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Vom Kaiserreich bis zur Demokratie

Forschung Marburg Vom Kaiserreich bis zur Demokratie

Die Geschichte des Auswärtigen Amtes von seiner Gründung im Jahr 1870 bis in die Gegenwart hat der Marburger Historiker Professor Eckart Conze in einem Band für den C.H. Beck Verlag aufgearbeitet.

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Das Auswärtige Amt befindet sich seit Anfang der 90er Jahre in diesem Bau in der deutschen Hauptstadt Berlin.Archivfoto: dpa

Marburg. Seit der Gründung in der Kaiserzeit bis heute hat die Institution denselben Namen: Das Auswärtige Amt war bereits in dem knapp 900 Seiten umfassenden Band „Das Amt“ der Forschungsgegenstand von Professor Eckart Conze. In dem vor drei Jahren publizierten Forschungsbericht, den er zusammen mit seinen drei Kollegen Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (USA) und Moshe Zimmermann (Israel) vorgelegt hatte, waren die Verstrickungen der Diplomaten des Auswärtigen Amtes in den Nationalsozialismus und die Auswirkungen der Ereignisse zwischen 1933 und 1945 auf die nachfolgenden Jahrzehnte in der Bundesrepublik Deutschland das Hauptthema. In dem nun vorgelegten 144 Seiten umfassenden Band widmet sich Conze auch der Vorgeschichte des Auswärtigen Amtes, das im ausgehenden 19. Jahrhundert von dem damaligen Reichskanzler Otto von Bismarck errichtet worden war.

Bei der Arbeit an dem großen Untersuchungsbericht für die unabhängige Historikerkommission war Conzebewusst geworden, dass „eine wissenschaftlich seriöse Gesamtdarstellung der Geschichte des Amtes von 1870 bis heute fehlt“, wie er im Gespräch mit der OP erläutert.

Diese liefert er jetzt nach und fragt unter anderem, ob das damalige Amt aus der Kaiserzeit noch mehr mit dem Außenministerium der Gegenwart verbindet als nur der Namen. Das Auswärtige Amt sehe sich bis heute in der Kontinuität des 1870 gegründeten Ministeriums, meint Conze. So werde regelmäßig an runden Jahrestagen der Gründung gedacht. Zudem gebe es bei aller Unterschiedlichkeit in der Tagespolitik nach wie vor ein besonderes gemeinsames Bewusstsein der im Auswärtigen Amt Beschäftigten, eine Art speziellen Korpsgeist.

„Ideologische Brücken“in die NS-Zeit

Dieser werde auch in der Gegenwart durch die Befürchtung genährt, der Auswärtige Dienst könne im Zeitalter der immer schnelleren und besseren Kommunikationsmittel an Bedeutung verlieren. Seien die Botschafter in europäischen Hauptstädten im 19. Jahrhundert noch so mächtig wie kleine Fürsten gewesen, so sei der Handlungsspielraum der Diplomaten von heute demgegenüber sehr viel stärker eingeschränkt, betont der Marburger Historiker.

Schon im Kaiserreich sei das Auswärtige Amt eine Bastion nationalkonservativer Funktions-Eliten gewesen, betont Conze. Alle Versuche, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ab 1918 in der Weimarer Republik Quereinsteigern aus anderen politischen Lagern den Einstieg in den diplomatischen Dienst zu ermöglichen, seinen prinzipiell fehlgeschlagen. Das Auswärtige Amt der Weimarer Republik sei zwar kein von den Nationalsozialisten unterwanderter Dienst gewesen. Jedoch habe es ideologische Brücken gegeben, die nach 1933 eine Kooperation mit den Nationalsozialisten erleichtert hätten. Dass das Auswärtige Amt zwischen 1933 und 1945 ein „Hort des Widerstands“ gegen die NS-Diktatur gewesen sei, diese nach 1945 von hohen Diplomaten des Ministeriums aufgestellte Behauptung sei spätestens mit dem 2010 vorgelegten Bericht der Historikerkommission auch für eine breite Öffentlichkeit nachvollziehbar widerlegt worden, erläutert Conze.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei von Kräften innerhalb des Auswärtigen Amtes immer wieder der Versuch unternommen worden, die Mitwirkung des Amtes an der verbrecherischen Politik des Dritten Reiches und die NS-Belastung deutscher Diplomaten herunterzuspielen. Jedoch habe sich bereits in den 90er Jahren „ein kritischerer Blick auf die Geschichte des Auswärtigen Amtes eingestellt“, beurteilt Conze.

Wandlungsprozesseauch im Auswärtigen Amt

Klar sei, dass das 1951 neu gegründete Auswärtige Amt die Tradition des alten Auswärtigen Amtes nicht fortgesetzt habe, sich aber auch nicht gänzlich von der Traditionslinie abgekoppelt habe. Die Wandlungs- und Transformationsprozesse in der gesamten westdeutschen Gesellschaft nach dem Kriegsende und dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes hätten sich auch auf das Auswärtige Amt ausgewirkt. „In komplexen, spannungsreichen und immer wieder konflikthaften Entwicklungen“ habe auch das Auswärtige Amt seinen Platz im demokratischen Institutionengefüge eines freiheitlichen Staatengefüges gefunden. Dieses sei zwar keine reine Erfolgsgeschichte gewesen, aber letztendlich sei diese Transformation geglückt, bilanziert der Marburger Historiker. Dazu beigetragen hätten auch die außenpolitischen Notwendigkeiten einer Aussöhnung, die zunächst im Zeichen der Westintegration und danach der Ostpolitik Willy Brandts gestanden hätten.Bei der Arbeit an seiner Gesamtgeschichte des Auswärtigen Amtes fiel Conze noch einmal besonders stark auf, wie weit die NS-Vergangenheit noch in die Geschichte der Bundesrepublik hineingereicht habe.

von Manfred Hitzeroth

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