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Vom Schlagerstar zum Barbier

Matthias Carras Vom Schlagerstar zum Barbier

Der Schlager ist gestorben - zumindest für Matthias Blöcher. Nach Burn-out und Klinik verschwand der Künstlername Carras. Statt Mikrophon hält er nun eine Schere in der Hand. Im Barber-Shop beginnt sein neues Leben.

Damals und heute: Sein Leben als Schlagersänger Matthias Carras (kleines Bild) hat Matthias Blöcher hinter sich gelassen. Nun lernt er im ersten Barber-Shop Marburgs auch den Messerschnitt. Sein Chef Rabiey Oweid (rechts) zeigt, wie es geht.Foto: Dennis Siepmann / Privat

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. „Ich bin dein Copilot“ war sein größter Hit. Auch diese Aufnahme wird jetzt wohl in der Truhe mit den Erinnerungen landen. Matthias Blöcher hat mit seiner Zeit als Schlager-Star abgeschlossen. Der voluminöse Bart, der heute sein Gesicht ziert, ist nicht nur optisches Zeichen der Veränderung. „Früher durfte ich ja nie Bart tragen“, sagt er und meint sein Image als Schwiegermutter-Traum.

In „Rabys Barber Shop“ in der Marburger Biegenstraße hält er nun Fön und Kamm in der Hand. Alles auf Anfang. Wie damals vor der Sangeskarriere, als er die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Modegeschäft in Biedenkopf machte. Nun ist er wieder Lehrling. Mit 51 Jahren fängt er nochmal ganz von vorne an - und ist glücklich dabei. Endlich mal wieder Alltag: „Wenn ich abends nach Hause komme, weiß ich wieder, was ich gemacht habe“, sagt er.

Den Pop-Sänger Mathias Carras gibt es nicht mehr. Staddessen gibt es nun den Friseur-Lehring Matthias Blöcher. Der Name Carras ist weg, dafür trägt Blöcher nun einen voluminösen Bart.

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Mit dem Entschluss, das Leben als Schlager-Pop-Barde hinter sich zu lassen, sei eine riesige Last von seinen Schultern gefallen ist. Ein Grund war auch sein veränderter Musikgeschmack: „Es war einfach nicht mehr das, was ich persönlich hören würde“, sagt er über seine letzten Veröffentlichungen. Revolverheld sei derzeit eine Band, die ihm gut gefällt. Ganze 25 Jahre hielt der Hinterländer dem Schlager die Treue. Er trat in Clubs und Diskos auf und ersang sich eine loyale Gefolgschaft. Fans campierten sogar vor seiner Wohnung.

Dem Rausch folgt Einsicht

Ausführlich verfolgte auch die Oberhessische Presse die Karriere des Familienvaters. Zum Beispiel bei einer Veranstaltung aus dem Jahr 2000: „Als kurz vor Mitternacht Matthias Carras die Bühne betrat und seine Single ,Du bist so süß, wenn du sauer bist‘ im Rahmen einer 45-Minuten-Show sang, erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt“, heißt es in einem Artikel über das Open-Air-Festival „Carras und Freunde“.

Über 2000 Besucher strömten damals ins beschauliche Katzenbach. Zwei weitere Auflagen des Festivals folgten in den Jahren 2001 und 2004. Die Maschinerie lief so noch eine ganze Zeit weiter. Platte folgte auf Platte, doch der große Durchbruch blieb dem Hinterländer verwehrt. Dafür schlich sich über die Jahre mehr und mehr Unzufriedenheit in sein Leben. „Ich war irgendwann nur noch ein Produkt“, sagt Blöcher über sein Dasein als Schlagersänger: „Das hat mich schließlich aufgefressen“.

Zu den moralischen Bedenken gesellten sich dann auch noch finanzielle Sorgen. „Ich habe dann auch nicht mehr das Geld verdient, wie früher“. Der Tod seines Vaters und eine schwere Erkrankung seiner Mutter verstärkten die Sinnkrise. Schließlich übernahm die Depression komplett die Kontrolle. „Ich habe mich nicht getraut, es zuzugeben, nicht vor Freunden und auch nicht vor meiner Familie“, sagt er rückblickend. Blöcher igelte sich zuhause ein, ging nicht mehr vor die Tür. Selbst das Klingeln des Telefons habe ihn in Angstzustände versetzt. An einem Abend im März dieses Jahres fing er ohne Grund an, Alkohol zu trinken. „Etwas, das ich vorher nie getan habe“.

Dem Rausch folgt die Einsicht, dass etwas nicht stimmt: „Plötzlich habe ich erkannt, dass ich mein Leben nicht mehr so weiterführen kann. Also habe ich zu meiner Frau gesagt, dass sie mich in die Klinik fahren soll“, sagt Blöcher. Die Ärzte diagnostizierten „Burn-out“. Es folgten drei Monate stationärer Aufenthalt. Danach folgte der Bruch mit seinem alten Leben. Familie und Management haben hinter seiner Entscheidung gestanden, sagt er. Mit einem Facebookpost setzte er den Schlusspunkt.

Unterschiedliche Reaktionen

Viele Fans hätten sich nach Bekanntwerden der Burn-out-Erkrankung bei ihm gemeldet. Einige seien traurig über die Entscheidung gewesen, andere hätten sich auch verständnislos bis aggressiv gezeigt. Matthias Blöcher lässt das nicht kalt, aber nun hat er einen neuen Weg eingeschlagen.

Am 1. September öffnete Rabiey Oweid seinen Barber-Shop in Marburg. Einer der ersten Kunden war der 51-Jährige. „Er hat sich bedienen lassen und dann gefragt, ob er einen Lehre bei mir machen kann“, schildert Oweid die erste Begegnung. Schnell merkte der Friseurmeister und ausgebildete Barbier wie ernst es dem Hinterländer war. Noch im ersten Monat seiner Ausbildung sagt der Chef über seinen Azubi: „Er macht sich sehr gut und ist engagiert bei der Sache. Ich bin froh, dass ich ihm eine Chance für einen Neustart geben konnte“.

„Nein“, gescheitert sei er nicht. Nicht als Mensch. „Höchstens am Künstlerdasein“, sagt Matthias Blöcher. Aber die Welt des Schlagers sei sowieso nicht mehr seine gewesen. Nach dem Zusammenbruch habe sich keiner seiner ehemaligen Kollegen mit den großen Namen gemeldet. Niemand habe wissen wollen, wie es dazu kam und wie es ihm geht. „Da merkt man erst Mal in welcher Oberflächlichkeit man gelebt hat“, lautet das Urteil des Biedenköpfers.

von Dennis Siepmann

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