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Vom Ministerium über Marburg nach Moskau

Spionage-Prozess Vom Ministerium über Marburg nach Moskau

Der Michelbacher Angeklagte schmierte in Den Haag einen Ministeriumsmitarbeiter und gelangte so an Nato- und EU-Papiere. Ein holländischer Regierungsbeamter ist morgen im Spionage-Prozess als Zeuge geladen.

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Ein beliebtes Ziel für Touristen: Der Nordseestrand bei Scheveningen. Auch Andreas Anschlag soll hier Zeit verbracht haben.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Regelmäßig stieg Andreas Anschlag in sein Auto und  fuhr von Marburg-Michelbach nach Holland. Er besuchte beliebte Urlaubsziele, so wie es Touristen aus Deutschland gerne machen. Den Nordseestrand bei Scheveningen und den breiten Boulevard. Das Aquarium Sea‑life und die Miniaturstadt Madurodam. Alles ganz normal. An all diesen Orten in der Haager Regierungsstadt begegnete er stets einem Niederländer Raymond P., der ihm Dokumente oder USB-Sticks aushändigte. Im Tausch dafür bekam P. ordentlich Kohle, stets einige tausend Euro. Die brauchte der Ex-Diplomat, der fast 30 Jahre in Asien gelebt hatte, für seinen luxuriösen Lebensstil.Russischer Agent hinterließ Spuren: Er wurde geblitzt.

Nato-Geheimnisse für wenig Geld

Der Marburger Andreas Anschlag, übrigens nicht sein richtiger Name, konnte zufrieden sein. Gerade eben hatte der russische Spion für relativ wenig Geld Nato-Geheimnisse, EU-Papiere und sonstige streng vertrauliche Sachen aus dem niederländischen Außenministerium bekommen. Es ging um brisantes Top-Secret-Material: die neue Nato-Kommandostruktur, Details über Militäroperationen in Afghanistan, Libyen, Kosovo und Georgien. Als wäre
nichts passiert, besuchte Anschlag dann touristische Attraktionen wie die Heineken-Brauerei in Amsterdam oder den Rotterdamer Hafen. Er hinterließ eine Menge Spuren: mit seinem Handy, mit seiner Kreditkarte in diversen Hotels, mit seinem Wagen, als er zu schnell fuhr und geblitzt wurde. Der Mann bezahlte übrigens brav das Bußgeld. Der ehemalige KGB-Agent Anschlag verpackte die Informationsschätze  in sogenannte „tote Briefkästen“ in der Erde, wo sie von russischen Konsulatmitarbeitern abgeholt wurden, und fuhr zurück zu seinem Mietshaus in Marburg-Michelbach, wo seine Frau Heidrun und seine Tochter auf ihn warteten.

Unauffälliges Leben in der Provinz

Anschließend lebte der Ingenieur wieder sein unauffälliges Leben in der mittelhessischen Provinz.
Nachdem sowohl Andreas Anschlag als auch seine Frau Heidrun Ende 2011 im Marburger Stadtteil Michelbach von Elite­polizisten verhaftet wurden, schauen die Niederländer gespannt nach Stuttgart, wo vor dem Oberlandesgericht der Prozess gegen die beiden Agenten des russischen Nachrichtendienstes SWR stattfindet. Und 640 Kilometer weiter, in Den Haag, begann gleichzeitig die Gerichtsverhandlung gegen Raymond P.
P. war Vize-Konsul in Hongkong, und arbeitete, als er nach Holland zurückkam, in der Visumsabteilung des Ministeriums. Seit dieser Zeit ist sein Verrat an die Russen belegt.
Die Holländer fragen sich, wie es sein kann, dass ein total unauffälliges Ehepaar von Marburg aus eine Spionagestory wie aus dem Kalten Krieg hinlegen kann – mit einem perfekten Deckmantel, gefälschten Pässen aus Österreich und Kommunikation über Kurzwelle mit der Zentrale in Moskau.

Wer Andreas und Heidrun Anschlag gesehen hat, weiß, dass sie keine russischen James Bonds sind, keine Spione, die ihr Äußerliches so einsetzen wie die hübsche Anna Chapman. Die brünette Russin wurde nach ihrer Enttarnung in den USA eine weltweite Medienpersönlichkeit und wurde gefeiert als die Agentin ‚90-60-90’, alias ‚00SEX’.
Morgen wird in Stuttgart ein niederländischer Mitarbeiter des Außenministeriums  darlegen, wie der Geheimnisdiebstahl aus dem Departement über Michelbach, nach Moskau stattgefunden hat. Vor einigen Wochen berichteten vor dem Oberlandesgericht zwei Kriminalpolizisten als Zeugen, wie der Kontakt mit den russischen Agenten funktionierte.

Voraussichtlich 15 Jahre Haft

In Holland geht man davon aus, dass P. in einer Woche voraussichtlich zu einer Strafe von bis zu 15 Jahren Haft verurteilt wird.
Rob Savelberg ist Deutschlandkorrespondent für die Tageszeitung De Telegraaf und den niederländischen Rundfunk. Vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hatte er als einziger ausländischer Journalist
einen Platz im NSU-Prozess, der übermorgen in München
beginnt.

Rob Savelberg

Rob Savelberg ist Deutschlandkorrespondent für die Tageszeitung De Telegraaf und den niederländischen Rundfunk. Vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hatte er als einziger ausländischer Journalist
einen Platz im NSU-Prozess, der übermorgen in München
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