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Vogelschützer kritisiert Windrad-Pläne

Lebensgefahr für Vögel Vogelschützer kritisiert Windrad-Pläne

Professor Martin Kraft ist sauer: "Ich sehe mich als Vogelschutzbeauftragter der Stadt bei der Planung von Windkraftanlagen übergangen."

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Solche Windkraftanlagen wie hier in Wollmar könnten bald auch auf den Lahnbergen stehen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Ornithologe Professor Martin Kraft ist Vogelschutzbeauftragter der Stadt Marburg und sagt, der Bau von Windkraftanlagen auf den Lahnbergen, egal an welcher Stelle, müsse unbedingt verhindert werden. Hätte die Stadt ihn mit einem sogenannten avifaunistischen Gutachten beauftragt, das sich mit der Gefährdung der Vogelwelt auseinandersetzt, dann müsste er dort den städtischen Windkraftplanungen eine klare Absage erteilen. Das wisse auch Dr. Franz Kahle (Grüne), sagt Kraft und vermutet, dass der Bürgermeister ihn deshalb nicht angefragt habe.

Kahle sagt auf Nachfrage der OP: „Martin Krafts Funktion als Vogelschutzbeautragter der Stadt spricht dagegen, ihn mit dem Gutachten zu betrauen.“

Dieser wiederum begegnet den „vielversprechenden“ avifaunistischen Gutachten, von denen Kahle gegenüber der OP gesprochen hat, mit großer Skepsis. „Die Erstgutachten werden immer von der Windkraftlobby in Auftrag gegeben, entsprechend günstig für diese fallen sie dann auch aus“, sagt er im Gespräch mit der OP und übt nicht nur Kritik an Kahle, sondern auch an dessen Partei, den Grünen: „Ich kann es nicht verstehen, dass eine Partei, die sich ursprünglich für den Naturschutz stark gemacht hat, den Bau von Windkraftanlagen vorantreibt, obwohl diese nachweislich eine große Gefahr besonders für Zugvögel, aber auch die bei uns ansässigen Brutvögel bedeuten.“ Kahle hält dem entgegen: In Deutschland gebe es mittlerweile 25000 Windkraftanlagen. Und wissenschaftliche Untersuchungen hätten gezeigt, dass dadurch zum Beispiel die Gänse- und Kranichpopulation nicht verhindert worden sei.

Im Kreis ideale Verhältnisse für Brut- und Rastvögel

Das Gebiet vom Ohmbecken über die Lahnberge bis ins Lahntal bietet laut Kraft aufgrund seiner einzigartigen topografischen Lage ideale Verhältnisse für Brut- und Rastvögel, darunter auch viele Arten, die auf der Roten Liste stehen. Weite Teile der Ohmsenke und des Lahntals seien zudem EU-Vogelschutzgebiete. „Mindestens eine Million Zugvögel fliegen während der Herbstsaison, die bereits Ende Mai zum Beispiel für die weiblichen Waldwasserläufer beginnt und für sogenannte Kälteflüchter oft erst Mitte Januar endet, in wärmere Gegenden“, weiß Kraft aus jahrzehntelangen eigenen Beobachtungen. „Unser Gebiet ist eine überregional bedeutsame Vogelzugstraße.“ Zahlreiche bedrohte Arten wie die Heide- und Feldlerche, Baum-, Wiesen- und Brachpieper seien während ihrer Rast zu beobachten.

Die laut Kraft von der Windkraftlobby finanzierten ornithologischen Gutachten behaupten, Vögel zeigten ein „Meideverhalten“, würden also den Windkraftanlagen ausweichen. „Das ist Nonsens“, schimpft Kraft und berichtet von 2500 mit Windrädern kollidierten Vögeln, die er vor Jahren binnen 50 Stunden im Vogelsberg gezählt hat. „Manche Tiere werden regelrecht geschreddert.“

Waldrodungen vernichten Brutmöglichkeiten

Bei Windstille, schwachem Gegenwind und Rückenwind würden die Zugbahnen der Vögel, die im Herbst aus Nordosten Richtung Südwesten fliegen, so hoch liegen, dass Windkraftanlagen auf den Lahnbergen keine Gefahr bedeuten.

„Je stärker jedoch der Gegenwind wird, und im Herbst kommt er oft aus Südwest, desto niedriger ziehen die Vögel“, weiß Kraft, „und geraten so in größte Gefahr durch die an den Spitzen bis zu 400 Kilometer pro Stunde schnellen Windräder“. Diese Gefahr scheint das Regierungspräsidium laut Kahle nicht zu sehen, „sonst wäre der ,Lichte Küppel‘ nicht in den Regionalplan aufgenommen worden“.

Doch nicht nur durch die Windkraftanlagen selbst drohen laut Kraft der Vogelwelt tödliche Gefahren. „Durch die damit einhergehenden Waldrodungen werden auch unverzichtbare Brutmöglichkeiten für heimische Vögel vernichtet“, sagt Kraft - darunter zahlreiche gefährdete bis stark gefährdete Arten wie Wespenbussard, Rot- und Schwarzmilan, Wanderfalke, Baumfalke, Haselhuhn, Rauhfuß- und Sperlingskauz, Grau- und Mittelspecht, Schwarzstorch, Gartenrotschwanz und Wendehals.

von Michael Arndt

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