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Vom Socken- zum Kasperletheater

Das wäre mal eine(r) Vom Socken- zum Kasperletheater

Den Spaß am Puppentheater hat Jens Steffen mit den Socken Hampel und Strampel gefunden. Mittlerweile spielt der Vorsitzende des Vereins Blaue Bühne Marburg regelmäßig Handpuppen- und Marionettentheater.

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Jens Steffen, Puppenspieler in der Blauen Bühne Marburg, mit seinem selbstgeschnitzten Kasperle. Rund um ihn herum hat er weitere Hohnsteiner Handspielpuppen im Zuschauerraum der Blauen Bühne in der Weidenhäuser Straße versammelt.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. Die Tür zur Blauen Bühne in der Weidenhäuser Straße steht offen. Hinter der Bühne lugt Willi um die Ecke. „Hallo, herzlich Willkommen“, sagt der kleine Mann, hebt die Hand und winkt. Willi hängt an Fäden - er ist eine Marionette und spielt eine Rolle im neuen Stück der Blauen Bühne „Nachts wenn die Kinder schlafen“. Dann tritt der Mann hinter dem Vorhang hervor, der Willi bewegt und ihm seine Stimme leiht: Jens Steffen, der Vorsitzende des Vereins der Blauen Bühne Marburg.

Am Rand der Bühne blickt der Besucher in bekannte Gesichter aus der Kindheit: Kasperle, Seppl und die Prinzessin sind dort versammelt. Der Kasper, der natürlich auch in Weidenhausen die Hauptrolle spielt, ist sogar ein ganz besonderes Exemplar. „Jeder Puppenspieler sollte eigentlich mal seinen eigenen Kasper schnitzen“, sagt Steffen. Der Aufwand ist zwar immens, lohnt sich aber, findet er. Seinen Kasper hat Steffen nach dem Vorbild der sogenannten Hohnsteiner Handspielpuppen angefertigt, wie sie auf der Blauen Bühne zum Einsatz kommen.

Erste Erfahrung im Puppenspielen machte Steffen mit improvisiertem Sockentheater für seine Kinder. „Das würde ich jedem Vater empfehlen, es ist einfach und fasziniert die Kinder.“ Die Erzählungen der Socken Hampel und Strampel darüber, was die Beine am Tag alles erlebt haben, entspannen die Situation sehr, wenn die Kinder sich fürs Bett fertig machen sollen, verrät Steffen. Seine fünf Töchter sind mittlerweile erwachsen, der 63-Jährige spielt nun seinen drei Enkeln Sockentheater vor.

Steffen schlüpft gerne in andere Rollen

Neben dem Kasperle gibt Steffen gerne mal den Räuber. „Ich bin ein relativ lieber Mensch, deshalb mag ich es, auch mal andere Rollen zu spielen.“ Am liebsten sind ihm die Stücke mit Handpuppen. „Da haben die Charaktere direkten Kontakt mit den Kindern. Die Kleinen werden mit eingebunden, und es ist interessant, was sie dann so erzählen.“

Die fünf aktiven Spieler der Blauen Bühne proben montags mit den Handpuppen, mittwochs mit den Marionetten, und versuchen jeden Monat eine Aufführung anzubieten. „Das Marionettentheater lebt von der Bewegung, die Kinder sind da mehr in der Zuschauerrolle. Es ist erstaunlich, wie sie dann zur Ruhe kommen.“ Das Spiel mit den Pendelmarionetten ist anspruchsvoll, neben den Proben nehmen die Spieler zusätzlich an speziellen Kursen teil.

Auf Anfrage tritt die Blaue Bühne auch auswärts auf, in Schulen, oder etwa kürzlich im Seniorenheim in Cölbe. Neben den Bewohnern waren auch Kindergartenkinder zu Gast. „Das war eine interessante Erfahrung“, erzählt Steffen. „Ich bin nach der Aufführung mit dem Bären nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Erwachsenen zugegangen, und auch da war der Bär gerne gesehen.“

So wie in Cölbe durchbrechen die Spieler der Blauen Bühne gerne nach dem Stück bewusst die Illusion und kommen hinter dem Vorhang hervor. „Was ich nicht so gerne mag, ist, wenn die Eltern ungefragt mit ihren Kindern hinter die Bühne kommen und alles auflösen wollen.“

Die Bühne hat der Verein in einer „Nacht- und Nebelaktion“ selbst gebaut, erklärt Steffen, nach dem Vorbild der Hohnsteiner Spielweise, die die Tiefe der Bühne und verschiedene Kulissenteile nutzt. An vielen Ecken ist Zubehör wie Klingeln und Glocken angebracht.

Im Laufe der Zeit hat sich das Puppentheater stark gewandelt, erzählt Steffen. „Früher gab es in den Stücken viel Gewalt und sogar Rassismus, der Kasper hat oft draufgehauen.“ Erst der bekannte Spieler Max Jacob prägte Anfang des 20. Jahrhunderts die Kasperle-Rolle, wie wir sie heute kennen. „Nach dem Vorbild von Till Eulenspiegel ist der heutige Kasper viel klüger und arbeitet mit Tricks.“

Verein will die Hohnsteiner Spielweise weiter pflegen

Seit der Verbreitung des Fernsehens laufe es für das Puppentheater nicht mehr so gut, beschreibt Steffen. Um die Hohnsteiner Spielart weiterzupflegen, gründete sich 2011 die Blaue Bühne.

Unter anderem spielt die Gruppe auch von Steffen selbstgeschriebene Stücke, wie „Die Zauberkiste“. Ein anderes Stück entwickelte Steffen gemeinsam mit seinen Kindern. In „Verbieten verboten“ geht es um strenge Nachbarn, die Kindern etwa das Kreidemalen auf dem Gehsteig untersagen.

Steffens Töchter Ruth und Marie-Luise waren eine Zeitlang ebenso bei der Bühne aktiv, wie es Steffens Frau Monika noch heute ist. Außerdem spielen derzeit noch Elke Bierwirt aus Stadtallendorf und die Familie Kunze aus Friebertshausen mit.

Manches Stück würde Steffen aus heutiger Sicht eventuell etwas anders schreiben, sagt er. „Ich bin zwar kein studierter Pädagoge, aber ich finde, man muss das Leben so abbilden, wie es ist.“

  • Die nächste Möglichkeit, die Marionettenbühne der Blauen Bühne zu erleben, bietet sich am 3. September zum Tag der offenen Tür anlässlich des Weidenhäuser Höfefests.

von Philipp Lauer

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