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Vom Schrottlaster ins Herz der Familie

Schwalbe Vom Schrottlaster ins Herz der Familie

Es begann mit einer Wette und Webers Abneigung gegen die "DDR-Knatterdinger". Heute würde er seine Schwalbe "Pauline" nie wieder "Knatterding" nennen.

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So sah Wolfgang Webers Schwalbe aus, als er sie zum ersten Mal sah - und er hätte fast wieder einen Rückzieher gemacht. Aber versprochen ist versprochen und so fährt er heute täglich mit einer glänzend polierten, fachmännisch restaurierten Schwalbe zur Arbeit auf die Lahnberge.

Quelle: Wolfgang Weber

Marburg. Als Wolfgang Weber zum ersten Mal eine Schwalbe sah, war er zehn Jahre alt und auf „Berlinerkundung“ mit seinen Eltern in der DDR. „Schon damals wirkten die Schwalben am Straßenrand auf mich wie aus dem Mittelalter“, erzählt Weber.

Bis vor einem Jahr wäre es für ihn nicht in Frage gekommen, so ein „DDR-Knatterding“ zu fahren. Er fuhr einen vergleichsweise modernen Yamaha Aerox-Roller mit Elektrostarter und Automatikgetriebe - Luxus auf den er eigentlich nicht mehr verzichten wollte. Der neue Roller musste zwar bei jedem Defekt in die Werkstatt, doch basteln will Weber ohnehin lieber an Modellflugzeugen, als an Mopeds.

Vor acht Jahren hat er die Modellfluggruppe des Segelflugvereins Amöneburg mitgegründet. Sein größtes Flugzeug hat eine Spannweite von sechs Metern, etliche hat er restauriert und wieder verkauft. Ein Hobby, das ihn erfüllt. Sein Moped sollte deshalb kein Hobby sein, sondern ein sparsames Verkehrsmittel, das ihn täglich zuverlässig hoch auf die Lahnberge bringt.

Sein Sohn sah das anders. Mit 17 entschied Johannes sich gegen den Protest seines Vaters für eine Schwalbe. Auch wenn sie Öl verlor und im Winter zu Anfang oft nicht ansprang - er kannte ein Geheimnis, das den Retro-Roller bis heute beliebt macht: Er ist schneller als alle modernen Roller. Das traut man den Oldtimern kaum zu, aber die Straßenverkehrsordnung macht es möglich. Wenn ein Roller heute zugelassen wird, darf er nicht schneller als 45 Kilometer pro Stunde fahren. Johannes Schwalbe wurde in der DDR zum ersten Mal zugelassen und so gilt die damalige Höchstgeschwindigkeit bis heute: 60 kmh!

Mit einem Haufen Schrott fing alles an.

Im April entdeckte Wolfgang Weber im Vorbeifahren auf einem Schrottlaster eine Schwalbe. Er dachte, sein Sohn könnte sie ausschlachten und einige Teile bei ebay verkaufen. Aber ein paar Stunden und eine feuchtfröhliche Geburtstagsparty später, sah der Plan schon ganz anders aus: „Wenn Du dem Schrotti die Schwalbe für 100 Euro abschwatzen kannst, nehm‘ ich sie und baue sie auf.“

Am nächsten Tag stand die Schwalbe vor der Tür. Sie war in einem traurigen Zustand. Zwar schienen Rahmen, Karosserie und Fahrwerk noch brauchbar, aber die Elektrik und der Motor machten einen bedauernswerten Eindruck. Der Vergaser, Zylinderkopf und der Zylinder fehlten - ebenso die Sitzbank der komplette Scheinwerfer und noch weitere Kleinteile. Vieles war stark verrostet oder defekt. „Ich atmete tief ein, sah dem Schrotthändler in die Augen und versuchte einen Rückzieher.“ Aber zum Schluss stand Weber zu seinem Wort: Er erstellte einen Restaurations-Plan, beantragte die Fahrzeugpapiere, kaufte Ersatzteile und legte los.

Wolfgang Weber mit seiner Tochter auf der restaurierten Schwalbe "Pauline"

Quelle:

Wie er es sich beim Modellbau angewöhnt hatte, dokumentierte der gelernte Schlosser jeden einzelnen Schritt. Aus den Fotos und Erfahrungen beim Bau schrieb er später sogar ein Buch: „ Der Wessi und die Simson Schwalbe“. (erschienen im epubli Verlag)

In dem Buch können Interessierte nachlesen, wie sie an Papiere für eine Schwalbe kommen. Wo es Ersatzteile gibt und wie man zum Beispiel den Tank von innen entrostet.

„Die Technik in der Schwalbe ist darauf ausgelegt, dass man sie selber reparieren kann“, sagt Weber. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Für den ausgebildeten Schlosser waren die Arbeiten an der Karosserie und ein verbesserter Bremslicht-Schalter kein Hexenwerk, seine langjährige Modellbauerfahrung kam ihm zugute und dann waren da noch ein paar Helfer: Der Inhaber des Marburger Geschäfts Moped-Kult Christian Reinke ist ein anerkannter Simson-Experte und konnte alle Ersatzteile besorgen. Seine Söhne, halfen Weber unter anderem mit der Elektronik und beim Einstellen des Motors. Und „wenn man erstmal jemanden aus der Szene kennt, findet man auch einen Bastler, der den Motor überholt und nach einer Woche wieder zurückschickt“, erzählt er. Insgesamt hat ihn das Projekt 800 Euro gekostet, aber im Betrieb ist sie günstig: „Seit April habe ich 36 Euro Versicherung gezahlt und sie verbraucht auch nur 2,5 Liter auf 100 Kilometer.“

Eigentlich hatte sich Weber zwei Jahre für das Projekt gegeben, aber schon sechs Wochen später drehte er mit der inzwischen grünen Schwalbe die erste Runde. Im Juni wurde das Moped von der versammelten Familie Weber auf den Namen „Pauline“ getauft und ordentlich in die Familie aufgenommen. „Manchmal“, so Wolfgang Weber, darf Pauline sogar im Haus schlafen.

Zur Person: Pfleger, Bastler und Autor

Wolfgang Weber ist ausgebildeter Schlosser, arbeitet aber als OP-Pfleger am Uniklinikum Marburg. Die Schwalbe würde er nicht sein Hobby nennen, das ist die Fliegerei. Die Modell-Fliegerei um genau zu sein und Modellflieger-Bauen. Dafür ist seine Arbeit im OP wiederum eine gute Übung: „Bei einer sechsstündigen Operation kann man auch nicht einfach mal rausgehen und Pause machen, da lernt man dran zu bleiben“, sagt Weber. Wenn man sieht, mit welcher Sorgfalt und Liebe zum Detail er seine Schwalbe und diverse Modellflugzeuge restauriert hat, steht fest: Bei Weber ist man auch im OP gut aufgehoben.

von Thomas Strothjohann

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