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Völlig neue Diagnose-Möglichkeiten

Medizinphysiker-Tagung Völlig neue Diagnose-Möglichkeiten

Auch Forscher dürfen träumen. So hatten Medizinphysiker, deren Zunft sich dieser Tage an der Philipps-Universität zur Jahrestagung traf, überlegt, Krebszellen durch Antimaterie zu zerstören.

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Ein Kind wird im Kinder-Herzzentrum Gießen auf einer Liege in den Magnetresonanztomographen (MRT) geschoben. Auf der ­Marburger Tagung wurden Filme aus einem MRT gezeigt, was bislang undenkbar war.

Quelle: dpa

Marburg. Die Forscher wollten Gewebe nicht mit Wasserstoffatomen oder Kohlenstoffatomen beschießen, wie es nächsten Monat am Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT) auf den Lahnbergen erstmals geschieht, sondern mit Anti-Wasserstoff. Trifft diese Antimaterie auf die reale Materie des Tumors, so zerstrahlen die Kollisionspartner.

Das hört sich an wie Science Fiction und wird es auch bleiben. Anti-Wasserstoff erzeugt man nicht einfach so. Man muss schon ans Europäische Teilchenforschungszentrum Cern nach Genf gehen und dort auf eine Forschungsdosis Antimaterie warten.

Die Ergebnisse, die Stefan Sellner nun auf der Tagung präsentierte, waren dürftig. Fachleute wie Oliver Jäckel vom Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) blieben skeptisch. Das werde wohl noch seine 10, 20 Jahre brauchen. Wenn überhaupt. Doch auch die Partikeltherapie der Heidelberger und Marburger brauchten ihre 20 Jahre von der Utopie zur Wirklichkeit. Wegbereiter und Biophysiker Gerhard Kraft, damals an der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt tätig, wurde denn auch folgerichtig auf der Tagung ausgezeichnet.

Spektakulär und ein Highlight der Tagung war die Demonstration von Jens Frahm vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, der Filme aus dem Kernspin- oder Magnetresonanztomographen (MRT) zeigte. Bislang war das undenkbar. Patienten müssen für ein paar Aufnahmen für viele Minuten bis eine halbe Stunde in die Kernspinröhre. Frahm und seine Mitstreiter in Göttingen habe nun die Bildaufnahme und die Algorithmen der Bildberechnung so weit verfeinert, dass sie bis zu 100 Bilder pro ­Sekunde aufnehmen können.

Herzschlag, Blutfluss und Schlucken live verfolgen

Damit können Ärzte dynamische Prozesse wie den Herzschlag, den Blutfluss oder das Schlucken live verfolgen. „Das gibt uns ganz neue Möglichkeiten für die Diagnose“, sagt Frahm. Der Forscher meinte sogar, dass praktisch jedes moderne MRT-Gerät für diese Filmaufnahmen nachgerüstet werden könne.

Moderne Diagnosemittel und Bildgebung wie Computertomograph und Kernspin können den Ärzten zwar zeigen, wo ein Tumor sitzt. Leider können die Geräte wegen ihrer Größe oder dem Strahlenschutz nicht während der Operation den Weg weisen. Der Operateur ist auf seine Erfahrung und sein Geschick angewiesen. „Ziel muss es sein, möglichst alles Tumorgewebe zu entfernen, restlos“, sagt Susanne Lütje von der Uniklinik Essen.

Sie hat daher einen sogenannten Marker entwickelt, der einen Tumor gleich doppelt brandmarkt. Der Stoff wird in die Blutbahn gegeben, findet irgendwann eine Tumorzelle und haftet sich an deren Oberfläche fest.

Tumor schimmert grünlich unter der Lampe

Der Marker hat nun zwei Molekülanhängsel. Das eine Anhängsel markiert den Tumor im Bild des Computertomographen. Der Chirurg weiß dann, wo der Tumor sitzt, wie groß er ist, und kann die Operation planen. Öffnet der Operateur nun mit dem Skalpell oder minimalinvasiv mit der Sonde das Gewebe, so kann er das zweite Anhängsel des Markierstoffs mit einer Lampe zum Leuchten bringen. Der Tumor schimmert grünlich. „Dadurch kann der Tumor möglichst restlos entfernt werden“, sagt Lütje. Der Operateur schneidet eben alles weg, was irgendwie noch grünlich schimmert. Für diese Idee, die an einer Maus funktioniert hat, und jetzt in einer klinischen Studie untermauert werden soll, erhielt Lütje auf der Tagung den Forschungspreis der Behnken-Berger-Stiftung.

Solche Beispiele zeigen für die Tagungsleiter Klemens Zink und Martin Fiebich von der Technischen Hochschule Mittelhessen, wie die medizinische Physik die Therapieresultate bei der Krebsbekämpfung Schritt für Schritt verbessern kann.

von Martin Schäfer

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