahren.“ Was sich dann in dem kleinen, völlig zerstörten Ort abgespielt hat, bewegt Grüttner noch heute. „Wir haben den LKW abgestellt und waren vielleicht zehn Minuten bei den Schulkindern, um Süßigkeiten zu verteilen. Als wir wieder nach draußen kamen, war das Baumaterial schon fast komplett abgeladen“, erzählt Grüttner gerührt. Jeder packte mit an. Männer und Frauen, Junge und Alte. „Sogar eine alte, körperbehinderte Frau wollte unbedingt helfen“, erinnert er sich. Bereits nach wenigen Tagen war das Schuldach wieder gedeckt, der Unterricht musste nicht mehr in einem nassen Zelt stattfinden.

Die Helfer gönnten sich keine Ruhe. „Ich habe kaum geschlafen in der Zeit, war echt fertig, aber es hat sich gelohnt.“ Eine kleine Insel hatte der Taifun besonders stark verwüstet, die Boote der Fischer waren alle zerstört. Also kauften Grüttner und Davantes 350 Hämmer, 350 Sägen und 350 Kilogramm Nägel und gaben den Fischern so Hilfe zur Selbsthilfe.

Auch 3000 Paar Flip-Flops, Lebensmittel und Saatgut verteilten die Helfer. „Ohne George wäre das alles nicht möglich gewesen“, betont Grüttner dankbar. Der Philippino handelte bei den Einkäufen den besten Preis aus, organisierte die komplizierte Logistik und stellte mit den Verantwortlichen vor Ort sicher, dass die Hilfsgüter gerecht verteilt wurden. Nachhaltigkeit war den deutschen Helfern dabei das Wichtigste.

Grüttner wird diese Reise nie vergessen. Nicht wegen des unfassbaren Leids, das er gesehen hat. Nicht wegen der persönlichen Erschöpfung, die er am eigenen Leib erlebt hat.

Sondern wegen der Dankbarkeit der Philippinos. Den strahlenden Kinderaugen. Dem stummen Lächeln der Menschen, die dank der Hilfe aus Marburg nun wieder ein wenig Hoffnung haben können.

George Davantes ist im März wieder vor Ort und kümmert sich um die Fortführung der Projekte. Er sammelt weiterhin privat Spenden. Wer helfen will, kann ihn per Email kontaktieren: georgedavantes@yahoo.de

von Nadine Weigel

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