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Vom Esel lernen und langsamer werden

Tiere als Therapeuten Vom Esel lernen und langsamer werden

Hektik und Autorität sind hier fehl am Platz. Vom Esel lernen heißt, das Abwarten zu lernen - und Teamarbeit zu praktizieren. Bei Heike Keller und ihren vier Eselstuten können Menschen in die Lehre gehen.

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Durch flauschige Ohren betrachtet: Heike Keller lernt täglich von ihren Eseln, die kleinen Dinge zu sehen und zu lachen. Schmusetier: Glöckchen lässt sich von Anja Keller ausgiebig kraulen. Neugierde, eine Eseleigenschaft: Dem Fotografen schauten die Stuten ganz genau auf die Linse.

Quelle: Tobias Hirsch

Rachelshausen. Die Esel machen den ersten Schritt. Sie entscheiden, wann sie den Kontakt zum Besucher aufnehmen wollen. Wer abwarten kann, hat schon gewonnen - und braucht gar nicht mal so viel Geduld.

„Unsere Esel sind sehr freundlich und zugewandt - sie wollen immer bei den Menschen sein“, sagt Heike Keller und lächelt. Mit der Besitzerin von „Krafts-hof“ in Rachelshausen stehen wir im Paddock der vier Esel-stuten Glöckchen, Ylvie, Nayla und Tensh und sprechen darüber, was einen Esel ausmacht. In dem einen oder andern Dorf im Landkreis sieht man schon mal einen Esel auf der Koppel stehen - doch sind diese Tiere den meisten Menschen eher fremd. „Dabei haben sie so viel zu bieten“, sagt Keller, die uns anlässlich des „Welttags des Esels“ am 8. Mai auf ihren Hof eingeladen hat.

"Hektik akzeptieren Esel nicht"

Am Anfang lassen die Tiere mit den langen, flauschigen Ohren noch ein wenig Vorsicht walten, schauen sich die beiden Fremden zurückhaltend an, rücken näher, entscheiden dann, dass die beiden Besucher wohl in Ordnung sind und weichen ihnen fortan nicht mehr von der Seite. „Hektik und ein autoritäres Auftreten akzeptieren Esel nicht“, weiß Heike Keller, „aber wenn im Team gearbeitet wird, sind sie immer dabei und machen alles mit. Dabei lernen wir Menschen, dass wir nicht nur auf uns schauen dürfen, wenn wir mit anderen Lebewesen in Kontakt treten wollen“. Die 50-jährige Sozialpädagogin, Reittherapeutin und heilpraktische Psychotherapeutin befasst sich seit vielen Jahren eingehend mit Pferden und Eseln - und damit, wie Menschen von dem Kontakt zu den Tieren profitieren können. „Hyperaktiven Kindern oder gestressten Menschen helfen die Esel, ganz ruhig zu werden - einfach durch den Kontakt, denn wer mit dem Esel in Berührung kommen möchte, der muss ruhig werden“, sagt Keller.

Ich habe indes eine neue Freundin gefunden. Nayla steht entspannt neben mir und wartet auf Streicheleinheiten, während ich mir von Heike Keller weiter erklären lasse, wie Esel so ticken. „Auch untereinander gilt bei den Eseln: Keiner ist hier der Chef über die anderen, jeder hat mal das Sagen“, erläutert die Therapeutin.

Mein Kollege Tobias ist für die anderen der Rockstar. Vor allem die verspielte Stute Glöckchen hat allergrößtes Interesse an der Fotokamera und bekommt gar nicht genug davon, sich den klickenden Kasten aus nächster Nähe anzuschauen und zu beschnuppern.

Mensch und Esel auf Entdeckungstour

Heike Keller und Anja Keller, eine Freundin, die bei der Eselpflege hilft, müssen über die neugierige Eselstute lachen. „Das ist typisch Glöckchen“, sagt Anja Keller, „sie ist immer die Erste, wenn es was Neues gibt und zeigt gern, was sie kann.“ Neues sehen und gemeinsam mit den Eseln auf Erkundungstour zu gehen, das gehört zu den Angeboten, die Heike Keller auf „Kraftshof“ zur festen Einrichtung machen will. Die Marburgerin kaufte vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Gerd Battenfeld einen alten Vier-Seit-Hof mitten im Hinterland - als Zuhause und Arbeitplatz für Menschen, Pferde und Esel. Die vier Stuten hat Heike Keller inzwischen zu Therapie-Eseln ausgebildet - das bedeutet, dass die Tiere es gelernt haben, sich auf fremde Menschen einzustellen und sich von ihnen am Halfter führen zu lassen. Und so geht es dann gemeinsam auf Tour.

Das Bergdörfchen Rachelshausen, gelegen im wunderschönen Naturpark Lahn-Dill-Bergland mit der eindrucksvollen Kulisse eines stillgelegten Diabas-Steinbruchs und mit Ausblick bis weit ins Land, bietet die Kulisse dafür. Heike Keller ist als Naturpark-Führerin ausgebildet und geht mit Menschen und Eseln ins Gelände. „Das funktioniert prima“, berichtet ihre Kollegin Anja Keller, „sogar wenn man nicht so besonders fit ist, kann man auf den Wanderungen mit den Eseln mithalten, denn sie haben ein sehr angenehmes Tempo.“ Die maximale Gruppenstärke dabei sind zwölf Personen - „etwa Wandergruppen, die das zur Erholung machen, oder Abteilungen einer Firma, die einen Betriebsausflug unternehmen“, erklärt Heike Keller.

"Der Kontakt zu diesen Tieren tut einfach gut"

Die Esel machen bereitwillig mit, „wenn man mit ihnen kooperiert“, sagt Keller und lacht, „sonst kann es auch schon mal passieren, dass sie stehen bleiben und sich erstmal nicht vom Fleck rühren.“Doch zumeist klappt die Verständigung zwischen Mensch und Esel, Freundschaften werden geschlossen. „Ich denke an einen Mann, der mit uns im Gelände war - während der gesamten Wandewrung hatte er seinen Arm um den Esel gelegt und lief neben ihm her“, erzählt sie lächelnd. „Der Kontakt zu diesen Tieren tut einfach gut - sie sind echte Herzensöffner und helfen uns, wieder die kleinen Dinge zu sehen und zu lachen.“ Die vorwitzige Eselstute Glöckchen scheint zu wissen, wovon Heike Keller redet - sie hat es gerade geschafft, mit den Zähnen einen Schnürsenkel zu öffnen.

von Carina Becker

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