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Volles Haus bei „Dr. House“

Professor Schäfer über seltene Krankheiten Volles Haus bei „Dr. House“

Erfolgreicher Auftakt: 
Zu der ersten Bürgervorlesung „Rundum gesund“ von UKGM und Fachbereich Medizin kamen mehr als 300 Menschen.

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Professor Jürgen Schäfer, der „deutsche Dr. House“, referiert im Hörsaalgebäude.

Quelle: Till Conrad

Marburg. Mit so viel Andrang hatten die Veranstalter nicht gerechnet. Die Auftaktvorlesung der Reihe „Rundum gesund“ musste kurzerhand in einen größeren Hörsaal verlegt werden – und auch der war fast bis auf den letzten Platz besetzt.

Das lag sicherlich auch an dem Referenten: Er heißt mit bürgerlichem Namen Professor Jürgen Schäfer, ist der Öffentlichkeit aber besser bekannt als der „deutsche Doktor House“, benannt nach der Titel­figur in der gleichnamigen TV-Serie. „Dabei bin ich ihm gar nicht so ähnlich“, scherzte Schäfer, „Dr. House ist viel erfolgreicher, aber menschlich schwieriger.“

Zumindest ist Professor Schäfer inzwischen bundesweit bekannt. Seit Gründung des von ihm geleiteten Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen (Zuse) haben ihn aus ganz Deutschland mehr als 4500 Anfragen erreicht – Anfragen von verzweifelten Menschen, die teils seit Jahrzehnten an schweren Krankheitssymptomen leiden, ohne dass ihnen geholfen werden konnte.

Viele sind von Arzt zu Arzt geeilt, bei vielen ist der Gebrauch von Schmerzmitteln oder Psychopharmaka an der Tagesordnung. „Bei dieser hohen Zahl von Anfragen bekommt man Schlafstörungen“, sagt Schäfer vor dem Auditorium. Dabei sind „seltene Krankheiten“ gar nicht so selten: Die Wissenschaft kennt mehr als 7000, betroffen sind in Deutschland 4 Millionen Menschen – „mehr, als die FDP Wähler hat“.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit nötig

Einmal wöchentlich besprechen die Zuse-Spezialisten gemeinsam mit niedergelassenen Ärzten die Fälle, verabreden weitere Diagnose-Schritte und werten Ergebnisse aus. Nicht umsonst heißt der Titel von Schäfers Vortrag „Diagnostik als Detektivarbeit“: Mehr als drei Viertel der Arbeit an einem Fall geht für die Anamnese, also die Analyse der Leidensgeschichte, drauf.

So wie bei jener Patientin mit jahrelangen fürchterlichen Kopfschmerzen, bei der eine somatische Depression diagnostiziert worden war – körperliche Symptome, die nicht erklärbar waren und dann – „wie so oft in solchen Fällen“ als psychosomatische Krankheit eingestuft wurden.

„Schlimme Fehldiagnosen“ habe es da schon gegeben. Im Falle der jungen Frau fanden die Ärzte um Professor Schäfer schließlich heraus, dass die 
Beschwerden auf eine hormonfrei­setzende Spirale 
zurückzuführen waren. Die Frau ließ die Spirale entfernen und ist seitdem beschwerdefrei. Der Fall ist insofern typisch, als hier verschiedene Fachleute nur getrennt voneinander gearbeitet haben: „Der Hausarzt denkt nicht an die Spirale, der Gynäkologe weiß nichts von den Kopfschmerzen.“

Bei Dr. House ist das anders, da ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit Arbeitsprinzip – aber die Arbeitsweise bei Zuse, darauf verweist Schäfer gegen Ende seines Vortrags, ist kostenintensiv, verlangt beispiels­weise die Nutzung von Datenbanken und bildgebender Verfahren – und kann deswegen nur an einem Universitätsklinikum gemacht werden. Ein Kreis­krankenhaus wäre überfordert. „Leider“, so Schäfer, „wird das von den Krankenkassen bei der Erstattung nicht ansatzweise abgebildet.“

von Till Conrad

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