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Vollzeit-Arbeit schützt nicht vor Armut

Aufstocker im Landkreis Vollzeit-Arbeit schützt nicht vor Armut

Die gute Nachricht vorweg: Die Zahl der Arbeitnehmer, die mit ihrem Gehalt den Alltag bewältigen können, steigt. Dennoch reicht bei 1110 Marburgern das Einkommen nicht zum Leben.

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Wenn das Gehalt nicht zum Leben reicht: 1110 Menschen in Marburg haben im Dezember 2012 ihren Lohn mit Hartz IV aufgestockt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Nur geringfügig sank die Zahl in der Universitätsstadt. 2011 waren es noch 1124 Arbeitnehmer, die zum monatlichen Gehalt zusätzlich Hartz-IV-Leistungen bekamen. Von Entspannung, geschweige den Trendwende kann für Elli Nießen von der Bürgerinitiative für soziale Fragen (BSF Marburg) keine Rede sein. Im Gegenteil. Zur Beratungsstelle am Richtsberg kommen regelmäßig Menschen, die Vollzeit arbeiten gehen und dennoch nicht annähernd das Nötigste zum Leben bezahlen können.

In Deutschland heißt das: Wenn ein Single weniger als 930 Euro verdient, gilt er als arm. Für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Schwelle bei 1950 Euro. Inklusive aller Zusatzleistungen vom Staat.

Von solchen Zahlenspielen hält Elli Nießen nicht viel. Sie erlebt es in ihrer täglichen Arbeit im Büro am Richtsberg, was es für die Menschen bedeutet, wenn sie arbeiten gehen und trotzdem ihre Familie nicht ernähren können. Etwa 10000 Menschen leben in diesem Teil Marburgs, gut die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet. Zudem sind viele im Niedriglohnsektor beschäftigt. Und das über Zeitarbeitsfirmen. „Wir haben Familienväter, die 40, 45 Stunden die Woche arbeiten und dennoch nur 900 Euro verdienen. Damit kann man keine Familie ernähren“, sagt Elli Nießen. Die rückläufigen Zahlen sind für sie Makulatur. Denn: in der Statistik tauchen diejenigen, die Wohngeld oder zusätzliches Kindergeld in Anspruch nehmen, erst gar nicht auf. „Und das machen viele.“

Für die BSF versteckt sich hinter der Zahl der Aufstocker vor allen eines: „Das ist ein indirekter Zuschuss für die Firmen, die ihren Mitarbeitern nicht den ausreichenden Lohn bezahlen.“ Etliche Ratsuchende kommen zur Anlaufstelle im Damaschkeweg, haben Probleme mit dem Ausfüllen der Papiere oder haben Probleme mit Gläubigern. „Wir vertreten die Interessen der Leute. Es ist keine Frage von Migration. In eine solche Lebenslage kann jeder geraten.“

Wenn das Geld nicht für die Miete reicht, dann schon gar nicht für Strom und Gas. „Viele rutschen in die Schuldenfalle und wissen nicht mehr ein noch aus“, berichtet Elli Nießen. Die Dunkelziffer, sagt sie, ist noch viel höher. Der Gang zum Sozialamt kommt nicht infrage, aus Scham. Allein die psychische Belastung, die mit einer Überprüfung bei den Behörden einher geht, überfordert viele. „Bei mir sitzen Familienväter in Tränen aufgelöst. Existenzen sind bedroht, die Angst ist riesig.“

Grundsätzlich sei die Zusammenarbeit mit dem Kreis-Job-Center nach den Erfahrungswerten von Elli Nießen hervorragend. Die Kollegen seien sehr fit und würden auch ein Auge auf menschliche Dinge haben. „Das ist in vielen anderen Städten nicht selbstverständlich.“

Die Bürgerinitiative für soziale Fragen in Marburg dient als Anlaufstelle für die Anwohner am Richtsberg. Ein Stamm von zwölf Mitarbeitern garantiert Hilfe in allen Lebenslagen. Von Beratung bis Nachmittagsbetreuung, von Kommunikation und Integration bis haushaltsnahe Dienstleistungen bietet der Verein Unterstützung in dem sozialen Brennpunkt .

von Carsten Bergmann

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