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Vom „Beer to go“ und dem „Dilldopp“

Erzählcafé Marbach Vom „Beer to go“ und dem „Dilldopp“

Schon vor 60 oder 70 Jahren haben sie gemeinsam auf der Straße gespielt, bis heute halten sie ­Kontakt – die alten Spielkameraden vom Marbacher Weg.

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Dutzende ehemalige „Marbach-Kinder“ trafen sich nach vielen Jahrzehnten erneut im Restaurant Sellhof wieder, um alte, fröhliche wie kuriose Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit aufzufrischen.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. An eine Zeit, in der noch kaum Autos durch die Marbach fuhren, in der es andere Probleme und andere Interessen gab und in der man noch „Hüpper“ oder „Ballprobe“ spielen konnte, und das mitten auf der heutigen Lebensader der Marbach – daran erinnern sich zahlreiche „Marbach-Kinder“ bis heute gern.

Diese sind heute in den 70ern oder 80ern – und erinnern sich noch bestens „an die alte, oft auch
karge Zeit“. Rund 40 Ehemalige und Anwohner trafen sich am vergangenen Donnerstag im Restaurant Sellhof, um bei einem gemeinsamen Essen über ihre gemeinsame Kindheit zu plaudern und lebendig gebliebene Erinnerungen auszutauschen.

„Weißt du noch damals“ – fiel an diesem Abend des Öfteren. „Man kennt sich einfach, hat viel Schönes und Schicksalhaftes zusammen erlebt“, erzählt Hilde Fiebiger, die das „Erzählcafé der besonderen Art“ gemeinsam mit Freundin Hiltrud Bender initiierte. Beide wuchsen einst als Nachbarskinder am Marbacher Weg 30 auf. Viele ihrer damaligen Spielkameraden und allerhand Menschen, die in den 1930er-Jahren bis 1960er-Jahren in der Marbach aufwuchsen, haben sie wiedergefunden und erneut zusammengebracht.

Und denen sind nicht nur die gemeinsame Schulzeit sondern vor allem die Spiele, die sie als Kinder so gerne spielten, im Gedächtnis geblieben: Besonders beliebt war seinerzeit Völkerball, „Hüpper“ (Murmelspiel), Treppenschule, Diabolo, Dilldopp (Kreiselspiel) oder Hickelkästchen. Auch „Telefonieren“ war damals ein Spiel, bestand in der handylosen Zeit noch aus zwei Pappbechern, die als Sprachrohr mittels Bindfaden von einer zur anderen Straßenseite verbunden wurden.
Als großer Spielplatz diente einfach die Straße – bei dem heutigen Verkehrsaufkommen undenkbar. Damals war das anders, „es war eine sichere Straße, auf der man einfach spielen konnte“, erinnert sich Friederike Heipel.

Damals war das größte Fahrzeug gerade mal die Zugmaschine samt Anhänger von den Behringwerken, die auf dem Kopfsteinpflaster entlang polterte und Torf oder Stroh für die im Werk gehaltenen Tiere transportierte. Ansonsten kam vielleicht einmal ein gemächliches Pferdegespann vorbei, das Holz in die Marbach brachte. Pferde sah man häufiger, erinnern sich die Anwesenden. Die wurden regelmäßig vom Hauptbahnhof zu den Behringwerken geführt, wo ihnen Blut für Seren und Impfstoffe entnommen wurde. Deren Hinterlassenschaften sammelten die Bewohner immer auf, um mit den Pferdeäpfeln ihre Gärten zu düngen.

„Wir waren eigentlich immer draußen“

Neben der Straße wurde auch der angrenzende Götzenhain als großer Abenteuerspielplatz genutzt. Jungen und Mädchen bauten sich Baumhäuser und Laubwohnungen, fingen Schmetterlinge und stromerten generell an der frischen Luft herum, „wir waren eigentlich immer draußen, nah am Schloss und dem Wald“, weiß Dieter Bender noch bis heute. Im Herbst ließ man am Hasenküppel selbstgebaute Drachen steigen, im Winter fuhr man am Dammelsberg und der alten Behringswiese noch mit Schlitten oder im Köhlersgrund Ski. Am großen Teich wurde Schlittschuh gelaufen.

Ende der 1940er gab es bereits loses Schoko- und Vanilleeis. Der „Eiswagen“, ein kleiner Handkarren mit zwei Eis­kübeln, wurde durch die Straßen geschoben, ein Highlight für die Marbacher Kinder. Als „Einkaufszentrum“ diente das Kolonialwarengeschäft, in dem es Mehl, Zucker, Marmelade oder Milch gab, während man aus der Gaststätte noch das „Philippus Bräu“ per Henkelglas holte, „als Beer to go“, erinnert sich Fiebiger.

Eine wahrer Sturzbach an diesen und zahllosen weiteren Erlebnissen aus dem Alltag einer anderen Zeit füllte den fröhlichen, gemeinsamen Erinnerungsabend, den die rund 40 ehemaligen „Marbach-Kinder“ in vollen Zügen genossen.

von Ina Tannert

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